: Der Klang der Wälder ist verstummt
Brände im Hohen Venn, Starkregen in Wacken: Der Klimawandel wirkt sich auch auf Musikfestivals aus. Durch die neuen Risiken und Anforderungen sehen sich vor allem kleinere Veranstalter wirtschaftlich bedroht
Foto: Christoph Reichwein/dpa
Von Kristoffer Cornils
Im Herbst 2019 wurde das Album „The Memory Room“ bei dem kleinen belgischen Indie-Label Meakusma veröffentlicht. Musik ist in den etwas mehr als 45 Minuten aber kaum zu hören. Stattdessen bläst der Wind, es zwitschern Vögel und Wasser tropft. Es handelt sich um Naturaufnahmen. Entstanden sind sie während eines Workshops, der der Klangwelt des Naturschutzgebiets Hohes Venn an der belgisch-deutschen Grenze gewidmet war.
Nun hat der Albumtitel eine ganz neue Bedeutung erhalten: Denn das auf dem Album dokumentierte Klangpanorama der Natur gibt es so nicht mehr. Mitte August brannten mindestens 3.200 Hektar der Wälder und Moore im Hohen Venn ab. Ihre Regeneration könnte Jahrzehnte dauern.
Eupen liegt nur wenige Kilometer nördlich des von einem gigantischen Waldbrand verheerten Naturschutzgebiets auf der ostbelgischen Seite der Grenze. Vielen Musikfans ist das deutschsprachige Städtchen als beliebtes Reiseziel bekannt.
Seit 2016 veranstaltet das Label Meakusma in Eupen ein gleichnamiges Festival, das von avancierter Clubmusik bis hin zu zeitgenössischer Komposition viel zum Entdecken bietet – darunter auch Soundwalks, bei denen Besucher:innen den Hirschen im Hohen Venn beim Röhren zuhören konnten.
Die nächste Ausgabe am kommenden Wochenende kann wohl trotzdem stattfinden, versichert Mitveranstalter Michael Kreitz. „Der Wind hat den Rauch insgesamt nur an einem Tag direkt bis nach Eupen geweht.“
Doch wird das bisher ungewisse Ausmaß des Großbrands die Region noch lange beschäftigen. Bereits 2021 wurde Eupen im Zuge der Ahrtal-Flutkatastrophe überschwemmt, Häuser fielen dem Hochwasser zum Opfer. Das sich auf diverse Veranstaltungsorte in der Innenstadt verteilende Festival musste damals abgesagt werden. Es wurde damit zu einem Symbol dafür, wie Festivals verstärkt mit extremen Wetterbedingungen und aus der menschengemachten Klimakrise resultierenden Naturkatastrophen zu kämpfen haben.
Das Heavy-Metal-Festival im schleswig-holsteinischen Wacken konnte 2025 wegen Starkregens nur eingeschränkt stattfinden. Und das Elektronikfestival Fusion in Mecklenburg-Vorpommern war dieses Jahr während einer Hitzewelle mit Temperaturen um 40 Grad von einem Brand in nächster Nähe bedroht.
Diese Fälle sind Teil eines allgemeinen Trends, bestätigt Festivalreferent Simon Knop Jacobsen vom Verein ImPuls Brandenburg. Eine bundesweite Erfassung von Festivalabsagen im Zusammenhang mit extremen Wetterbedingungen gebe es zwar nicht. „Es häufen sich aber in den vergangenen Jahren dokumentierte Fälle, in denen Festivals aufgrund hoher Temperaturen oder anderer extremer Wetterlagen abgesagt, verkürzt oder unterbrochen werden mussten.“
Vor allem Hitze, Trockenheit und die damit verbundene Waldbrandgefahr würden Veranstalter:innen beeinträchtigen, auch Unwetter können gefährlich werden – ob in gesundheitlicher Hinsicht für das Publikum oder in wirtschaftlicher für die Festivals.
„Mit zunehmenden Wetterextremen wächst eine strukturelle Unsicherheit für die Festivalszene“, erklärt Knop Jacobsen. „Investitionen und Risiken sind immer schwerer zu kalkulieren, während gleichzeitig die finanziellen Folgen einer kurzfristigen Absage kaum abzufedern sind.“ Die Anpassung von Sicherheits- und Infrastrukturkonzepten sowie auch die medizinische Versorgung sorge für zunehmende Vorabkosten; zugleich klettern Versicherungsprämien in die Höhe. Insbesondere für kleine und mittelgroße Festivals sei das kaum mehr tragbar.
Es ließe sich fragen, inwiefern Festivals nicht auch Teil des Problems sind. Im Stadtgebiet veranstaltete Festivals wie das Meakusma, das von Köln und Brüssel recht bequem mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen ist, mögen einen vergleichsweise kleinen ökologischen Fußabdruck haben. Anders sieht das im Fall von Wald-und-Wiesen-Festivals aus, die nur per Auto zu erreichen sind, deren Präsenz in hoch entzündlichen Waldgebieten ein akutes Risiko in sich birgt, oder die sogar über finanzkapitalistische Verflechtungen mit der fossilen Energieindustrie zusammenhängen.
Als Wacken im Schlamm versank, schien das von zynischer Symbolik. Im Jahr 2020 war das Metal-Festival von dem Großveranstalter Superstruct Entertainment aufgekauft worden, der heute zusammen mit drei weiteren Unternehmen große Teile der europäischen Festivallandschaft unter sich aufteilt. Superstruct selbst wurde im Sommer 2024 von der international agierenden Investmentfirma KKR aufgekauft, zu deren Portfolio insgesamt 17 Fossilunternehmen zählen sollen. Die Initiative Private Equity Climate Risks schätzte deren CO2-Ausstoß auf 93 Millionen Tonnen pro Jahr. Dagegen fallen ein paar VW-Bullys bei Wacken nicht ins Gewicht.
Simon Knop Jacobsen hebt die potenziell positive Rolle von Festivals in der Klimakrise hervor: „Kultur- und Naturschutz sollten stärker gemeinsam gedacht werden“, sagt er. Statt strengerer behördlicher Auflagen wünscht er sich mehr Kooperation. „Festivals können Teil der Lösung sein: Durch gute Organisation, verantwortungsvolle Flächennutzung und ein starkes Vermittlungspotenzial erreichen sie breite Zielgruppen und können für einen verantwortungsvollen Umgang mit der Natur sensibilisieren.“ Er verweist auf eine 2025 von der Bundesstiftung Livekultur veröffentlichte Studie, laut der über die Hälfte der Festivals über Strategien für ökologische Nachhaltigkeit verfügten.
Deren Umsetzung ist allerdings teuer, und die bürokratischen Hürden bleiben groß. Während sich die diesjährige Open-Air-Saison dem Ende zuneigt, bleibt die Zukunft ungewiss. Klar ist derzeit nur, dass das Meakusma-Festival so schnell keine Soundwalks im Hohen Venn mehr veranstalten wird.
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