piwik no script img

Anime „Chihiros Reise ins Zauberland“Groß werden mit Göttern

„Chihiros Reise ins Zauberland“ hat die Filmwelt auf den Kopf gestellt und Animes endgültig nach Deutschland gebracht. Jetzt kommt das Meisterwerk zurück ins Kino.

Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich Chihiro zum allerersten Mal erblickte. Es muss Mitte der 2000er gewesen sein. Ich hockte als Kind abends bei Familienfreunden im Fernsehzimmer, während die VHS-Kassette über den Röhrenfernseher flimmerte.

Unsere Heldin stieg gerade in den Heizkeller des fantastischen Badehauses hinab, in dem sich große Teile des Films abspielen. Dort trifft sie auf den vielarmigen Heizer Kamaji und seine Arbeiterkolonne an unzähligen winzigen und wuseligen Rußmännchen. Chihiro nimmt den kohlrabenschwarzen Wesen ein wenig ihrer Arbeit ab und sie entscheiden sich kurzerhand dazu, gegen ihren Chef aufzubegehren. Was mir heute wie der süßeste Generalstreik aller Zeiten vorkommt, hat damals vor allem eins in mir ausgelöst: pure Faszination.

So richtig begreifen konnte ich damals nicht, was dort vor meinen Augen Wundersames passierte. Die unzähligen kulturellen Anspielungen und Verweise auf die japanische Mythen- und Sagenwelt waren mir völlig neu und einige der Monster gruselten mich. Und doch war ich sofort eingesogen von der Welt des Anime.

Der Film

„Chihiros Reise ins Zauberland“ läuft ab 18. August wieder im Kino.

Siegeszug der japanischen Animation

Seitdem hat sich viel getan. „Chihiros Reise ins Zauberland“ von Hayao Miyazaki wurde mit jedem nur erdenklichen Preis überhäuft, allen voran dem Goldenen Bären und dem Oscar als bester Animationsfilm. Er gilt als einer der größten Animationsfilme der Geschichte – und ehrlich gesagt verdient er jede dieser Lobpreisungen. Denn er eröffnete einer ganzen Generation eine völlig neue Filmerfahrung, von der sie auch 25 Jahre später noch zehrt.

Mindestens ein halbes Dutzend Mal habe ich mittlerweile miterlebt, wie Chihiro ins Reich der Götter und Geister eindringt und dabei versucht, ihre in Schweine verwandelten Eltern zu retten. Und jedes Mal, wenn ich ihn wieder schaue, hält der Film etwas Neues für mich parat.

Als Kind war es das fantastische Abenteuer, das mich fesselte. Als Jugendlicher konnte ich mich allmählich für die Liebesgeschichte zwischen Chihiro und Haku, einem Flussgott in Jungengestalt, erwärmen. Und auch als Erwachsener bietet sich stets eine etwas andere Lesart.

Da gibt es etwa die Freundschaft und die Unterstützung zwischen den Badehausmitarbeitenden und Chihiro, die sich nach und nach auf die ganze Belegschaft unterhalb der despotischen Hausherrin und Hexe Yubaba (wunderbar schräg von Nina Hagen synchronisiert) ausbreitet. Hinzu kommen die konsum- und materialismuskritischen Anstriche, als der Goldrausch im Onsen ausbricht und die Gier ihre Opfer buchstäblich verschlingt. Nur Chihiro mit ihrem reinen Herzen kann bestehen und so letztlich auch ihre Eltern heil aus der Geisterwelt zurückbringen.

Verpackt ist all das in eine farbenfrohe und grandios animierte Zeichentrickstory, die immer noch inspiriert. Schon die Eröffnungssequenz ist Bildsprache in Perfektion: Während die Eltern in ihrem Audi ratlos durch die japanischen Wälder brettern, schmollt Chihiro zwischen Umzugskartons auf dem Rücksitz und klammert sich an den Blumenstrauß, den sie zum Abschied von ihrer Freundin bekam. Im Hintergrund setzt der großartige Orchestersoundtrack von Joe Hisaishi ein, der mir jedes Mal die Gänsehaut hochtreibt.

Jede Träne wert

Das nächste Mal, als wir die gleiche Melodie hören, heißt Chihiro nicht mehr Chihiro, sondern Sen. Ihren echten Namen und damit ihre Freiheit raubte ihr Yubaba. Während Haku versucht, ihr Mut zu machen, kullern Sens Tränen nur so über ihre Wangen. Sie ist noch lange nicht am Ende ihrer Reise – aber sie beißt sich durch.

Es ist kein Zufall, dass gerade „Sen und Chihiros magisches Verschwinden“, wie sich der Originaltitel ins Deutsche übersetzen lässt, als Miyazakis womöglich größter Meilenstein gilt. Denn der Film vereint viele seiner besten Elemente: eine starke Protagonistin, eine liebevolle Story und ganz viel Magie in den großen und kleinen Dingen des Lebens. Die grandiosen Details und deren herzerwärmende Umsetzung sind schier endlos.

Empfohlener externer Inhalt

Wir würden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden, ob Sie dieses Element auch sehen wollen:

Trailer „Chihiros Reise ins Zauberland“

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung

Für mich ist Chihiros Reise die vielleicht schönste Coming-of-Age-Geschichte der Filmwelt. Anime ist heute aus der deutschen Kulturlandschaft nicht mehr wegzudenken. Einen Anteil daran hat nicht zuletzt auch dieses zehnjährige Mädchen, das ihren Trotz ablegt und über sich hinauswächst. Mit ihr großgeworden zu sein, ist ein Privileg. Und deshalb kommen auch mir jedes Mal die Tränen, wenn sie weint, kämpft und mit ganzem Herzen liebt.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare