Gedenkkultur in der Ukraine: Eine Grünfläche für Roman Ratuschnyj
Der ukrainische Umweltaktivist Roman Ratuschnyj wurde im Krieg getötet. Mit einem Festival führen seine Familie und Freunde sein Engagement fort.
Foto: Ruslan Kaniuka/Ukrinform/ABACA/dpa
Mitarbeit: Yelizaveta Landenberger
Vor seinem Tod dachte Roman Ratuschnyj an seine Familie, an seine Freunde, an sein geliebtes Kyjiw – und an einen Maulbeerbaum. Er sorgte sich um einen berühmten, zweihundert Jahre alten Baum im Hof des Gedenkhauses Taras Schewtschenko in der ukrainischen Hauptstadt. „Schewtschenko-Baum“ wird er auch genannt, weil er den wohl berühmtesten ukrainischen Dichter inspirierte und direkt an dessen einstigem Wohnort steht. Ratuschnyj wollte, dass der beschädigte Baum überlebt – auch für den Fall, dass er selbst nicht überlebt.
Roman Ratuschnyj setzte sich nicht nur für den Erhalt dieses Baums ein, er war einer der prominentesten Umweltschützer der Ukraine. Auf ihn ging eine Bürger*inneninitiative zurück, die den kleinen Stadtwald Protasiv Yar nahe dem zentralen Bahnhof Kyjiw-Passaschyrskyj vor der Bebauung schützen sollte.
Als der Immobilienkonzern Daytona Group LLC im Jahr 2019 an dieser Stelle drei 40-stöckige Gebäude errichten wollte und bereits Bauzäune aufgestellt hatte, gründete er die NGO Save Protasiv Yar. Zuvor hatte er als Demokratieaktivist Berühmtheit erlangt, bereits als 16-Jähriger protestierte er 2013 auf dem Euromaidan und wurde von Sicherheitskräften verprügelt. Direkt nach Beginn des russischen Angriffskriegs schloss er sich der ukrainischen Armee an. Am 9. Juni 2022 wurde er bei Isjum getötet. Heute ist eine Straße in Kyjiw nach ihm benannt, es gibt einen Comic über ihn, zahlreiche Ehrungen.
Das Gedenken bleibt
Protasiv Yar ist nicht vergessen, Roman Ratuschnyj ist nicht vergessen. Das liegt an Freund*innen, die seiner gedenken, vor allem aber an seiner Mutter, der Lyrikerin und Journalistin Svitlana Povalyaeva. Sie richtet an dem grünen Flecken mitten in Kyjiw einmal im Jahr ein Festival aus, bei dem Aktivist*innen, Künstler*innen und Intellektuelle zusammenkommen. Povalyaeva hat nicht nur Roman im Krieg verloren. Auch ihr ältester Sohn Vasyl Ratuschnyj starb im Februar 2025 bei Gefechten. Er hatte sich als Drohnenpilot den Streitkräften angeschlossen, war ebenfalls ein Aktivist. Das Festival soll an beide erinnern. Auch Vasyl Ratuschnyj ist nicht vergessen.
Svitlana Povalyaeva
Hilft das Fest der Mutter, über die schrecklichen Verluste hinwegzukommen? „Überwinden lässt sich die Trauer, die der Verlust eines Kindes mit sich bringt, eher nicht, das ist nur eine Redewendung“, sagt sie im Zoom-Gespräch. „Die Trauer wird immer Teil deines Lebens sein. Ich habe keine Freunde, die nicht jemanden im Krieg verloren hätten. Und das hilft, wenn man so will. Die Trauer, das ist die neue Realität, in der alle Ukrainer derzeit leben.“ Der Preis, den man für die Freiheit zu zahlen habe, sei allen Ukrainer*innen schmerzlich bewusst.
Svitlana Povalyaeva setzt das Umweltengagement ihres Sohnes Roman fort, denn Protasiv Yar ist weiterhin von Bebauung bedroht. Ende Juni errang die Initiative aber einen wichtigen Sieg vor Gericht, der Oberste Gerichtshof stufte die Fläche als Naturschutzgebiet ein. Doch der juristische Streit könnte in die nächste Instanz weitergehen. Wenn es nach Povalyaeva geht, soll die Grünfläche ein Gedenkort bleiben. Einer, der für das Weiterleben, das Weiterwirken, das Wachsen steht. „Erinnerung bedeutet Handeln“, sagt die 52-Jährige, „wir in der Ukraine haben durch diesen Krieg gelernt, dass Erinnerung eigentlich etwas sehr Aktives ist.“ Es gehe darum, das Handeln des Verstorbenen fortzuführen,
Das Gebiet Protasiv Yar ist in der Ukraine vor allem als Skigebiet bekannt, es gibt dort kleinere Abfahrten und Skilifte. Zum Ursprung des Namens Protasiv Yar („Schlucht von Protas/Protasiv“) gibt es zwei Überlieferungen: Eine sagt, er gehe auf einen General Nikolai Protasov zurück, der das Land einst besaß; eine andere, er beziehe sich auf einen Hofbesitzer namens Protas, der einst dort lebte.
