Foto: Juan Camilo Aguirre Garzón
Erdbeben in Kolumbien: Keine Ruhe nach dem Beben
In Pereira hat das verheerende Erdbeben die meisten Leben gekostet. Immer noch suchen Menschen ihre Lieben dort im Schutt. Offizielle Helfer*innen sind rar.
S ilencio! Ruhe!“ Ein Arm geht nach oben. Diese Geste sagt: Jetzt kann nur Stille helfen. Stille, damit der Mann mit den riesigen weißen Kopfhörern und dem Gerät mit dem audiosensiblen Sensor in die Tiefe lauschen kann. Stille, in der der Rettungshund schnüffeln kann, ob irgendwo unter dem Schuttberg noch Leben ist. Keine Bewegung, kein Wort. Nur: „Silencio total!“
Doch wie bekommt man Hunderte Menschen zum Schweigen, die auf einem Schuttberg herumklettern, parat stehen, um zu arbeiten, zu helfen. Kolumbianer*innen, die generell gesprächig sind – und jetzt in der Not, wenn das Herz überquillt, erst recht. Die im Park gegenüber um Hilfsgüter anstehen, ein Notlager aufgeschlagen haben. Die ihrem Leben nachgehen, um zu überleben.
Es ist Mittwoch, Tag drei – und ein Wettlauf gegen die Zeit. Nach den ersten 72 Stunden nach einem Erdbeben, so wissen Expert*innen, sinken die Chancen, Opfer lebendig zu finden, auf 2,5 Prozent.
Am Montag um 7.34 Uhr bebte in Kolumbien die Erde mit Stärke 7,4. Das Epizentrum in San José del Palmar, Departamento Chocó. Es war das schwerste Beben seit Jahrzehnten. Mehr als 53.000 Menschen seien betroffen, 140 Gebäude komplett eingestürzt und Zehntausende Wohnungen beschädigt worden. Präsident Abelardo de la Espriella kündigte die Ausrufung eines „wirtschaftlichen Notstands“ an, um schneller über Mittel für den Wiederaufbau verfügen zu können.
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Am heftigsten waren die Folgen in Quibdó, Cali, Pereira, Manizales, also im Westen, in der Pazifikregion des an zwei Ozeane grenzenden Landes. Um die 4.200 Menschen gelten laut Hilfsorganisationen als vermisst. Von den derzeit circa 250 Todesopfern stammen die meisten aus der Großstadt Pereira. Am schlimmsten hat es das Zentrum getroffen.
Ein Babybett in hellblau
Am Parque La Libertad stand noch bis Montag ein vierstöckiges Eckhaus. Im Erdgeschoss waren eine Bäckerei namens La Yonni und eine Drogerie. Darüber ein Hotel, für Menschen, die kein eigenes Zuhause haben: Obdachlose, Müllsammler*innen und fliegende Händler*innen. Eins ihrer Ziele bestand darin, jeden Tag irgendwie das Geld für ein Bett zusammenzukratzen. Der Parque La Libertad ist ein Ort, den man nachts lieber meidet, wenn man kann, sagen Einheimische.
Foto: Juan David Duque/reuters
Jetzt ist das Gebäude weg, an seiner Stelle ist ein gigantischer grauer Schuttberg, ungefähr zwei Stockwerke hoch. Betonteile, Wände, Ziegel in verschiedenen Größen, verbogene Metallstangen, die aus Zement ragen, Schaumstoff. Ganz oben steht noch ein Bett.
Dahinter ist die relativ intakte Ziegelwand eines Lagerhauses zu se. Rechts davon stehen die Reste eines Gebäudes, auf das offensichtlich die oberste Etage nachträglich aufgesetzt wurde. Trockenbauplatten, ein Dach, das auf schmalen Metallleisten ruhte. Aluleisten, die wohl die Wände hielten, klappern jetzt frei im Spiel des Windes. Die drei Stockwerke darunter sind in die Schräge gerutscht, als hätte sie das Gebäude nebenan vorher gestützt.
Es ist ein einziges Gebrülle, Gemurmel. Anweisungen und Bitten werden herumgeschrien, Geröll kracht, Glas knirscht, Metall klappert. Jemand reicht ein hellblaues Babybettchen aus Stoff vorsichtig weiter, das er aus dem Schutthaufen gezogen hat. Ein anderer blättert kurz in einem Heft mit Kinderschrift und Zeichnungen, das er gefunden hat.
