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Estland und der russische Angriffskrieg: Und wenn sie kommen?
Die baltischen Staaten sind Russland nicht nur geografisch nahe. Doch der Nachbar im Osten droht wieder gefährlich zu werden. Begegnungen in Estland.
W enn es Nacht wird, dann kann Triin Saks die Lichter sehen. Jeden Abend, seit Monaten. Am Horizont reihen sich die hellen Punkte auf, wie an einer Kette, die über dem Meer baumelt. Ihr Anblick hat fast etwas Romantisches. Es sind die Lichter von riesigen Containerschiffen. Manchmal sind es nur fünf bis zehn, an vielen Tagen sind es mehr. Sie gehören zu Russlands sogenannter Schattenflotte, warten auf ihre Einfahrt in den nächsten russischen Hafen.
Triin Saks lebt in Käsmu im Norden Estlands, rund 30 Kilometer von der russischen Grenze entfernt. „Kapitänsdorf“ wird der Ort auch genannt, er ist bekannt für seine jahrhundertelange Seefahrergeschichte. Saks und ihr Mann betreiben dort eine Art Heimatmuseum, direkt am Dorfhafen. Das Haus ist vollgestopft mit Fundstücken: Fischernetze, jahrhundertealte Bücher, Seekarten, Tonkrüge. Das Meeresmuseum von Saks und ihrem Mann ist zugleich ihr Zuhause, ein Haus voller Erinnerungen an die Geschichte Käsmus, an den Ersten und Zweiten Weltkrieg, die sowjetische Besatzung, die Zeit der Unabhängigkeit seit Beginn der 1990er Jahre. Dabei spielt Russland immer eine zentrale Rolle.
Seit Anfang des Jahres hat Triin Saks eine Webcam am Fenster zum Strand aufgehängt, die rund um die Uhr das Meer im Blick hat und in der Nacht die Schattenflotte aufnimmt. Seit die ukrainischen Streitkräfte in den vergangenen Monaten begonnen haben, gezielt Häfen und andere militärstrategische Ziele an der Küste Russlands anzugreifen, seien es mehr Schiffe geworden, die auf ihre Einfahrt warten, sagt Saks. So komme der Krieg näher. Näher als je zuvor, seit die russische Vollinvasion in der Ukraine 2022 begann.
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Die Grenze Russlands zu Estland ist nur rund 294 Kilometer lang, meist führt sie durch Wälder, Sumpf- und Wassergebiete, durch dünnbesiedelte Regionen. Gemeinsam mit den beiden anderen baltischen Ländern Litauen und Lettland zählt Estland seit Kriegsbeginn zu den stärksten Unterstützern der Ukraine. Sicherheitsexpert:innen und Geheimdienste warnen in unregelmäßigen Abständen von einer russischen Attacke auf eines der drei baltischen Nato-Länder. Sicher ist: Die Kriegsfolgen sind zu spüren. Und Estland macht sich bereit.
Verklumptes Öl am Strand
An einem Nachmittag Anfang Mai geht Triin Saks mit ihrem Hund spazieren, an dem steinig-sandigen Strand, der bis nach Laheema führt, einem Schutzgebiet für Wasservögel. Dabei entdeckt sie einen schwarzen Klumpen, eine zähe Masse, die das Meer angespült hat. Es ist verklumptes Öl. Saks steckt den Klumpen in eine Mülltüte und entsorgt ihn. Sie hat eine Ahnung, woher er kommen könnte. Ukrainische Drohnen hatten wenige Tage zuvor die russische Ölraffinerie im Hafen von Ust-Luga angegriffen, an der Lugabucht im Finnischen Meerbusen unweit der Grenze zu Estland. Die Raffinerie brannte, Öl lief aus. Nun hat das Meer Reste davon an Käsmus Strand gespült.
In dieser Zeit gibt es ähnliche Meldungen auch aus dem Küstendorf Vainupea, östlich von Käsmu, noch näher an der Grenze zu Russland. Umweltschutzverbände warnen vor gravierenden Folgen für das Naturschutzgebiet. Es sind nicht nur die brennenden Raffinerien, die sie beunruhigen, sondern auch die Schattenflotte, deren Treibstoff in der Ostsee landet und deren Crews ihren Müll im Meer entsorgen.
