Rassismus bei der Leichtatheltik EM : Eine Sache sagen
Bei der Leichtathletik-EM in Birmingham kritisiert die deutsche Athletin Smilla Kolbe im ZDF den Rassismus der Fans. Eine notwendige und große Geste.
Foto: Sven Hoppe/dpa
E s war ein bemerkenswerter Auftritt von Smilla Kolbe. Rassistische Anfeindungen gegenüber Sportlerinnen und Sportlern bei der Leichtathletik-EM in Birmingham waren bis zum Donnerstagnachmittag nicht wirklich ein Thema.
Das lag nicht daran, dass es diese nicht gegeben hätte. Sie sind zur Normalität geworden. Bei sportlichen Großveranstaltungen sind in den letzten Jahren Athletinnen und Athleten zunehmend rassistischer Hetze im Internet ausgesetzt. Nur bei besonders hohen Ausschlägen dieser Hasswellen im Netz wird vornehmlich mit den davon Betroffenen darüber gesprochen.
Der deutschen 800-Meter-Läuferin Smilla Kolbe, aufgewachsen in der Region Hannover, war es nun ein Anliegen, diese rassistische Normalität in Deutschland aus ihrer privilegierten Position heraus zu thematisieren. „Darf ich eine Sache sagen?“, fragte sie die Reporterin vom ZDF, die sie zuvor zu ihrem tragisch knappen Ausscheiden um zwei Hundertstelsekunden im EM-Halbfinale interviewt hatte. Kolbe hätte so kurz nach dem Rennen also eigentlich genug Grund gehabt, mit sich selbst beschäftigt zu sein.
Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten linken Meinungsspektrums.
Die zweifache deutsche Meisterin bedankte sich indes für die Unterstützung, die sie als Sportlerin in letzter Zeit auch über Social Media erfahren habe, und erklärte: „Ich will mir gar nicht vorstellen, wie das wäre, wenn ich nicht so weiß wäre wie ich bin.“ Sie kam auf die finsteren rassistischen Posts zu sprechen, die in den Kommentarspalten der Accounts ihrer schwarzen Mitstreiterinnen und Mitstreiter im deutschen Team zu lesen seien, und forderte mehr Respekt ein.
Später erklärte sie gegenüber der ARD, sie könne „wirklich kotzen“, wenn sie das sehe. Sie zeigte ihre Betroffenheit, obwohl sie nicht direkt betroffen ist. Es ging ihr nicht um einen konkreten Vorfall, sondern um ein grundsätzliches Bekenntnis. Wie ungewöhnlich und selten diese Form von Solidarität ist, zeigte sich in den Stunden danach. Das ZDF-Interview ging in den sozialen Netzwerken viral. Wenig überraschend wurde Kolbe dadurch auch zur Zielscheibe von rassistischen Hatern auf Social Media.
Es bräuchte viel mehr solcher Sportlerinnen und Sportlern, die sich proaktiv an die Seite von Betroffenen stellen. Kolbe, die zwar bei der EM über 800 Meter so schnell gelaufen ist wie mehr als 30 Jahre lang keine Deutsche, international aber nicht zur Elite zählt, nutzte das kleine Aufmerksamkeitsfenster der EM, um dieses solidarische Zeichen zu setzen.
Das ist vorbildlich. Denkt man an den rassistischen Müll im Netz, der über den deutschen Fußballnationalspieler Jonathan Tah nach seinem verschossenen Elfmeter im WM-Sechzehntelfinale ausgebreitet wurde, hätte man sich noch viel deutlichere und kollektivere Unterstützung von seinen Mitspielern gewünscht.
Je mehr sich zur Zielscheibe von rassistischen Hatern machen, desto weniger belastend ist es für die Einzelnen. Vielleicht hat der schwarze Zehnkämpfer Leo Neugebauer, der am Donnerstagabend für Deutschland Gold holte, schon davon profitiert, dass die Hassproduzenten sich noch am Interview mit Smilla Kolbe abarbeiten mussten.
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
meistkommentiert