Foto: Daniel Zylbersztajn-Lewandowski
Nachwahl in Großbritannien: Nigel Farage gegen Graf Mülleimer
Der britische Rechtspopulist Farage hat sein Parlamentsmandat niedergelegt, damit seine Stammwähler ihn neu wählen. Zu Besuch in Südenglands Armenhaus.
D ie türkisfarbenen runden Schilder sind in Jaywick allgegenwärtig. Auf einer Seite sieht man Nigel Farage, der vor dem Hintergrund eines Riesenrads auf der Strandpromenade mit dem Finger in die Kamera zeigt, dazu die Parole „I Am With Nigel“. Auf der anderen Seite steht in großen Buchstaben: „I Am Voting Reform UK“. Einige Schilder sind sogar von Farage handsigniert.
Es geht an diesem Donnerstag um alles oder nichts für Nigel Farage, einen der bekanntesten britischen Politiker und Anführer der rechtspopulistischen Partei Reform UK. 2024 wurde er für den Wahlkreis Clacton an der südostenglischen Nordseeküste rund 100 Kilometer von London entfernt ins Parlament gewählt. Fast genau zwei Jahre später, am 8. Juli 2026, trat er als Abgeordneter zurück und löste damit eine Nachwahl aus, zu der er selbst wieder kandidiert.
Angesichts von immer neuen Presseenthüllungen über Geldgeschenke von dubiosen Geschäftsfreunden, die möglicherweise nicht korrekt deklariert worden sind, drohte ihm nämlich eine parlamentarische Untersuchung, die zu einer parlamentarischen Suspendierung und einer erzwungenen Nachwahl hätten führen können.
Um das abzuwenden, suchte Farage die Flucht nach vorn und legte seinen Sitz von sich aus nieder: Seine Wähler sollen bestätigen, dass sie weiter von ihm vertreten werden wollen.
Die ärmste Gemeinde Englands
Jaywick, das im Wahlkreis Clacton am Rande des Hauptorts Clacton-on-Sea liegt, gilt als die ärmste Gemeinde Englands. Vom Flutwall und der 1 Kilometer langen Brooklands Road führen knapp 20 enge Sackgassen parallel zueinander landeinwärts, mit kleinen Einfamilienhäusern, teils aus den 1930er Jahren und größtenteils aus Fertigbauteilen hergestellt.
Damals wurden Jaywick und Clacton-on-Sea als Urlaubsorte am Strand für Londons Arbeiterklasse angepriesen. Diese Zeiten sind lange vorbei, inzwischen steigt hier der Meeresspiegel wie überall an der britischen Nordseeküste, und weder staatliche noch private Investoren stecken noch Geld in Infrastruktur oder Wohnobjekte.
Foto: Daniel Zylbersztajn-Lewandowski
Manche Häuschen sind in gutem Zustand, mit gepflegten Vorgärten. Bei anderen sind die Mauern marode, die Zäune kaputt und die Vorgärten voller Gerümpel. Manche Häuser stehen verlassen und verwaist dazwischen, eines hatte beim Besuch der taz sogar eine Polizeiabsperrung.
Während hinter einigen Zäunen Hunde beim Vorbeigehen bellen und knurren, steht bei anderen die Gartentür und die Haustür offen. Viele Menschen auf der Straße sind offensichtlich stark übergewichtig, und auffällig viele sind stark tätowiert. Suchtkrankheiten, Diabetes und psychische Leiden sind hier neben genereller Armut keine Seltenheit. Auch die Kriminalität ist hier statistisch höher als vielerorts.
Arm und arbeitslos – das ist Farages Wählerbasis
Jarwick dominiert seit 2011 immer wieder die britischen Armutsstatistiken. Bis zu zwei Drittel der Erwachsenen stehen in keinem Arbeitsverhältnis, 62 Prozent aller Menschen im arbeitsfähigen Alter sind auf Sozialhilfe angewiesen. Die Lebenserwartung in Jaywick liegt erschreckende 18 Jahre niedriger als in wohlhabenden Gegenden Südenglands. Das ist die treue Wählerbasis von Nigel Farage.