„Unsere russischen Freunde rufen uns heute nicht mehr an“, sagt Triin Saks – 60 Jahre alt, der Blick sanft-bestimmt. Sie versucht aus der Vergangenheit Schlüsse für die Gegenwart zu ziehen. Die Grenze ist gefährlich geworden. Saks steht in ihrer Küche, durch die die Besucher:innen des Meeresmuseums hindurch müssen, wenn sie in den Raum mit den alten Seekarten wollen. Sie blättert in einem Buch, dass sich mit der Arbeit von Männern und Frauen in den 1940er Jahren in den Dörfern, auf den Feldern in der Region beschäftigt. Die Kleider der Menschen auf den Fotos haben Flicken, manche Löcher. Die Arbeit ist hart, der Lohn gering. Ihre Gesichter sind stolz.
Die Esten und die Russen sagt Saks, sie waren und sind keine Feinde. Sie haben eine gemeinsame Geschichte. Und jetzt? Was passiert, wenn es zum Ernstfall kommt? Zu einem Angriff mit Drohnen, mit Raketen? „Wir haben hier auch Dolche und jahrhundertealte Waffen“, sagt Triin Saks bitter. „Damit können wir kämpfen.“ Und dann fügt sie hinzu: „Wo soll ich denn hingehen?“
Eine App für den Stadtkern
Mit dieser Frage beschäftigt sich auch Sergo Kohal, rund 80 Kilometer entfernt von Saks’ Meeresmuseum. Und zwar mitten in Tallinn, Estlands Hauptstadt, in der rund eine halbe Million Menschen leben und die rund sechsmal so viele Tourist:innen jedes Jahr besuchen. Kohal ist Spezialist für Krisenvorbereitung in der Abteilung Zivilschutz der Stadt Tallinn.
In der Altstadt Tallinns sind an Bahnhöfen, Märkten, Unterführungen oder Parkhäusern blaue Dreiecke zu finden. Sollte es Luftalarm geben, sind das Räume, in denen die Menschen Schutz suchen können. Die App „Ole Valmis“ – „Sei bereit“ – informiert über den aktuellen Stand, wann die Gefahr vorüber ist und wo es Hilfe gibt. Doch was ist mit den zahlreichen Bezirken außerhalb des Stadtkerns, vor allem dort, wo die ärmere Bevölkerung lebt?
Zum Beispiel im Stadtteil Lasnamäe im Norden Tallinns. Mitte der 1970er Jahre bis zur Unabhängigkeit Estlands 1991 wurde dort eine riesige Plattenbausiedlung aufgebaut. Rund 100.000 Menschen wohnen dort heute, der Großteil ist russischsprachig. In der Platte in Lasnamäe kommen auch die unter, die wenig Geld haben. Die Wege sind sauber gefegt, auf den immer gleich aussehenden Spielplätzen eine bunte Rutsche, ein quadratisches Klettergerüst.
An diesem Dienstagmorgen Anfang Juni rasen Schulkinder auf E-Rollern über die betonierten Wege zwischen den Wohnhäusern. Ein paar Frauen, sicher über 70, schleppen Plastiktüten, aus denen Porree ragt, ein Dackel schleppt sich an der Leine hinterher.
0,75 Quadratmeter Sicherheit für jeden
Sergo Kohal steht hier vor dem Eingang zu seinem Showroom, einem Modellprojekt für einen unterirdischen Schutzraum. Ein solcher Raum soll möglichst vielen Menschen Platz bieten, er muss stabile Wände und Decken haben, gut erreichbar sein, effektiv im Katastrophenfall – und preiswert in der Bereitstellung. Mehr als 10.000 Euro darf die Einrichtung nicht kosten.
