Von Ruhs bis Restle: Die üblichen Verdächtigungen
Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist zu Ausgewogenheit verpflichtet. Wer das festhält, kann leichter analysieren, was gerade durcheinandergeht.
Foto: Violeta Santos Moura/Reuters
E ndlich mal wieder große Aufregung über den linksgrünsversifften öffentlich-rechtlichen Rundfunk! Der jetzt aus Nairobi berichtende Kollege Georg Restle (ehemals „Monitor“) hat in seinem privaten X-Account eine These des linken US-Magazins The Nation geteilt.
Diese These sieht in Sachen Ceuta einen „growing US-Israeli-Moroccan nexus“ am Werk mit dem Ziel „to weaken a progressive European government, divide Europe, and undermine international law“. Also einen US-israelisch-marokkanischen Komplex, der eine progressive europäische Regierung schwächen, Europa spalten und internationales Recht untergraben will.
Restle hat dabei zunächst das auch in The Nation an der These klebende Fragezeichen vergessen, es später nachgeschoben und sich dafür entschuldigt. „Ich mache mir dieses Zitat weder zu eigen, noch hätte ich es selbst so formuliert“, schrieb Restle auf X. „Daher war es ein Fehler, dieses Zitat so kommentarlos wiederzugeben.“
Dass die Ereignisse in Ceuta nicht ganz spontan, sondern auch gesteuert verliefen und diversen Interessen von Marokko bis Migrationshardlinern in die Tasche spielten, ist unbestritten. Ob Israel mit drin hängt und es billige Rache wegen Spaniens kritischer Haltung zum israelischen Vorgehen in Gaza war, ist Spekulation.
Dünne Suppe
End of story? Natürlich nicht. Felix Schotland, WDR-Rundfunkrat und Vorstandsmitglied der Synagogen-Gemeinde Köln, hat das große Pro-Israel-Fass aufgemacht und den WDR ganz offiziell an seine angebliche Verpflichtung zu „Neutralität“ gemahnt. Worauf nicht von Schotland, aber aus anderen Kreisen Antisemitismusvorwürfe in den sozialen Medien über Restle hereinbrachen.
Gerne noch mal, der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist zu Ausgewogenheit, nicht zu Neutralität verpflichtet. Und nicht jede kritische Nachfrage zu Israel ist gleich antisemitisch. Diese Grundsätze eines progressiven Europas gehen leider gerade mehr und mehr unter.
Und werden von üblichen Verdächtigen befeuert. „Wir brauchen JETZT eine Festung Europa“, fordert die geostrategische Expertin Julia Ruhs in der Bild. Denn die Menschen in Ceuta sind natürlich weder Flüchtlinge noch Migrant*innen, sondern „wieder einmal fast ausnahmslos junge Männer“, die sich ja bloß „ins gemachte Nest setzen“ wollen und dann später Weihnachtsmärkte überfallen usw.
Das ist von mir jetzt ungefähr so haarsträubend verkürzt wie Ruhs' Darstellung, dass „die Europäer“ für ihren Wohlstand schließlich schwer „geschuftet haben“ und die „jungen Männer“ nicht „die Aufopferung voriger Generationen“ sehen wollten. Das ist noch dünner als die übliche schwarzblaue Wassersuppe. Aber die Spaltung lässt grüßen.
Julia Ruhs ist übrigens auch Mitarbeiterin des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und moderiert die vom Bayerischen Rundfunk verantworteten, total neutralen Ausgaben des konservativen Magazins „Klar“. Von kritischen Anmerkungen aus dem BR-Rundfunkrat ist bislang noch nichts bekannt. „Wo ist denn der Protest für etwas? Immer ist oder hat man was dagegen?“, fragt die Mitbewohnerin.
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