Für Ben, einen 65-jährigen ehemaligen Lkw-Fahrer, der in Jaywick vor seinem Haus unter der britischen Flagge in seinem Vorgarten in der Abendsonne sitzt, hat Farage alles richtig gemacht. „Statt ein Urteil von denen im Parlament abzuwarten, gibt er uns, den Menschen, die in gewählt haben, die Möglichkeit zu urteilen, ob wir sein Verhalten falsch finden.“ Das sei demokratisch. Und das Parlament habe sich gegen Farage verschworen, weil es Angst vor ihm habe.
Genauso argumentiert Nigel Farage selbst auch. Keine andere größere Partei, also weder Labour noch die Konservativen, Liberaldemokraten oder Grünen, beteiligen sich an der Nachwahl. Nicht dass Ben eine davon wählen würde: „Die sind seit jeher an den Hebeln der Macht, aber nichts hat sich für uns verändert.“
Außerdem will er nicht, dass Geld an Asylsuchende geht. Er liebt England, erläutert er, und erzählt, dass er früher im Militär war. Was bedeutet Liebe zu England für ihn? „Dies ist ein christliches Land und kein muslimisches!“, kommt zurück wie aus der Pistole geschossen. Auch Jaywick sei ein guter Ort. Zum Abschied warnt er vor Nachbarn am Ende der Sackgasse. „Gehen Sie nicht da runter, das ist gefährlich.“ Weshalb, will er nicht sagen.
Foto: Toby Shepheard/reuters
Ein Sessel für den Hund
Das verrät dann ein anderer Nachbar eine Straße weiter: Da werde oft nachts mit lauter Musik durchgefeiert, berichtet der 47 Jahre alte Jack. Er lebt mit einem Hund, für den ein alter Sessel im Hof steht. Die Tür weit offen, begrüßt Jack die taz in Sporthose und nacktem Oberkörper. Dass er hier wohnen kann, sei ein Glücksfall.
„Ich suchte nach einer Bleibe, und das Haus gehörte meinem Boss, für den ich Bauarbeiten mache. Er wusste von meiner Not und bot mir das Haus an.“ Seitdem hat er das Haus vollkommen saniert, erzählt er. Die Gegend sei in Ordnung, man helfe sich hier gegenseitig. Außerdem habe jede Straße einen anderen Charakter.
Von der Politik hält Jack nicht viel. „Nichts im Leben der Politiker ist wie unser Leben hier. Die leben in einer anderen Welt.“ Auch von den Farage-Schildern hält er nichts. „Die schieben alles auf Flüchtlinge. Ich glaube, dass ich mehr mit Flüchtlingen aus einem Land im Krieg gemeinsam habe als mit vielen anderen. Die haben das Leben von der untersten Seite gesehen und versuchen, ihr Leben zu verbessern.“
Jack geht kurz in sein Haus und kommt mit einem Flugblatt wieder heraus. Es ist von Count Binface. „Ich habe das extra aufgehoben“, sagt er.
Der Konkurrent: Graf Mülleimergesicht
Hinter der fiktiven Gestalt „Count Binface“ – Graf Mülleimergesicht – steht der Komödiant Jonathan Harvey. Er tritt mit einem Spaßprogramm bei jeder Wahl in England an, bei der sich die Gelegenheit ergibt, und stellt sich mit seinem großen Blecheimer auf dem Kopf, der sein Gesicht verbirgt, zwischen die anderen Kandidaten. In Clacton hat Count Binface jetzt eine unerwartet prominente Rolle bekommen: als bekanntester Gegenkandidat von Nigel Farage, weil alle etablierten Parteien die Wahl boykottieren.
Foto: Daniel Zylbersztajn-Lewandowski
Für Jack hat die Kampagne des Mannes im Blecheimer einen symbolischen Wert. Er kann sich sogar vorstellen, ihn zu wählen, denn seine irrsinnigen politischen Pläne ergebe mehr Sinn als die Versprechen der anderen, findet er. „Hier“, sagt er, und zeigt auf eine Stelle auf dem Flugblatt, „er verspricht, mindestens eine Sozialwohnung zu bauen, und er wird dieses Versprechen sicherlich halten können.“
Count Binface fordert unter anderem auch einen Preisdeckel auf Eis, bessere Gewinnchancen an Spielautomaten an der Strandpromenade und höhere Steuern auf Krimis von Ghostwritern, und er schlägt vor, alle Schlaglöcher auf den Straßen mit den Restbeständen des Labour-Wahlprogramms von 2024 zu füllen.