Das Haus in Lasnamäe, in dem Kohal seinen Showroom eingerichtet hat, ist fünf Stockwerke hoch, rund 100 Menschen leben dort. Hinter einer schweren Metalltür im Erdgeschoss führt eine kurze Treppe runter in den Modellschutzraum. „Viele Gebäude aus der Sowjetzeit haben einen Keller wie diesen“, sagt Kohal, Ende 40, kurz geschorenes braunes Haar. Die dunkelblaue Uniform aus Arbeitsschuhen, Handwerkerhose und engem Blouson mit den Abzeichen der Stadt Tallinn lässt ihn strenger wirken, als er wohl sein will. Die meisten, die hierher kommen, hätten eine Million Fragen, sagt er. Sie wüssten nicht, wie sie mit einfachen Mitteln einen Schutzraum bauen sollen.
Foto: Tanja Tricarico
Kohals Schutzraum ist eigentlich ein kleiner Komplex. Die Räume entlang des schmalen Flurs sind funktional aufgeteilt: Aufenthaltsraum, ein Ort für Kinder, Küche, Lagerraum, Sanitäranlagen. Es ist kalt an diesem Junimorgen. Sicherheit riecht bleich, verstaubt.
In einem Schutzraum in Estland soll jede Person rund 0,75 Quadratmeter zur Verfügung bekommen. Kohal zeichnet mit seinem Zeigefinger den Platz nach. Man wird sich hinsetzen, sich einmal um sich selbst drehen können. Viel ist es nicht, aber eine Größe, mit der die Eigentümer arbeiten sollen. Kohal weiß, dass das nicht reicht, etwa für Menschen, die im Rollstuhl sitzen oder liegen müssen. „In Estland ist eines der größten Probleme, dass bei Wohnanlagen alles Geld kostet“, sagt er, fast schon ein wenig verzweifelt. Es muss also billig sein – und Platz kostet Geld.
Strom, Wasser, Spielzeug, Kurbelradio
Erst seit April schreibt die estnische Regierung per Gesetz vor, dass jedes Gebäude einen Schutzraum haben muss. Allerdings gilt dies nur für Neubauten und nicht für Bestandsgebäude. „Wir haben etwa 10.000 private Wohnungseigentümergemeinschaften in Tallinn. Wir können ihnen nicht vorschreiben, wie sie vorgehen sollen.“ Der Showroom, die Beratung, die Infoveranstaltungen sollen die Eigentümer überzeugen.
Immer wieder führt Sergo Kohal die Ukraine als Beispiel an. „Nehmen wir an, es gibt einen Bombenangriff“, sagt er. Die Menschen liefen nach unten. Der wichtigste Ort im Schutzraum würde für sie dann der Aufenthaltsraum. Manchmal dauert der Alarm dort wenige Stunden, manchmal den ganzen Tag. Darauf müssen sich die Menschen einstellen. Und vor allem auf die Kinder achten. „Das ist wirklich wichtig. Sie sollen vergessen, was draußen passiert“, sagt er mehrfach. Bilder, Puppen, Spielzeug, Malsachen – das alles müsse da sein.
Foto: Tanja Tricarico
Für jedes Gebäude mit Schutzraum muss es eine zuständige Person geben, die verantwortlich ist, dass der Raum funktioniert und benutzt werden kann. Inklusive Sandsäcken, die dann vor die wenigen Fenster müssen. 72 Stunden Vorbereitungszeit sind vorgesehen, vom Alarm bis zum ersten Einschlag.
Die Basics sind Strom, Wasser, Essen für rund 100 Menschen, die auf engstem Raum, vermutlich in Panik ausharren sollen. Kohal geht in die Küche, vielleicht 10 Quadratmeter groß. Platz zum Kochen auf einem Campingkocher und vor allem für einen Wassertank gibt es dort. 1.000 Liter kann jeder fassen. 3 Liter sind pro Person für 24 Stunden vorgesehen. In einem weiteren Nebenraum können Vorräte, Konserven, Nudeln, Reis, Öl, Mehl gelagert werden. Wieder in einem anderen Werkzeuge, Schaufeln, Geräte, um etwa einen Weg freizuräumen, wenn der Alarm vorbei ist.
