Westjordanland: Hügeljugend im Häuserkampf
Seit mehreren Tagen terrorisieren israelische Siedler den Hauskomplex von Familie Hassan. Das israelische Militär soll die Belagerung räumen – eigentlich.
Foto: Majdi Mohammed/ap
Zwischen Olivenbäumen, auf einer kargen Ebene in der sengenden Mittagssonne, steht Abdelkarim Hassan. Der Mann im karierten Hemd schaut nachdenklich auf drei Häuser auf dem Hügel gegenüber. Neben ihm brutzelt ein silberner Peugeot-Kombi in der Sonne.
Vor den Gebäuden steht eine Gruppe junger Männer mit Hoodies, Kippot und Schlabberjeans: israelische Siedler. Einige Meter weiter eine Gruppe israelischer Soldat:innen in olivgrüner Vollmontur, weiter hinten zwei Militärfahrzeuge. Auf der Hausmauer sitzt ein Dutzend Jungs – auch sie Siedler – plaudern, schwingen die Beine in die Luft. Niemand hier weiß, was in den nächsten Minuten passieren wird.
Hassans Ehefrau und Sohn befinden sich gerade in der Villa hinter den Mauern. In ihrem eigenen Wohnhaus, das von den Jungs in Hoodies umzingelt ist. Sie dürfen nicht raus – und Hassan darf nicht rein. Er habe es versucht, sagt er und zeigt auf eine Serpentine im Hügel. Die Männer hätten Metallteile auf die Straße gestreut, um die Reifen aufzuschneiden.
Also sei Hassan zu Fuß weitergegangen – und in einen Steinhagel geraten. Da hat er aufgegeben. Jetzt blickt er, müde und unrasiert, aus der Ferne auf sein Haus. „Wir machen uns Sorgen um die psychische Gesundheit unserer Kinder. Sie schauen aus dem Fenster und sehen maskierte Männer, die versuchen, das Fenster einzuschlagen. Jede Nacht.“
Fünf Tage ohne Wasser, Essen und Strom
Seit fünf Tagen belagern radikale Siedler den Wohnkomplex in Qusra. Der Hausbesitzer Loui Ridi ist US-Staatsbürger mit palästinensischer Familiengeschichte und hält sich gerade in den Vereinigten Staaten auf. Doch sein Bruder, sein Neffe und deren Familien harren seit Sonntag in der zweistöckigen Villa und den zwei angrenzenden Häusern außerhalb des Dorfes im Nordwestjordanland aus. Ohne Leitungswasser, fast ohne Nahrungsmittel. Ohne Strom. Und ohne Anzeichen, dass sich die Lage so schnell bessert.
Als am Mittwoch dann die Militärwagen ankommen, ist die Spannung groß. Schließlich haben die Soldat:innen versucht, die Siedler zu evakuieren. Doch diese haben den Weg mit Steinen versperrt und sind auf die Streitkräfte losgegangen. Daraufhin setzen die Militärs Tränengas ein, treten dann aber zurück. Manche Beobachter:innen betonen, sie seien in Unterzahl gewesen, andere unterstellen, es fehle der Wille, hart gegen die eigenen Landsleute vorzugehen.
Foto: Nidal Eshtayeh/AP/dpa
Videos der ersten Tage zeigen junge Männer mit Schläfenlocken, die breite, gehäkelte Kippot auf dem Kopf und weiße Schaufäden unter den Hemden tragen – typische Kleidung radikaler Siedler, der sogenannten Hügeljugend. Sie stehen unter einem improvisierten Gartenpavillon und beten. Vor ihnen israelische Soldaten, die ebenfalls in ritueller Andacht hin und her schwingen.
Als Journalist:innen der israelischen Zeitung Haaretz am Montag versuchen, das Haus zu erreichen, werden sie von einem Mob auf Quads gestoppt. Sie beleidigen, treten und bespucken die Reporter:innen. Sie wagen sich sogar, die Luft aus ihren Reifen herauszulassen. Die anwesenden Soldaten intervenieren nicht, teilen den Siedlern lediglich mit, es handele sich um militärisches Sperrgebiet. Das heißt eigentlich: Niemand darf es betreten. Bloß für die Siedler scheint diese Ansage nicht zu gelten.
