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Timmy und die SPD Mecklenburg-VorpommernDen Wal retten und die Wahl retten

MV-Umweltminister Till Backhaus (SPD) steht wegen der verunglückten Timmy-Rettung in der Kritik. Nun soll eine Sondersitzung des Landtags für Aufklärung sorgen.

Dem buckelwalvernarrten Teil der deutschen Nation drohte in letzter Zeit wegen anhaltender Ereignislosigkeit schon langweilig zu werden. Doch nun kommt wieder Leben in die Bude. Genau genommen das Gegenteil. „Um 8.16 Uhr wurde der Wasserschutzpolizei gemeldet, dass ein lebloser Wal im Greifswalder Bodden treibt“, teilte Mecklenburg-Vorpommerns Umwelt- und Landwirtschaftsminister Till Backhaus (SPD) am Donnerstag mit.

Gemutmaßt wird, dass es sich um den Wal handelt, dem der wenig eingängige Name Hartwin verpasst wurde. Von Rettungsaktionen für das verendete Tier war bis Freitagvormittag zwar noch nichts zu vernehmen. Minister Backhaus ließ aber wenigstens wissen, dass es ihn betrübe, „dass wir nun schon zum zweiten Mal innerhalb eines Jahres den Tod eines Buckelwals in der Ostsee feststellen müssen“.

Richtig. Da war ja was. Timmy. Ebenfalls tot.

Über Wochen beherrschte die Ende März vor der Küste Mecklenburg-Vorpommerns gestrandete Buckelwalkuh die Schlagzeilen. Einen Monat später wurde das sieche Tier schließlich ins offene Meer verschleppt. Dann tauchte Timmy als Kadaver wieder auf, bevor sie schließlich Anfang Juni entsorgt wurde. Damit hätte der Frühlingsaufreger des Jahres 2026 seinen versöhnlichen Abschluss finden können. Es könnte anders kommen.

Timmy ist tot, es lebe Timmy

Jetzt hat die CDU-Fraktion im Schweriner Landtag für kommenden Mittwoch in der Causa Timmy eine Sondersitzung des Landwirtschaftsausschusses beantragt. Mitten in den Parlamentsferien, viereinhalb Wochen vor der Landtagswahl, soll Umwelt- und Landwirtschaftsminister Till Backhaus Rede und Antwort stehen.

Den Anlass für das anberaumte Sondergrillen des Ministers geben in der Zeit und der regionalen Ostsee-Zeitung unabhängig voneinander veröffentlichte Artikel mit neuen Erkenntnissen zur letztlich missglückten Walkuh-Rettung durch eine obskure private Initiative um den Media-Markt-Gründer Walter Gunz.

Beide Zeitungen haben jeweils rund 1.700 Seiten mit internen Vermerken, Stellungnahmen und E-Mail-Wechseln aus Backhaus’ Ressort einsehen können. Und die haben es offenkundig in sich.

Mit­ar­bei­te­r:in­nen des Umweltministeriums warnten Backhaus demnach nachdrücklich und mehrfach vor der Rettungsaktion der Kuh. Nachgewiesenermaßen ging der SPD-Mann zunächst mit und wollte das Tier in Ruhe sterben lassen. Bis er dann innerhalb weniger Tage einen erstaunlichen Sinneswandel vollzog, sich zum obersten Wal-Retter der Nation aufschwang – und, so der Vorwurf, fortan alle Bedenken aus seinem Haus stur ignorierte.

Chaos, Punk und Anarchie

Ausschlaggebend für die Wende sollen E-Mails von Walter Gunz gewesen sein. Der bayerische Multimillionär hatte bei Backhaus auf die Genehmigung des Timmy-Transports von der Ost- in die Nordsee lobbyiert, die Gunz zusammen mit der Pferdesport-Unternehmerin Karin Walter-Mommert dann auch finanzierte. Am 11. April schreibt Gunz laut Ostsee-Zeitung an Backhaus den schönen Satz: „Vielleicht können wir gemeinsam den Wal retten und Sie die Wahl retten.“

Die wahlkämpfende mecklenburg-vorpommersche Regierungspartei SPD von Backhaus und Ministerpräsidentin Manuela Schwesig liegt zu diesem Zeitpunkt in Umfragen bei 26 Prozent, 8 Punkte hinter der führenden extrem rechten AfD. Vier Tage nach Gunz’ Mail gibt Backhaus grünes Licht für eine Walkuh-Rettung durch die Initiative. Allen, auch ministeriumsinternen Widersprüchen zum Trotz.

Backhaus’ zuständiger Abteilungsleiter, der als Erstes vor der Initiative gewarnt haben soll, warf den Berichten zufolge am 24. April das Handtuch. „Wegen der erheblichen Drucksituation, die besteht, wegen der Erfahrung mit der Unzuverlässigkeit bei Absprachen mit den Beteiligten und Partnern und wegen der (…) nicht möglichen seriösen Bearbeitung der naturschutzrechtlichen Grundsatzfragen“ in der knappen Zeit sehe er sich „gezwungen“, sich krankschreiben zu lassen.

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Die ebenfalls wahlkämpfende CDU-Fraktion fordert nun Aufklärung in der parlamentarischen Sondersitzung. „Offenbar hat das Ministerium Chaostage hinter sich, die der Minister selbst angezettelt hat“, sagt CDU-Landes- und Fraktionschef Daniel Peters zur taz. Peters, zugleich Spitzenkandidat bei der Landtagswahl am 20. September, will vor allem wissen, was es mit der von Gunz angebotenen kombinierten Wal- und „Wahl-Rettung“ auf sich hat. „Das ist eine Wortwahl, die zumindest aufhorchen lässt.“

Der Minister zürnt

Backhaus selbst zürnte unterdessen. Per Pressemitteilung ließ er, seit 1998 im Amt und damit Deutschlands dienstältester Minister, wissen, er sei über die Berichte von Zeit und Ostsee-Zeitung „entsetzt“. Denn: „Hier werden die Fakten verdreht.“

Insbesondere weise er die Behauptung zurück, sein Abteilungsleiter habe „krank gemacht“. Richtig sei zwar, dass sich der Mann krankgemeldet habe. Dies sei aber der extrem hohen Arbeitsbelastung geschuldet gewesen. „Am Ende der Rettungsaktion waren alle Beteiligten erschöpft. Alle – auch ich!“, teilte Backhaus mit. Gegenüber der taz betonte er vor kurzem noch mal, wie nah ihm das Schicksal der Kuh gegangen sei.

Heul doch, entgegnet ihm die CDU. Deren Landeschef Daniel Peters sagt, für ihn scheinen die publik gewordenen Akten eher zu belegen, „unter welchem Druck die eigenen Fachleute standen“ – und zwar wegen Backhaus.

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2 Kommentare

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  • Il_Leopardo

    Dass die beiden bürgerlichen Parteien sich gegenseitig "fertig machen", ist angesichts der Bedrohung durch die AfD kaum zu verstehen.



    Etwas Ironie mag ich mir aber auch nicht versagen. Dass Herr Backhaus und sein Abteilungsleiter so "erschöpft" waren, hört sich an, als hätten sie Timmy mit vereinten Kräften persönlich auf's Meer hinaus geschoben.

  • fly

    Kann man diese Petitesse nicht einfach mal abhaken? Ok, es war eine Aufregung in manchen Kreisen und es war eine einmalige Situation, bei der auch mal Fehler gemacht werden.

    Oder, wie sonst oft zu lesen, haben wir keine größeren Probleme in dem Land?