Strom laufe im Ernstfall über Generatoren, Licht werden soll es im Notfall mit einer Kerze oder LED-Lampen, Batterien brauche es, eine einfache Komposttoilette mit Vorhang für ein bisschen Privatsphäre beim Geschäft. Ein Kurbelradio für Nachrichten, wenn Internet und Mobilfunk nicht mehr funktionierten.
Eine Drohne flog schon über Estland
Und dann kommt Kohal zu den eigentlichen Knackpunkten des Schutzraums. Die fünf- oder neunstöckigen Gebäude, die zu Sowjetzeiten gebaut wurden, sind in der Regel nicht bombensicher. Schutzräume brauchen also Stützbalken und Träger, damit sie bei einem Angriff nicht einstürzten. Kohal erzählt, welches Material passt, von Größen, der Dichte und Beschaffenheit. Genauso wichtig sind Belüftungssysteme, die im Notfall auch ohne Strom laufen. Die Variante in Lasnamäe ist eine schwedische Idee und funktioniert im Handbetrieb mit einer Kurbel. Man kann natürlich auch Löcher in die Wände bohren, um für den Luftaustausch zu sorgen, sagt er. Er kann das alles im Schlaf aufsagen und weiß, dass es genau bei diesen Punkten viel Überzeugungsarbeit braucht. „Es ist eigentlich alles ganz einfach.“
Aber wie kann das sein, dass die Menschen in Estland, unmittelbar an der russischen Grenze und seit Jahren in einer Bedrohungslage, sich noch überzeugen lassen müssen, wenn es um Schutz bei Bombenalarm geht? „Estland hat sich in Bezug auf den Zivilschutz und die Unterbringung von Menschen überhaupt nicht vorbereitet“, sagt Sergo Kohal trocken. „Jetzt, da der Krieg in der Ukraine begonnen hat, tun wir etwas.“ Es seien nicht Millionen und Abermillionen Euro, die es brauche, sagt er dann schon fast aufgebracht: Man solle einfach etwas machen, um die Decke zu stabilisieren. „Triff hier ein paar Vorkehrungen, bau eine Beleuchtung ein, steck hier ein paar Batterien rein.“ Und er selbst?
„Ich bin ein Landjunge“, sagt Kohal. „Ich bin an einem Ort aufgewachsen, wo wir alles mit den Händen gemacht haben.“ Kohal hat privat vorgesorgt, nicht mit einem Keller, aber in einem stabilen Haus außerhalb Tallinns mit Vorräten und Generatoren. Auf die Regierung allein verlässt er sich nicht. „Vorbereitet zu sein, liegt auch in der Verantwortung jedes Einzelnen.“
Drohnenkurse für Zivilist:innen
Vorbereitet fühlt sich Taavi Kotka, auf jeden Fall. Kotka ist so etwas wie ein estnischer Mäzen, einer der mit IT-Lösungen viel Geld gemacht hat. Einer, der von sich sagt: „Mit 35 habe ich mich zur Ruhe gesetzt.“ Jetzt mit 47 organisiert er Drohnenkurse für Zivilist:innen in Viimsi, in einem schicken Vorort von Tallinn. Diese zivile Armee soll, wenn es darauf ankommt, den russischen Aggressor bekämpfen.
Was treibt Kotka um? Will er verdienen an der aktuellen Lage? Ist er quasi eine Art Kriegsgewinnler durch den Zivilschutz? Er wiegelt ab. Seit November 2025 gibt es die Drohnentrainingskurse, koordiniert mit Hilfe der Organisation „Angry Eagle“. „Angry“ – wütend – deshalb, weil Kotka in einer Welt des Friedens solche Probleme nicht angehen würde. „Es macht uns wütend, dass wir unser Leben einfach nicht wieder normal leben können. Wir müssen uns auf einen Krieg vorbereiten.“
Kotka sagt dies nur wenige Wochen, nachdem eine Drohne in Estlands Luftraum eingedrungen ist und von einem Nato-Kampfjet abgeschossen wurde. Er sagt dies im Frühjahr, als es in der Grenzregion Lettlands zu Russland Luftalarm gibt und im litauischen Vilnius die Menschen in Schutzräume fliehen sollen, da eine Drohne gesichtet wurde. In Zeiten, in denen estnische Regierungsvertreter über die Erhöhung der Verteidigungsausgaben sprechen, über Rüstungsparks in Estland und Drohnendeals mit der Ukraine.
