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Wahlen in Russland Zu gefährlich für Putin

Kommentar von

Barbara Oertel

Die russische Oppositionspartei Jabloko wurde von der Parlamentswahl im September ausgeschlossen. Ein Grund dürfte ihre wachsende Popularität sein.

W er hätte das gedacht: Die liberale russische Partei Jabloko darf bei den Wahlen zur Staatsduma im kommenden September nicht antreten. Das Fallbeil niedergehen ließ der vorsitzende Richter des Verfahrens beim obersten Gericht Wjatscheslaw Kirilow – ein Mann mit Meriten und stets zu Diensten, wenn es darum geht, Kri­ti­ke­r*in­nen der Politik des Kreml kaltzustellen.

Das „Sündenregister“ von Jabloko ist sattsam bekannt: illegale Finanzierung aus dem Ausland, Extremismus, Unregelmäßigkeiten in den Unterlagen der Kan­di­da­t*in­nen sowie Unterstützung der LGBTQIA+Community. Vor allem dürfte jedoch ihre Position zu Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine der Partei den Garaus gemacht haben: Jabloko tritt für ein sofortiges Ende der Kampfhandlungen ein und sagt öffentlich, was immer mehr Menschen in Russland nolens volens zur Kenntnis nehmen müssen: dass Wladimir Putins sogenannte militärische Spezialoperation auch ihr Land in den Abgrund führt.

Als die Zentrale Wahlkommission Jabloko im Juli überraschend zur Wahl zuließ, rätselten viele Be­ob­ach­te­r*in­nen über das Warum: Um einen Testballon steigen zu lassen? Um dem Urnengang, der diesen Namen nicht verdient, einen pseudodemokratischen Anstrich zu verpassen? Schöner scheitern lassen, lautete Putins Motto in der Vergangenheit: Seit 2003 blieb Jabloko offiziellen Angaben zufolge stets unter der Fünfprozenthürde. Doch das ist angesichts des wachsenden Zulaufs seit der Zulassung zur Wahl vor allem junger Menschen dieses Mal offensichtlich keine Option.

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Ein weiterer Grund, warum der Kreml bei Jabloko nun doch den Stecker gezogen hat, könnten die Spekulationen über einen Konflikt zwischen der Präsidialverwaltung und dem Geheimdienst FSB sein, die sich beide um die Wahlen „kümmern“. Ob da etwas dran ist und was das für die Zukunft bedeuten könnte, bleibt vorerst offen.

Ver­tre­te­r*in­nen von Jabloko haben angekündigt, gegen das Urteil vom Montagabend in Berufung gehen zu wollen. Diesen Schritt, so verständlich er auch sein mag, könnten sie sich eigentlich sparen. Denn positive Überraschungen sind im Drehbuch von Wladimir Putin nicht vorgesehen.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Barbara Oertel Ressortleiterin Ausland

Geboren 1964, ist seit 1995 Osteuropa-Redakteurin der taz und seit 2011 eine der beiden Chefs der Auslandsredaktion. Sie hat Slawistik und Politikwissenschaft in Hamburg, Paris und St. Petersburg sowie Medien und interkulturelle Kommunikation in Frankfurt/Oder und Sofia studiert. Sie schreibt hin und wieder für das Journal von amnesty international. Bislang meidet sie Facebook und Twitter und weiß auch warum.
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2 Kommentare

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  • Drissejal

    Spätrömische Verhältnisse in Russland. Putins krankhafter Ehrgeiz, gespeist aus einem ausgeprägten Minderwertigkeitskomplex, führt Russland unaufhaltsam in den Abgrund. Der heldenhafte Widerstand der Ukrainer, mit dem er nicht gerechnet hat, war der Anfang vom Ende. Das Ende: die seit Jahrhunderten durch Russland/SU unterjochten Völker (Tataren, Baschkiren, die Liste ist sehr lang) werden der "Föderation" den Rest geben.



    Zurück zum Thema, Verzeihung: Jabloko beweist Mut, kurzfristig aber wohl vergeblich.

  • Oleg Fedotov

    1933 und 2026



    Faschisten fürchten und verbieten die Opposition, weil diese es schaffen könnte, den Terror zu beenden