350. Todestag von Grimmelshausen : Ein barockes Mutterficken
Heute vor 350 Jahren starb der Autor des Schelmenromans „Der abenteuerliche Simplicissimus Teutsch“. Warum er nicht nur eine tolle Sommerlektüre ist.
Foto: akg-images/dpa
A ngefangen habe ich den Barock-Klassiker „Der abenteuerliche Simplicissimus“ im Sommer letzten Jahres. Und durch bin ich immer noch nicht!
Das hübsch handliche und orange eingeschlagene eigentlich immer auf sich aufmerksam machende Reclam-Buch (bei 838 Seiten kann man auch im Dünndruck nicht mehr von einem Bändchen sprechen) war schon in den Alpen und in Prag, in Schlesien und an der Nordsee. Ich habe damit Mücken totgeschlagen und Fenster festgeklemmt – und es hat sich 1a gehalten. Großes Kompliment an die buchbinderische Verarbeitung von Wilhelm Röck, Weinsberg!
Und inhaltlich jetzt? Sollte nicht die erste Frage sein, warum ich so lange brauche? Ist das Buch zu dick? Oder so (sprachlich) alt? Habe ich eigentlich keinen Bock mehr, aber will es bildungsbeflissen unbedingt fertigkriegen, obwohl es doch wahrlich drängendere Lektüren gäbe?
Alles nicht falsch. Und steht gewissermaßen auch schon im Original-Titel dieses Klassikers der deutschen Barockliteratur, das erstmals 1668 erschienen war: „Der Abenteuerliche SIMPLICISSIMUS Teutsch / Das ist: Die Beschreibung deß Lebens eines seltzamen Vaganten / genant Melchior Sternfels von Fuchshaim / wo und welcher gestalt Er nemlich in diese Welt kommen / was er darinn gesehen / gelernet / erfahren und außgestanden / auch warum er solche wieder freywillig quittirt. Überauß lustig / und maenniglich nutzlich zu lesen.“
„Zusammenstellung von Zoten“
Und das ist jetzt schon die „behutsam“ modernisierte Fassung, wobei als besonderer Gag schon das Wort „behutsam“ keines ist, dass noch in unserem aktiven Wortschatz eine große Rolle spielte.
Was zeitgemäß ist oder so empfunden wird, ist eben abhängig von den Zeiten. Zu Recht wird in meiner Ausgabe darauf hingewiesen, dass das Hauptwerk von Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen, der heute vor 350 Jahren im Elsass gestorben ist, nicht zu allen Zeiten zum Kanon der deutschen Literatur gehörte.
Denn es handle sich um eine „Zusammenstellung von Zoten“, „Diebstahl, Unzucht, Mord, Bruch des Fahneneids etc.“ Und da hat der Abgeordnete des preußischen Landtags, der 1876 so schimpfte, nicht mal explizit auf die Episode verwiesen (3. Buch, Kapitel 23), in der ein Bauernbub von einer Magd ermahnt wird, „er sollte aufhören zu fluchen oder sie wollts dem Vater sagen. Der antwortet’ der Knabe, sie sollte ihn im Hintern lecken und ihre Mouder dartoo brühen“.
Jetzt ist die Frage: Wäre ich zufriedener und schneller in meiner Lektüre, wenn der Knabe einfach sagte: ‚Leck mich am Arsch und fick deine Mutter‘? Oder ist nicht der eigentliche Wert dieser Passage, dass ich selbst, als Leser, diese Übersetzung – gewiss mithilfe der Anmerkungen (etwa: dartoo =dazu obendrein) – vollziehe? Dass ich über Jahrhunderte glattgebügelter Literatursprache hinweg in eine Epoche eintauche, die den Sound der Straße hier und heute hat?
Auf nichts ist Verlass
Man kann so viel lernen mit dem armen Simplicissimus, während man ihn durch Höhen und Tiefen begleitet, in einer phantastischen Reise im 5. Buch sogar bis zum Mittelpunkt der Erde. Wie wertvoll der Frieden ist! Wie grausam es sein muss, von Läusen und Flöhen geplagt zu werden und sie nicht loswerden zu können! Und wie die Leute wie die Fliegen sterben, wie auf nichts Verlass ist! Auch Grimmelshausen wurde nach heutigen Begriffen nicht alt, er starb mit Mitte 50, genau weiß man es nicht.
So wie ich noch nicht weiß, wie das Buch ausgeht. Was auch daran liegt, dass nach den fünf regulären Büchern noch eine „continuatio“ (Fortsetzung) folgt und dann noch zahlreiche weitere Sequels, zu denen auch die „Ausführliche und wunderseltzame Lebensbeschreibung der Ertzbetrügerin und Landstörtzerin Courasche“ gehört, aus der Bertolt Brecht dann sein berühmtes Theaterstück machte.
Aber hier bin ich schon wieder im bildungshuberischen. Und zum Teil kann ich auch dazu stehen. Aus einem bildungsarmen Haushalt stammend, haben die großen Werke für mich nichts Verschultes, wie es für Leute aus dem Bildungsbürgertum oft ist.
Diese Werke gehören nicht den Eltern oder Lehrern, sondern mir. Sie mir lesend angeeignet zu haben und weiter anzueignen, ist ein Teil meiner Emanzipation als Individuum, ob es nun um Dantes „Hölle“ geht, um die „Odyssee“, Goethes „Wahlverwandtschaften“ oder eben den „Simplicissimus“. Und deswegen werde ich auch nicht aufhören, meinen orangenen Band in die Hand zu nehmen, bis ich vorne hineinschreiben kann „Begonnen Sommer 25, beendet …“
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