Taavi Kotka, Unternehmer, bietet Drohnentrainings an
Rund 2.000 Menschen haben bisher an den Trainings teilgenommen, das Mindestalter ist 13 Jahre, der älteste Teilnehmer ist über 70 und hat schon mehrfach mitgemacht. Geübt wird unter anderem im Garten in Viimsi, an Taavi Kotkas Arbeitsstätte. An diesem Junitag stürmt und regnet es. Ein Blick aus dem Fenster aufs Meer hinaus offenbart, wie rau das Klima hier werden kann. Kotka, der Mann, der einer der Wegbereiter Estlands auf dem Weg zum „Silicon Valley Europas“ ist und der in seinen Büroräumen in Viimsi darauf achtet, dass jeder Besucher sofort seine Schuhe auszieht, dieser Mann spricht gern in Bildern. So sieht er die Drohnenpilot:innen wie einen Bienenschwarm, der gemeinsam gegen den Bären kämpft, der an den Honig will.
Und dann kommt doch der Unternehmer in Kotka durch, der sich mit Angebot und Nachfrage auskennt. „Drohnen sind technisch gesehen extrem einfache Geräte“, sagt er. Problematisch sei das Fliegen einer Drohne. „Um ein geübter Pilot zu werden, braucht man zwei volle Monate. So viel Zeit hat niemand.“ Deswegen die Kurse am Wochenende und in Häppchen. „Wir wollen, dass die Leute mehr Fähigkeiten erwerben, aber wir wollen auch, dass sie die Welt der Drohnen besser verstehen.“
Keine Angst vor russischen Spionen
Zum Verstehen gehört auch eine einfache Rechnung: Drohnen sind relativ preiswert im Einkauf – Kotka spricht von rund 500 Euro pro Stück – und sie sind effektiv bei einem Angriff. „Aber man besetzt kein Land mit Drohnen. Wenn man ein Land besetzen will, braucht man Truppen vor Ort“, sagt er, öffnet Estland auf Googlemaps und projiziert die digitale Landkarte auf eine Leinwand. Wenn die Russen die Grenze überquerten, dann würden die Esten da sein. Mit den Drohnen die Aggressoren abwehren, auch wenn sie in der Unterzahl seien. Einen Truppeneinmarsch hält Kotka aber ohnehin für unwahrscheinlich.
Was ist mit dem Narva-Szenario, das einen Einmarsch russischer Streitkräfte nach Estland skizziert und somit einen Krieg mit der Nato auslösen könnte? Für den Unternehmer macht dieses Planspiel keinen Sinn und besonders ein Punkt darin: Warum sollte die russische Minderheit im Norden Estlands, unmittelbar an der Grenze zu Russland, sich gegen die Esten stellen? Weniger Rente, weniger Lohn, schlechtere Infrastruktur und keine Freiheiten mehr – das wäre die Folge, wenn sich die Menschen dem russischen Regime unterwerfen würden.
Mehr Sorgen als das Narva-Szenario macht Taavi Kotka Lettland, das ebenfalls eine Grenze zu Russland hat. Er möchte dem baltischen Nachbarn Hilfe anbieten. Wenn Lettland seine Trainingsinhalte nutzen wolle, dann würde er sie kostenlos weitergeben. „Das ist kein Geschäft. Niemand verdient Geld mit diesem Projekt, außer die Kursleiter.“ Was er, der Mann mit den Turnschuhen und der blauen Leinenhose sagt, klingt einerseits großzügig, und irgendwie doch überheblich.
Halbe Sachen habe er noch nie gemacht, sagt Kotka. Weder als er die Digitalisierung in Estland vorangebracht habe, noch als er ein Programm für Mädchen in den Natur- und Ingenieurswissenschaften gegründet habe – und so sei es auch bei seiner Drohneninitiative. Hunderte, vielleicht mehr Drohnen lagert Kotka in Viimsi. Wie viele es genau sind und welche Drohnentypen er auf Lager hat, will er nicht sagen. Aber gern ein Exemplar zeigen.