Dann versuchen Aktivist:innen, in einem Krankenwagen mitzufahren, werden aber von Soldat:innen angehalten. Nicht mal die Sanitäter:innen dürfen weiter. Eine Debatte entflammt: Für die einen gehören Aktivist:innen nicht in ein medizinisches Fahrzeug und sollten gestoppt werden, für die anderen haben Mediziner:innen stets das Recht, Kranke zu erreichen. Einem Kind in dem belagerten Haus geht es nämlich schlecht.
Erst am Dienstagabend konnten Ruqqaya Hassan und ihre zwei Töchter Kinda und Hur, vier und zwei Jahre alt, das Haus verlassen. Jetzt sitzen sie auf einem roten Sofa im Garten ihrer Stiefmutter, die zwei Mädchen in grüngrauen Pyjamas mit glitzerndem Strass, die 28-jährige Mutter in Langkleid und Schleier. Eines der Kleinen schläft auf dem Schoß der Mutter, das ältere starrt uns an.
„Sie hatte Husten, Fieber und Erbrechen. Und ich bin auch ein bisschen krank“, sagt sie. Immer wieder muss Ruqqaya Hassan beim Reden husten. Drei Tage sind sie in dem belagerten Haus geblieben. Das älteste Kind mag seitdem nicht mehr allein auf die Toilette gehen. Sie hat Angst, dass die Siedler kommen.
„Sie kamen am Sonntagnachmittag in zwei Autos, hatten Ausstattung dabei, saßen auf dem Boden, schauten sich um und begannen, ein Zelt aufzubauen. Sie sagten nichts. Wir sahen sie durch die Überwachungskameras. Wir schlossen uns ein und riefen die israelische Polizei an“, erinnert sich die Mutter. Mit den Händen zeichnet sie die Umrisse des Wohnkomplexes in die Luft, die Siedler hätten einen seitlichen Pfad benutzt. Manche seien über die Mauer geklettert, später seien immer mehr dazugestoßen.
Steine werfen und Kaffee trinken
Sie schnitten Stromkabel ab, brachten Schafe auf die Felder neben dem Haus, warfen Steine gegen die Fenster und schrien. Ruqqaya Hassan bestätigt, die ersten gerufenen Soldat:innen hätten Kaffee mit den Siedlern getrunken und mit ihnen unter dem Zelt gebetet. Auch hätten die Siedler versucht, ihren Krankenwagen zu stoppen. Nur unter Begleitung der Streitkräfte, die zu Fuß vor und hinter dem medizinischen Fahrzeug fahren, können die Ärzt:innen die Familie schließlich erreichen.
Auf dem Hügel haben inzwischen die Militärs mit den Siedlern gesprochen, mehrmals. Das lässt sich von dem Beobachtungspunkt sehen, an dem wir uns mit mehreren Reporter:innen von verschiedenen Medien aufhalten. Dann steigen sie in ihre Fahrzeuge und fahren weg. Die Siedler bleiben.
Wir versuchen, uns dem Haus zu nähern, aber auf dem Weg stoppen uns vermummte Soldat:innen in Kampfausrüstung. Etwas weiter hinten sieht man einen Siedler, der mit Soldaten spricht. Er darf zunächst bleiben. Ein Kommandant kommt an, deklariert die Zone als militärisches Sperrgebiet, höflich, aber in einem Ton, der keine Widerrede duldet. Die Streitkräfte drängen uns langsam zurück.
Es ist nicht das erste Mal, dass die Hassans angegriffen werden. Seit acht Monaten, seitdem einige Hundert Meter hinter ihrem Haus ein neuer Außenposten aufgebaut wurde, versuchen Siedler, das Gebäude zu stürmen. Offenbar mit der Absicht, es zu besetzen. So wie andere Gebäude in der Region.
Foto: Serena Bilanceri
Um das zu verhindern, bleiben stets Mitglieder der Familie dort, in Schichten. Abdeldkarim Hassan sitzt seit Monaten nachts in seinem silbernen Peugeot auf der kargen Ebene. Eine kleine Schlafmatte bringt er sich mit, und beobachtet die Hügel. Wenn sich jemand den Häusern nähert, ruft er die Familie an. Inzwischen eine Vollzeitbeschäftigung.
Bürgermeister Abdul Wadi verschränkt die Arme vor der Brust, wenn man ihn fragt, ob er etwas tun kann. „Mir tut es leid, dass drei Familien dort sind. Aber ich kann nichts für sie tun. Ich sage ihnen, dass sie sich gedulden müssen.“ Die Siedlerangriffe hätten sich in den letzten Jahren verschärft. Jetzt würden sie auch in Gebiet B eindringen, wo Wohnhäuser sind, erzählt er unter einem Olivenbaum, wenige Meter von den israelischen Soldat:innen entfernt.