Mit Fahrradhelm und Sonnenbrille
Manche haben Bauhelme, andere Fahrrad- oder Motorradhelme, viele tragen Mundschutz oder ein Tuch vor dem Gesicht, einige schützen sich mit Handschuhen, Sonnen- oder Schutzbrillen. Es sind viele junge Menschen darunter. Dazwischen sieht man ein paar wenige Uniformierte wie Nadeln im Heuhaufen. Die „Rescatistas“ – Retter von der Armee, Feuerwehrleute aus anderen Landesteilen, Polizei. Später tauchen ein paar vom Roten Kreuz in hellblauen Schutzanzügen auf. Ein Bagger steht am Rand des Schuttbergs. Ein riesiger Kran mit Kette und Haken gegenüber. Die meiste Zeit stehen sie still. Zu gefährlich.
Am Vortag, so berichtet es die Korrespondentin der spanischen Zeitung El País, waren es nur ein paar Feuerwehrmänner unter Hunderten Freiwilligen. Keine Polizei, keine Armee. Mit den Händen gruben Freiwillige und räumten Schutt weg, die ganze Nacht hindurch. Vielleicht brüllen deswegen auch die Männer Anweisungen durch die Gegend, die keine Uniformen tragen.
Am Rande eines kleineren Schuttbergs stehen Sara Loaiza, 16, und ihre Mutter Viviana. Über Kopf und Schultern hat Sara ein gelbes T-Shirt verknotet. Wie ihre Mutter Viviana hat sie bislang hier um den Park als Straßenhändlerin gearbeitet, Brot, Kaffee und Zigaretten verkauft. Doch nun verteilt sie Gratiswasser an die Helfer*innen mit der Routine der Verkäuferin.
Sie vermuten, dass unter dem Berg ihr Cousin liegt. Pablo heißt er, ist 29 Jahre alt, auch er ein Straßenverkäufer. Mülltüten, Bananen, Bonbons, solche Sachen. Am Montag ging er in die Bäckerei und kam nicht wieder. Für sie sei Pablo wie ein Bruder, sagt Sara, sie seien zusammen aufgewachsen. „Wir haben die Hoffnung, dass er lebt.“ Schließlich seien mehrere Menschen lebend hier geborgen worden.
Viviana Loaiza, Straßenverkäuferin
Zwischen Scherzen und Tränen
„Wir haben alles verloren“, sagt Mutter Viviana Loaiza. Ihr Hotel gibt es nicht mehr, in dem sie zu siebt in einem Zimmer schliefen. „Aber Gott sei Dank sind wir am Leben und gesund. Wir hoffen, dass wir ihn da herausholen und dann fangen wir von vorne an.“Seit Montag seien sie ununterbrochen auf den Beinen, erzählt sie. Schutt schleppen, anpacken, wo es geht. Heute sind beide tief erschöpft und warten einfach. An ihren blanken Beinen sind notdürftig überklebte Schrammen. Ihre Haut rötet sich bereits von der Sonne. Seit Montag ist der Park nebenan ihr Zuhause.
Foto: Katharina Wojczenko
Sara sitzt in der prallen Sonne, zwischen Scherzen mit den Helfern und glänzenden Augen, die Tränen zurückhalten. Es hält sie hier, wie ein Magnet.
Es gibt Szenen, die sich wiederholen. Wenn die Helfer*innen sich zurückziehen müssen, damit die Rettungshunde arbeiten können, und nur die Uniformierten dort bleiben. Die Rufe nach doppelten Menschenketten, um leere Eimer vor- und volle zurückzureichen. Einer schreit „Ruhe!“ – und obwohl das Handzeichen dazu erläutert wurde, meinen doch immer ein paar, es zusätzlich erklären zu müssen.
Die Drohne, immer wieder die Drohne, die die Stille zerstört.Ein Lastwagenfahrer, der typisch kolumbianisch per Hupe kommuniziert am Rande der Rettungszone. Röhrende Motorräder in der Ferne. Ein „Silencio“, das von einer anderen Ausgrabungsstätte herüberschallt. Handys, die klingeln. Ein Alkoholisierter, der in die Stille irgendwas schreit.
Ruhe – dann Krach – einmal, zweimal, dreimal
Ein alter, verwirrter Mann, der mit heraushängendem Hemd über die Trümmer wankt. „Wenn sie jetzt jemanden finden, fange ich an zu weinen“, sagt ein junger, bärtiger Mann mit Helm, der aus einer anderen Stadt angereist ist, um zu helfen.
„Wir brauchen eure Mitarbeit!“, ruft ein Soldat der Rettungseinheit immer wieder. Es dauert. Aber dann ist Ruhe. Zumindest für wenige Minuten.
