Krieg in der Ukraine: Russischer Büchermarkt in Kyjiw unter Beschuss
Ausgerechnet der Ort, an dem man in Kyjiw noch russische Bücher kaufen kann, wird beschossen. Auch Moskau meldet Angriffe mit hunderten Drohnen.
Foto: Francisco Seco/AP/dpa
Um 1:57 Uhr durchbrachen heulende Sirenen die nächtliche Stille von Kyjiw. Und schon wenige Minuten später folgten fünf dumpfe Schläge. Dann war es wieder ruhig in der ukrainischen Hauptstadt. „Wir können uns wieder schlafen legen“ tönte die Stimme eines Mannes aus einer Wohnung im vierten Stock des Nachbarhauses.
Vier Tage lang schon war es ruhig gewesen in der Stadt, keine Drohnen, keine Raketen. Er sollte nicht recht behalten, der Mann aus dem Nachbarhaus, der geglaubt hatte, dass es mit fünf Raketeneinschlägen beendet sei. Auch am Morgen und am Vormittag gab es noch drei weitere Male Luftalarme, gefolgt vom Surren der Drohnen und dem Einschlag von Drohnen und Raketen.
Doch von Panik keine Spur. Zwar suchten einige Passanten ihr Heil in einer U-Bahn-Station oder einer Unterführung, viele nahmen die Luftalarme und Einschläge indes mit Achselzucken zur Kenntnis. Zwei ältere Damen, die mit einem Hund spazieren gehen, wundern sich über einen Mann, der sich aufgeregt an sie wendet: „War ja wohl wieder sehr laut diese Nacht“. Sichtlich genervt antwortet die Dame mit dem Hund: „Laut ist was anderes. Laut war es, als eine Drohne das Dach meiner Nachbarin mitgenommen hat. Das, was wir heute gehört haben, ist doch in einem ganz anderen Stadtteil eingeschlagen. Sie sind wohl neu hier?“
Der Krieg zerreißt Familien
Auch Alina, eine Krankenschwester, wundert sich, dass viele Menschen nun die Metro oder eine Unterführung aufsuchen. „Wir arbeiten im Krankenhaus bei Luftalarm immer weiter. Ich glaube an Gott. Wenn meine Stunde gekommen ist, ist sie gekommen. Und offensichtlich ist sie noch nicht gekommen.“ Es gäbe Schlimmeres. „Direkt in diesen Tagen wird ein Dorf in der Nähe von Wilnjansk, 20 Kilometer von Saporischschja entfernt, evakuiert, weil man es vor den heranrückenden Russen wohl nicht mehr retten kann. Und nun muss mein Mann, der gerade dort ist, seine kranke Mutter aus dem Dorf bringen.“ Der Krieg hat ihre Familie zerrissen. Der Mann muss nun ständig bei seiner Mutter sein, ihre beiden Töchter sprechen nicht mehr miteinander. Eine Tochter hat die russische Staatsbürgerschaft, lebt auf Zypern, die andere, eine ukrainische Nationalistin, in Kyjiw.
In der Nacht zum Sonntag, dem 1635. Kriegstag, hat Russland die Ukraine erneut massiv mit Raketen und Drohnen angegriffen. Besonders betroffen waren Kyjiw, Odessa und Krywyj Rih. Es ist eine Ironie des Schicksals: Der einzige Ort, an dem man in Kyjiw noch russische Bücher kaufen konnte, ist der Buchmarkt Petrowka. Zwar werden dort russische Bücher nicht offen gehandelt. Aber während man in einem Kyjiwer Buchladen nur einen mißbilligenden Blick erntet, wenn man nach einem russischsprachigen Buch fragt, folgt auf dem Markt Petrowka dieser Frage meist ein Griff unter die Ladentheke und schon ist das russischsprachige Buch da.
Mit dem gestrigen Angriff auf den Petrowka-Markt hatten die russischen Streitkräfte nun den einzigen Ort in Kyjiw, an dem man legal russische Bücher kaufen konnte, zerstört. Besonders schwer getroffen wurde der Industriestandort Krywyj Rih. Das dortige Stahlwerk ArcelorMittal Krywyj Rih teilte mit, dass die Produktion teilweise eingestellt werden musste. Nach Angaben des Unternehmens starb ein Mitarbeiter, 13 Beschäftigte und Mitarbeiter von Vertragsunternehmen wurden verletzt.
In Odessa schlug nach Angaben des Gouverneurs der Region, Oleh Kiper, eine Drohne in eine Filiale des Paketdienstes Nova Poshta in einem Einkaufszentrum ein. Zwei Menschen wurden verletzt. Parallel zu den russischen Angriffen auf die Ukraine fanden ukrainische Angriffe mit hunderten Drohnen auf russisches Gebiet statt.
Getroffen wurde unter anderem das Kamensker Kombinat im Gebiet Rostow. Dort wird nach ukrainischen Angaben Raketentreibstoff hergestellt. Die russischen Behörden im Gebiet Rostow meldeten nach nächtlichen Drohnenangriffen fünf Tote. Auch das Gebiet Moskau wurde von ukrainischen Drohnen angegriffen. Bei Podolsk wurde wieder ein Lager des russischen Logistikunternehmens und Onlinehändlers Wildberries angegriffen.
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