Qusra hat etwa 5.500 Einwohner:innen und liegt südlich von Nablus. Das halbe Dorf gehört zu Gebiet B, die andere Hälfte zu Gebiet C. Laut Oslo-Abkommen hat Israel die zivile und militärische Kontrolle über Gebiet C, während B unter Verwaltung der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA) steht. Eigentlich sollte die Sicherheit hier gemeinsam von PA und Israel garantiert werden. Doch faktisch hat Israel das Sagen.
Immer wieder entflammt Gewalt in der Gegend um Qusra, in der es mehrere Siedlungen und illegale Außenposten gibt. Vor rund zwei Wochen haben Siedler Feuer bei der Al-Rahma-Moschee in Qusra gelegt und deren Wände mit Graffitis wie „Rache“ besprüht. Kurz davor waren in einem anderen Dorf zwei Israelis und vier Palästinenser gestorben.
Angriffe schon vor dem 7. Oktober
Schon vor drei Jahren, kurz nach dem 7. Oktober, war das kleine Dorf, eingenistet auf dem kargen Hügel zwischen den Olivenhainen, Schauplatz von tödlichen Angriffen. Sechs Menschen starben dort innerhalb von zwei Tagen, alle bei Attacken von israelischen Siedlern. Unklar ist, wer sie genau getötet hat. Als die taz dort war, hingen noch die Plakate mit den Gesichtern der sechs Männer, die typischen Traueranzeigen, über der Rathaustür.
Damals trauten sich die Dorfbewohner:innen kaum noch, auf die Felder zu gehen, um ihre Oliven zu ernten. Heute, drei Jahre später, haben sie immer noch Angst. Auf die palästinensische Polizei hofft hier niemand, sie hat hier de facto nichts zu melden, nicht einmal im Gebiet B. Und die israelischen Sicherheitskräfte zeigen sich fast genauso machtlos, wenn sie mit den radikalen Siedlern auf diesen Hügeln konfrontiert werden.
So schilderten israelische Soldaten gegenüber Haaretz jüngst, wie Siedler im Westjordanland selbst Streitkräfte, die sich ihnen entgegenstellen wollen, bedroht und angegriffen hätten. Der Grund: Die Siedler genießen den Schutz von Reservisten aus den Siedlungen und von machtvollen Offizieren. Nach dem 7. Oktober sind etwa 5.500 Siedler:innen in den Hagmar-Bataillonen einberufen worden. Die israelische Armee verneint solche Vorwürfe regelmäßig. Doch die Videos, auch die aus Qusra, erzählen eine andere Geschichte.
In den belagerten Häusern ist inzwischen die Großmutter der Hassans angekommen. Sie fuhr im Krankenwagen mit, der die zwei Mädchen und Ruqqaya Hassan am Dienstag abholte. Es dürfen nicht zu wenig Familienmitglieder dort allein sein, denn ihr Zuhause wollen sie nicht aufgeben. Koste es, was es wolle. Sogar der US-Botschafter Mike Huckabee hat sich zum Vorfall geäußert und ihn als „Terror“ bezeichnet. Die israelische Armee teilte am Mittwoch mit, sie werde die Israelis wegräumen. Unklar ist jedoch, wann.
Die Anfrage der taz beantwortet es nicht, doch in den vergangenen Tagen hat das Militär die Handlungen der Siedler als „illegal, verwerflich und inakzeptabel“ beschrieben und Strafen gegen eventuell beteiligte Soldaten angekündigt. Am Mittwoch besuchte ein israelischer General die palästinensischen Familien. Ein Infanterie-Bataillon ist im Gebiet angekommen.
Abdelkarim Hassan steht am Mittwochnachmittag wieder auf dem Hügel vor dem Wohnkomplex, in dem sich seine Ehefrau und sein Sohn gerade verbarrikadieren. Soldaten sind wieder da, die Jungs auch. Er sieht wehmütig aus, eher resigniert als wütend. „Wenn die israelische Regierung das Problem wirklich lösen wollte, wäre das innerhalb von einer Stunde erledigt“. Doch am Donnerstag stehen die Siedler noch immer vor seinem Haus.
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