Zeitweise trauten manche Beobachter Count Binface sogar einen Wahlsieg gegen Nigel Farage zu. Aktuelle Umfragen bescheinigen ihm immerhin einen möglichen Achtungserfolg. Denn auch in Clacton gibt es viele Leute, die mit Farage nichts am Hut haben. Mark Parham, ein ehemaliger Universitätsdozent und Autor, hat an seinem Fenster eine Pride-Flagge und einen Flyer für Count Binface angebracht. „Ich will damit Farage provozieren“, sagt Parham, der seit einigen Jahren erblindet ist und nur noch Schatten sieht, als er die taz zum Gespräch in sein Haus lässt.
Die Katze Sophie Scholl
Politisch glaubt Parham, noch klare Sicht zu haben. Als Jugendlicher in Ostlondon in den 1980er Jahren legte er sich mit Nazis an. Er erinnert sich, wie ihm im Bus einst ein Holocaust-Überlebender für seinen antifaschistischen Aufnäher an der Jacke dankte. Seine Katzen heißen Sophie Scholl, George Orwell, Betty Alan und Elkenn van Faden. „Reform UK und Farage sind zweifellos faschistisch“, findet Parham. „Sie schaffen Sündenböcke, wollen die Presse kontrollieren und dämonisieren Menschen. Das ist alles aus den Spielregeln Hitlers.“
Dass die Rechten die britische Flagge für sich beanspruchen, empört ihn – der Union Jack sei für ihn ein anderes Symbol, ein Symbol gegen den Faschismus. „Meine Urgroßväter bekämpften ihn und ein Großonkel kam bei einem deutschen V2-Raketeneinschlag im Ostlondoner Viertel Hackney ums Leben.“
Nun lebt er in Clacton und ist frustriert. „Ich habe aufgegeben, auch wenn es hier eine Minderheit von Progressiven gibt. Viele leben in Ignoranz und sind stolz darauf, dass sie noch nie ein Buch gelesen haben.“
Foto: Jack Taylor/reuters
Hier lebt „die Arbeiterklasse der Arbeiterklasse“, so beschreibt er es: Boomer, die in der Thatcher-Ära ihre Sozialwohnungen kaufen durften, sie dann gewinnbringend weiterverkauften und jetzt ihre Position gegen die nachfolgenden Generationen verteidigten, die mit Menschen unterschiedlicher Hintergründe weniger Probleme haben.
Der Moderator klärt auf
Während Parham die Hoffnung aufgegeben hat, kommt Filmregisseur und Moderator Adam Brichto, 52, jeden Tag ins Stadtzentrum, um zu versuchen, Menschen über Farage aufzuklären. Dafür trägt er einen Union-Jack-Anzug, um aufzufallen. Die Videos seiner verfilmten Begegnungen, nicht nur in Clacton, sondern auch bei vorherigen Wahlen, kann man in den sozialen Medien verfolgen, finanziert von der unabhängigen linken Onlinezeitung The Canary.
Er erklärt: „Ich will Wahrheiten über Farage enthüllen, etwa dass er sich ein Haus für 1,4 Millionen Pfund hier gekauft hat, wo sich Menschen hier kaum etwas leisten können. Wieso hat er kein Geld an Clacton gespendet? Wissen Sie, ich will einfach, dass die Menchen hier nicht gegen ihre eigenen Interessen stimmen.“
Aber diese Stimmen sind in der Minderheit. Im Pub The Three Jays in einem einfachen Flachbau in Jaywick hat die 39-jährige Wirtin Poster von Farage und Reform UK an der Wand anbringen lassen. Er sei ein netter Mann und sehr zugänglich, beschreibt sie den Politiker, der bei ihr auch schon öfter ein Bierchen getrunken habe. „Anfangs wollte ich nicht auf ihn zugehen, weil ich viel zu viel zu tun hatte, da kam er einfach auf mich zu.“
Farage verspricht Hilfe
Stammgast Nicholas Donegan, 50 und selbstständiger Elektriker, ist auch für Farage. „Ich bin in Osnabrück in Deutschland in einer britischen Armeefamilie auf die Welt gekommen und habe irische Vorfahren, und ich stehe voll hinter Farage“, sagt er und bestätigt, ihn hier auch schon getroffen zu haben. „Er hilft Leuten und hat einem Freund, der in der Patsche sitzt, versprochen, sein Anliegen im Parlament anzusprechen. Ich würde Farage in mein Haus lassen, aber keine anderen Politiker“, sagt er.