Die Vorgeschichte der Bebauung Protasiv Yars beginnt in den Nullerjahren. Der Kyjiwer Stadtrat hat damals einen Teil des etwa 30 Hektar großen Gebiets verpachtet, es sollte ein Wohn- und Gewerbekomplex entstehen. Seither wird um den Schutz des Gebiets gerichtlich gestritten. Die Umweltaktivist*innen um Roman Ratuschnyj wurden zu Beginn ihrer Initiative von Seiten der Bauherren massiv eingeschüchtert und bedroht. Im September 2019 griff einer der Wachleute laut der ukrainischen Antikorruptions-NGO AntAC die zuständige Gemeindekoordinatorin auf der Baustelle körperlich an, sie erlitt eine Gehirnerschütterung und eine Kieferverletzung.
Svitlana Povalyaeva trauert dichtend um ihre Söhne
Nach dem Tod Roman Ratuschnyjs wurde „Save Protasiv Yar“ auch vom Kyjiwer Stadtrat und von Bürgermeister Vitaly Klitschko unterstützt, der sonst eher als Freund der Immobilienwirtschaft bekannt ist. „Die Schaffung des Naturschutzgebiets ist eine Hommage an das Andenken an Roman Ratuschnyj und ein Beweis dafür, dass seine Arbeit und die Arbeit vieler Kyjiwer Bürger, die für diese grüne Zone gekämpft haben, nicht vergeblich waren“, erklärte er damals.
Svitlana Povalyaeva trauert auch dichtend um ihre Söhne. 2022 hat sie im Ukrainischen einen Lyrikband („Minlyva khmarnistʹ z projasnenjamy“, „Wechselnd bewölkt, mit Auflockerungen“) veröffentlicht. Darin verarbeitet sie deren Tod so, dass man immer wieder innehält, staunend ob der reduzierten Sprache, der treffenden Worte. Ein Gedicht lautet so:
Er ist kurz vorbeigekommen, um Wäsche zu waschen.
Ich glaube daran, dass er überleben wird,
aber er wird nicht zurückkommen,
denn aus dem Krieg kehrt man nicht zurück.
— Warum schon wieder wir? Warum immer – wir?
Warum schon wieder meine Söhne?
— Nun, erstens, wir – nicht „wieder“, wir – allzeit.
Foto: Olena Khudiakova/Avalon/Photoshot/picture alliance
Zweitens: Wie viele Reime gibt es auf „nicht erloschen“?
Beide Eltern haben die Söhne überlebt, beide Elternteile sind selbst als Aktivist*innen bekannt. Der Vater Taras Ratuschnyj setzt sich ebenfalls schon lange für den Schutz der Grünflächen und des architektonischen Erbes in Kyjiw ein und war Teil der Gruppe „Save Old Kyiv“. Mutter Povalyaeva packt heute als PEN-Ukraine-Mitglied beim Projekt „Unbreakable Libraries“ mit an.
Die Initiative bringt Bücher in die Städte in Frontnähe, wo Bibliotheken, Kultur- und Bildungsinstitutionen zerstört wurden oder fehlen. „In den befreiten frontnahen Gebieten gibt es nur noch wenige Menschen, es gibt auch weniger Kindergärten und Schule“, sagt sie. Bibliotheken würden diese Strukturen nun ersetzen. „Die Bibliothek ist nicht nur ein Ort, an dem Menschen Bücher ausleihen und lesen, sondern sie ist ein echter Hub, an den die Menschen ihre Kinder mitbringen und sich treffen. Sie ist auch ein Freiwilligenzentrum. Dort treffen sich Frauen, um Tarnnetze zu flechten oder um Uniformen zu nähen.“
Im Kollektiv etwas Neues auf die Beine stellen, das ist Povalyaeva auch mit dem Protasiv-Yar-Festival gelungen. Mitinitiiert wurde das Festival, das 2023 erstmals über die Bühne ging, von der bekannten TV-Journalistin Myroslava Barchuk. In diesem Jahr fand das Festival am ersten Juliwochenende statt, unter anderem waren Serhij Zhadan und Oksana Sabuschko zu Gast, zwei der berühmtesten Schrifsteller*innen der Ukraine.
Personen wie Svitlana Povalyaeva ist es zu verdanken, dass die Ukraine bereits während des Kriegs eine lebendige Erinnerungskultur aufbaut. Der Zivilgesellschaft gelingt es nicht nur, die Front zu unterstützen, sondern auch, die Toten zu ehren, deren Engagement fortzusetzen. Dazu gehört selbstverständlich auch die Umwelt: Auf dem Protasiv-Yar-Areal kommen Umweltschutz und Gedenkkultur zusammen.
„Ich habe alles dafür getan, dass meine Taten und Handlungen auch nach meinem Leben fortwirken“, hat Ratuschnyj oft gesagt. Auch im Fall des Maulbeerbaums am Taras-Schewtschenko-Gedenkhaus hat sich dies bewahrheitet. Der Baum wurde vor einiger Zeit behandelt, ein Baumpfleger hat sich um den von Pilzen befallenen, instabilen Baum gekümmert. Fürs Erste ist er gerettet.
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