Stunde um Stunde vergehen. Wird der Schuttberg kleiner? Immer wenn es ernst wird, wird der Berg geräumt. Viviana Loaiza ist auf den Berg geklettert, auf dem die Presse, Kamerateams und Journalist*innen stehen und sagt kein Wort. Eine Frau, die ihr sichtbar nahe steht, legt tröstend den Arm um ihre Schultern. Loaiza beißt stumm in ihre Faust, hält die Hand vor den Mund, starrt starr auf den Berg, unter dem Pablo liegen soll. Tränen laufen über ihre Wangen.
„Ruhe!“, brüllt ein Feuerwehrmann wieder. Und dann in Richtung eines Spaltes im Schutt, gedämpft, aber deutlich: „Wenn uns jemand hört, macht Krach!“ Warten. Dann: „Macht einmal Krach.“ Warten. „Macht zweimal Krach.“ Warten. „Macht dreimal Krach.“ Ein Hund, eine Katze können kratzen, aber nicht zählen.
Die Stimmung ist so fragil wie die Betonplatten. „Unter ihnen ist ein Wasserrohr gebrochen, sie könnten abrutschen“, ruft ein Uniformierter als Warnung der Menge zu. Jede Erschütterung könnte sich in eine Todesfalle verwandeln für die beiden Feuerwehrleute, die nun langsam nach unten in den Berg steigen.
Wut liegt in der Luft
Die Menschen haben ihre eigene Dynamik. Immer wieder kommt es zu Wortgefechten. Die eingesessenen lokalen Häuptlinge gegen die Uniformierten, so scheint es. Und dann kippt die Stimmung tatsächlich.
Ein dünner schwarzer Mann im lila Shirt und ein Kleiner beschimpfen einander. Der eine fängt zu schubsen an, der andere fällt nach hinten in ein Grüppchen. Wut liegt in der Luft. Der Mann im lila Shirt rennt übers Geröll davon, flink wie ein Hase – und eine zornige, brüllende Menge ihm hinterher, ein Mann hat einen Spaten in der Hand. „Dich hol ich mir.“
Er hatte Geld genommen, das zwischen den Trümmern lag, heißt es später. Sein Glück, dass ihn gleich die Polizei erwischte, sonst wäre die aufgebrachte Menge vielleicht über ihn hergefallen. „Wir sind gekommen, um zu arbeiten, nicht um zu stehlen!“, ruft ein Soldat mahnend, als sich der Tumult beruhigt hat.
Nach vielen Stunden ertönt in die Stille hinein ein Ruf: „Hay vida!“ Hier gibt es Leben. Der Ruf wird noch an zwei anderen Stellen ertönen. An der einer Stelle ist es sicher, dass dort eine Person am Leben ist. An zwei weiteren habe es „Antworten“ gegeben, sagt Polizistin Paola Mora.
Drei Tage Tragödie
Es ist das zweite schwere Erdbeben, das Pereira erschüttert. Das von 1999 hinterließ insgesamt mehr als 1.000 Tote im Land. Die jungen Helfer*innen, darunter viele Studierende, haben das nicht miterlebt. Aber ihre Eltern hätten ihnen davon erzählt, berichten mehrere der taz.
Im Parque La Libertad türmt sich der Müll von drei Tagen Tragödie auf dem Boden, in Rinnen an der Bushaltestelle und inmitten des Schutts: leere Plastikflaschen, Plastikfolien, Styroporteller und Essschalen für die Helfer*innen und die Menschen, die obdachlos geworden sind.
Menschen haben für sich als notdürftige Bleibe Zelte aufgeschlagen, über gespannte Schnüre Planen gehängt – oder liegen auf Decken auf der Erde. Festgebundene Hunde verteidigen ihr neues Zuhause aufs Lauteste. Es ist kaum ein Flecken auf dem Rasen frei. In einem blauen Zelt verteilen Helfer*innen Medikamente und Eintopf.
An der Polizeistation in Mitte des Platzes wächst der Spendenberg. Alle paar Minuten kommen Bürger*innen mit Wasser, Windeln, Feuchttüchern, Keksen. Noch höher ist die Taktung derer, die etwas abholen möchten. Eine Toilette oder gar Dusche gibt es weit und breit nicht.
Spenden bewachen
Sozialmanagerin Alejandra Gomez, dunkles glattes Haar, müde Augen, ist die Herrin über den Spendenberg. In der vergangenen Nacht hat sie zwei Stunden geschlafen. Die Stadt hat Notunterkünfte eingerichtet, in denen für die Grundbedürfnisse der Menschen gesorgt wird, sagt sie. Viele bleiben aber lieber hier im Park, weil hier mehr Spenden zusammenkommen. Es sei schon vorgekommen, dass Spenden verkauft wurden. Das will sie verhindern.