Und er hat noch weitere Gründe. „Wir müssen die Grenzen kontrollieren und sie schließen.“ Er erwähnt einen Fall dreier Asylsuchender, die vor Kurzem für eine von ihnen selbst verfilmte Gruppenvergewaltigung im Badeort Brighton verurteilt worden sind. „Ich bin kein Rassist, ich verstehe, dass das ein paar wenige Leute unter vielen waren. Aber diese Menschen kommen hier auf Booten völlig ohne Hintergrundchecks herein.“ Außerdem: Dass dieser Clown, er meint Count Binface, sich hier aufstellen lasse, sei eine Beleidigung für die Gegend.
Neben Nigel Farage und Count Binface gibt es noch 32 weitere Kandidaten bei dieser Nachwahl. Immerhin 14 davon drängeln sich bei einer abendlichen Wahlveranstaltung auf der Bühne des neoklassisch verzierten Theatersaals des Rathauses von Clacton-on Sea. Knapp 100 Gäste sind gekommen, viele davon Presse oder Wahlkampfaktivist:innen einzelner Kandidat:innen, normales Publikum gibt es wenig. Farage und Count Binface sind nicht da.
Die Kandidatenriege ist ein Mischmasch aus rüstigen Rentnern, Wichtigtuern, Rechtsextremisten, Ultralinken, Religiösen und Ortsansässigen. Die meisten haben noch nie Politik gemacht, manche vergessen bei der Ansprache, ihren Namen zu sagen. Einer betont, er habe mal für Barack Obama gearbeitet. „Ich habe für alles einen Plan“, sagt er.
Viele fordern den radikalen Umbau
Einer sagt, er sei ein KI-Experte aus Australien. Viele wollen radikale Systemveränderungen, von der Abschaffung aller Berufspolitiker:innen bis zur Remigration aller Einwanderer. Gefordert werden aber auch eine Regenerierung des Stadtzentrums, mehr Arbeitsplätze, eine bessere Gesundheitsversorgung, ein besserer Nahverkehr – derzeit gibt es nur einen Zug pro Stunde nach Clacton-on-Sea – und ein besseres und vor allem ganzjähriges Kulturangebot und Nachtleben, damit die jungen Menschen nicht alle wegziehen, sobald sie können.
Der 67-jährige Michael O’Keeff kandidiert, weil ihn stört, dass die Menschen hier zwischen einem Rechtspopulisten und einem Komödianten wählen sollen. Diese Nachwahl koste die Steuerzahler 200.000 Pfund, ärgert er sich. „Farage spricht von einem kaputten Land und spricht stets über die schlimmen Bootsflüchtlinge, von denen aber die meisten laut Innenministerium echte Flüchtlinge sind. Er verspricht, sich für die Leute einzusetzen, war aber nur bei etwa 30 Prozent aller Abstimmungen im Unterhaus anwesend.“
Zuhörer Peter, um die 60, mit langen Haaren und Biker-Jeansjacke, wiederum ist frustriert, dass es zwar 34 Kandidaten gibt, aber niemanden Seriösen. Von Farage ist er enttäuscht. „Ich habe Nigel vollkommen unterstützt und mich für ihn eingesetzt“, erzählt er. Dann kam die Affäre um die Millionenspenden – angeblich für Farages persönliche Sicherheit, aber das sei ja wohl ein Witz: „Farage läuft hier im Wahlkampf unter den Leuten herum, man könnte ihn blind aus einem Kilometer Entfernung angreifen, während er gleichzeitig keine Sprechstunden anbietet, aber behauptet, er sei unserer Gegend treu, weil wir ihn ins Unterhaus gewählt haben.“
Ein Anwohner über Nigel Farage
Es bröckelt langsam für Farage und Reform UK. In den Meinungsumfragen ist der Höhenflug vorbei, vor allem weil Labours neuer Premierminister Andy Burnham besser ankommt als Keir Starmer. Für eine Wahlniederlage in Clacton wird es wohl nicht reichen, dafür fehlen die überzeugenden Alternativen. Aber so oder so dürfte der Rechtspopulist aus dieser Nachwahl geschwächt hervorgehen, findet der linke Ex-Dozent Mark Parham. „Gewinnt er, dann hat er gegen einen Mülleimer gewonnen – verliert er gegen den Mülleimer, ist er ruiniert.“
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