Die Drohne, die Kotka aus dem Regal holt, wirkt wie ein Spielzeug. Die vier Beinchen, der kleine Körper. Man könnte sie umarmen, wenn man wollte. Schwer ist sie, ein paar Kilo sind es schon, die die Militärdrohne nach Nato-Standard wiegt. Das Gerät kann problemlos einen Sprengsatz oder Munition transportieren. Das ist also das Objekt, mit dem die Zivilist:innen üben. Auf die Frage, ob den Teilnehmer:innen klar sei, dass sie mit den Drohnen auch Menschen töten können, reagiert Kotka achselzuckend. Was sonst?
Lob vonseiten der Regierung
Wenn es zum Ernstfall kommt, dann übernimmt die estnische Regierung. Mit der Rekrutierung von Soldaten hat Kotka nichts zu tun. Die Übergänge sind aber fließend. Estlands Verteidigungsministerium hat die Initiative Angry Eagle ausdrücklich gelobt, und es gibt sogar eine gemeinsame Vereinbarung. Alle Teilnehmer:innen müssen sich mit ihren Daten registrieren und werden auch von den Sicherheitsbehörden überprüft. Wer das nicht tut, fliegt raus.
Vor russischen Spionen hat Kotka keine Angst. Die hätten sich ihm zufolge schon in Kurse eingeschleust. „Sollen sie doch wissen, dass die Esten bereit sind, wenn es darauf ankommt“ – und dass sie über die selben Drohnen verfügten, die die ukrainischen Streitkräfte gegen die russische Armee einsetzen.
Der Widerstand der Esten, stark sein, die eigene Identität bewahren – im Kapitänsdorf Käsmu denkt Triin Saks darüber viel nach. Vor rund 20 Jahren kam die studierte Kunsthistorikerin an die Nordküste Estlands, damals wollte sie vergilbte Fotos restaurieren. Sie blieb. „Ich habe gesehen, hier gibt es für mich viel zu tun“, sagt sie. Seitdem kümmert sie sich um das Meeresmuseum, um die Besucher:innen, die es hierher verschlägt, um das Dorf. Regelmäßig lädt Saks zu sich ein. Dann wird in einem Hinterzimmer des Museums gelesen, diskutiert, sich unterhalten. Es geht ihr auch darum, Gemeinschaft aufrechtzuerhalten, gerade in Zeiten, in denen der Krieg näher rückt und doch noch nicht da ist.
„Manchmal fühle ich mich wie in einem Kloster“, sagt sie und lacht. Nicht verzweifelt, sondern bestätigend. Saks verlässt Käsmu und das Museum eigentlich so gut wie gar nicht. Höchstens zweimal im Jahr fährt sie in die Hauptstadt Tallinn, fünf-, sechsmal im Jahr verschlägt es sie nach Rakvere, dem nächstgrößeren Ort, rund 20 Kilometer entfernt. Alles, was sie braucht, hat sie in Käsmu. Direkt gegenüber vom Museum ist ein kleiner Laden, wo die wichtigsten Lebensmittel verkauft werden. Natürlich wird sie bleiben, sagt sie und setzt an, von der Gesangskultur der Esten zu erzählen und davon, welche Rolle Kunst und Kultur für das Baltenvolk spielen. Und davon, wie viele tausend Menschen jedes Jahr zu ihr ins Meeresmuseum kommen.
Ein Touristenpaar unterbricht Saks’ Redefluss. Die beiden sprechen Englisch mit diesem typischen skandinavisch-näselnden Akzent und wollen bei Saks Fisch essen. Heute nicht, sagt sie. Die Saison hat noch nicht begonnen. Doch Saks lädt die beiden trotzdem ein, in ihre Küche zu kommen.
Tanja Tricarico ist Redakteurin im Auslandsressort der taz. Im Mai und Juni war sie im Rahmen des IJP-Austauschprogramms in Estland.
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