Am Rande des Parks fischt Santiago Rodriguez, 27 Jahre alt, Reis, Möhren und Rindfleischstücke, die in Brühe schwimmen, mit einem Plastiklöffel aus einer Styroporschüssel. Er ist seit dem Morgen hier. Der bärtige Mann mit Helm und Mundschutz stammt aus Pereira, wohnt nebenan im Ort Dosquebradas, das das Erdbeben in manchen Teilen ebenfalls schwer verwüstete. „Ich hatte Glück“, sagt Santiago, „meine Familie und meine Verwandten sind alle in Sicherheit. Jetzt sind wir hier, um den Leuten zu helfen, die noch gefangen sind“.
Fast hätte es seinen Vater erwischt. Der fuhr mit dem Auto zu einem Arzttermin, parkte an einem Einkaufszentrum. Zehn Minuten retteten womöglich sein Leben. Das Auto ist Schrott. „Das Materielle lässt sich immer ersetzen.“
Seitdem macht er, was anfällt: Trümmer und Schutt schleppen, Eimer mit Schutt weitergeben, Helme, Handschuhe und Schutzbrillen verteilen. „Da, wo Personen eingeschlossen sind, ist es sehr schwierig. Deshalb sind dort nur Feuerwehr, Polizei und Rotes Kreuz. Sie haben das Werkzeug.“ Er hat Verständnis dafür, dass es so wenige sind: „Sie werden an so vielen Stellen in der Stadt gebraucht.“
Hilfe aus allen Ländern
Übers Wochenende war er mit seiner Mutter bei Verwandten, drei Stunden von Pereira entfernt, erzählt er. Er war gerade aufgestanden, als es bebte – und rief erst einmal alle Verwandten in Pereira an. Sie erzählten ihm von dem Hochhaus neben dem Rathaus, das eingestürzt ist, von anderen Gebäuden, die komplett zerstört sind. „Ich bin sehr traurig. Die ganze Stadt ist zerstört.“
Er liebt seine Stadt. Schön sei sie, die Kultur „una chimba“, einfach geil. „Pereira wird dich immer mit offenen Türen empfangen, die Menschen sind sehr liebevoll und einfühlsam, versuchen, dir weiterzuhelfen. Wir halten hier zusammen. Deshalb sind hier auch so viele, die weder Feuerwehr noch Polizei noch Rettungsbrigade sind. Sie wollen einfach helfen.“ Die Stadt habe vor Kurzem erst das Pflaster erneuert. In ein paar Tagen hätte das Stadtfest begonnen – das wurde inzwischen natürlich abgesagt.
Als er die Schadensbilanz verkündete, brach Pereiras Bürgermeister Mauricio Salazar in Tränen aus. Präsident Abelardo de la Espriella, erst wenige Tage im Amt, ist zu Stippvisiten an Katastrophenorte unterwegs. Er war auch in Pereira.
Nach Kritik an seinem Krisenmanagement hat De las Espriella einen neuen Leiter der Katastrophenschutzbehörde eingesetzt. Der bisherige Verantwortliche war von der linken Vorgängerregierung ernannt worden.
Der neue Leiter, David Tamayo, sagte, dass Such- und Rettungsteams aus den USA, Israel, Ecuador und El Salvador die Bergungsarbeiten unterstützen würden. Die Teams würden die örtlichen Einsatzkräfte nach mehrtägigem Dauereinsatz ablösen, damit diese sich erholen könnten.
Laut Außenminister Omar Bula sind humanitäre Hilfsgüter aus verschiedenen Staaten unterwegs – nicht nur aus Ländern, die der Regierung ideologisch verbunden sind. Unter anderem kündigte die linksgerichtete Regierung Mexikos Hilfslieferungen an.
Und dann kommt die Dunkelheit
Es ist wohl gegen sechs, als ein breiter Streifen geräumt wird, alle Helfer*innen zurückweichen müssen. Ein Presslufthammer dröhnt, Bagger und Kran brauchen Platz, um die instabilen Platten wegzuheben, zerborstene Bauelemente durch die Luft zu hieven.
Es dämmert, hier am Äquator wird es rasend schnell dunkel. Und dann bleibt es erst mal dunkel, denn in weiten Teilen der Stadt gibt es immer noch keinen Strom, kein funktionierendes Telefonnetz. Dort erleuchten bestenfalls einzelne Laternen die Straßen, in denen sonst neonprallbuntes Leben ist.
Bis zum Redaktionsschluss hat der Schuttberg noch keinen Menschen zurückgegeben.
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