: Auf der schönen Oberfläche
Bali, Berlin, St. Moritz: Caroline Wahl reiht in ihrem neuen Roman „1999 Meter über dem Meer“ die Klischees aneinander. Ist sie auf einem antiwoken Kreuzzug?
Foto: Markus Kirchgessner/laif
Von Julia Hubernagel
Mit Caroline Wahl verhält es sich ein bisschen so wie mit Taylor Swift. Eine überaus erfolgreiche Frau erfährt viel Kritik, wegen ihrer Arbeit, wegen ihres Reichtums, was wiederum dazu führt, dass das Ausmaß der Kritik kritisiert wird. In der Folge schlägt die Debatte ins Gegenteil um, mitunter wird Pop zu Kunst, Geschäftssinn zu Genius erklärt. Einen normalen Umgang mit Caroline Wahl zu finden, scheint schwierig. Ein normaler Umgang bestünde darin zu sagen: Ihr vierter Roman ist bestürzend schlecht, und bestürzend ist insbesondere, dass dieser Umstand offenbar geheim bleiben soll, wirft man einen Blick in die bereits vor Erscheinung veröffentlichten, zumeist wohlwollenden Kritiken.
In „1999 Meter über dem Meer“ reist die Protagonistin Samara zunächst nach Bali. Dort gefällt es ihr nicht – alle trinken Matcha Latte, essen Avocado-Toast und machen Yoga –, in ihrer Berliner WG ebenso wenig, denn da riecht’s nach Reformhaus und es wird fleischfrei gegessen. So weit, so Klischee. Der Roman gleicht mitunter einem Stream of Consciousness, dabei bleibt zweifelhaft, in wessen Consciousness sich die Gedanken angeblich auf derart nichtige Weise zu Sätzen formen: „Ich habe mir als Kind auch gewünscht, krank zu sein, und war neidisch auf Mitschüler, die bei einer Erkältung zu Hause bleiben durften, aber ich habe kein kaputtes Elternhaus. Ich durfte nur zu Hause bleiben, wenn ich richtig krank war, und das war dann meistens gar nicht so cool, weil ich eben richtig krank war und es mir dementsprechend richtig schlecht ging.“
Schnell ist klar, hier geht es auch um maximale Relatability. Jeder hasst Sprachnachrichten und jeder hasst das „inflationär gebrauchte Adjektiv“ toxisch. Nicht jeder hasst Wasser ohne Kohlensäure, Sudokus, Absatz-Sandalen und Siebträgermaschinen, aber zum Distinktionsmerkmal taugt all das kaum. Weiß Samara wirklich so wenig über sich selbst? Unglaubwürdig bleibt so auch die große Angst, die sie spürt, die „dunklen Wolken“, die sie seit Teenagerjahren begleiten.
Was Samara auch hasst, sind „die ganzen Widersprüche in mir“. Dabei stellt die Beschäftigung mit der Widersprüchlichkeit an sich doch stets eine Ausflucht dar, sich nicht mit dem zugrunde liegenden Problem zu befassen. Ist ein Ich je identisch mit der Erzählung von ihm, seinem Profil, gegen das Widerspruch eingelegt werden kann? In Zeiten von Spektakel und Social Media, von Selbstdarstellung und Profilierung vielleicht schon.
Die Oberfläche wird spätestens dann zum Programm, wenn Wahls Protagonistin eine Art Heldinnen- und Schelminnenreise unternimmt, ihren Job in Berlin verlässt und gen Süden und schließlich in die Schweiz nach St. Moritz fährt. Nun gibt es wenig Langweiligeres, als dem Gebaren extrem reicher Leute zuzuschauen. Das Einzige, was an reichen Leuten interessant ist, steckt unter der Oberfläche: Woher kommt das Geld? Auf welche Art verdirbt es den Menschen? Einen Keil in ebendiese glitzernde Oberfläche zu schlagen, einen Blick zu ermöglichen in darunter liegende Abgründe, das ist durchaus zu schaffen, wie man etwa bei Bret Easton Ellis nachlesen oder sogar bei „Gossip Girl“ nachschauen kann. Bei Wahl auch an dieser Stelle: Klischee auf Klischee. Alle fliegen Privatjet und machen „Trading, Immobilien, bisserl Kunsthandel, dies, das“.
Caroline Wahl: „1999 Meter über dem Meer“. Rowohlt Verlag, Hamburg 2026. 368 Seiten, 24 Euro
Interessanterweise fühlt sich die aus einer Mittelschichtsfamilie stammende Samara gerade hier, in der autonomen Region perversen Reichtums, noch am wohlsten. Samaras neue Bekannte, denen sie sich, auch aus ihr selbst unklar bleibenden Gründen, nur mit falschem Namen und falscher Lebensgeschichte vorstellt, sind in ihrer Feierwütigkeit und Selbstbezogenheit zwar ein bisschen lächerlich, aber im Grunde: ganz nett. Kein Wort dazu, worauf (und auf wessen Rücken) der ganze Reichtum fußt, für Wahl ist St. Moritz, dieser Hotspot der Superreichen, wie sie es in ihrer Danksagung formuliert, einfach ein „lustiges, vielseitiges Alpendörflein“.
Spätestens an der Stelle muss man nun vielleicht doch den von Wahl selbst ins Spiel gebrachten Begriff der Solidarität bemühen. Im Spiegel-Interview erzählt sie, wie sie negative Kritiken insbesondere von Frauen beschäftigen: „Wir müssen doch zusammenhalten“, habe sie gedacht. Nur: Wo die durchschnittliche Leserin und die Millionärin und Mercedes-Markenbotschafterin Wahl zusammenkommen, bleibt fraglich.
„Reichtum ist keine Schande“, befand die FAZ 2019 in einem aberwitzigen Kommentar auf die aberwitzige Debatte um Verena Bahlsen. Die Kekserbin hatte sich stolz als „Kapitalist“ bezeichnet und auf ihr Recht auf Segelyachten gepocht. Wahl formulierte im letzten Jahr ebenfalls offensiv ihre Vorliebe für teure Sportwagen. Es folgte eine absurde Debatte über das Recht aufs Ferrarifahren, Wahl spielt darauf etwas trotzig schon in ihrer Widmung an. „Für meinen Bruder Uli“, steht da. „Auf viele weitere Autos, die wir gemeinsam aussuchen werden.“
Überhaupt scheint „1999 Meter über dem Meer“ voll des Trotzes, mitunter fragt man sich gar, ob Wahl sich auf einer Art antiwokem Kreuzzug befindet. Und das nicht nur wegen des permanenten Autofahrens. Im Gespräch mit der Zeit sagt sie, sie wisse bereits vorab, was auf Kritik stoßen werde: „dass Samara einen Migrationshintergrund hat und ich als Autorin nicht“. Spaß habe es ihr auch gemacht, immer wieder zu schreiben, wie schön das männliche Love Interest sei, das würde nämlich manche Leserinnen wütend machen.
Nun ist nicht ganz klar, wen schöne Männer verärgern, die mittlerweile beinahe zur Marke gewordenen „eisblauen Augen“, die regelmäßig aufblitzen, taugen wohl kaum zum Aufreger. Fragwürdiger ist da eher die leitmotivische „Müllermilch“ und die wiederholt aufgebrachte Frage, ob man sie aufgrund der AfD-Nähe des Markengründers nicht doch canceln solle. Oder der Vergleich mit der in Auschwitz ermordeten Schriftstellerin Irène Némirovsky: „Ich hoffe, dass die 39 Jahre von Irène erfüllt und schön waren, und bin mir fast sicher, dass es so war. Irène hatte schließlich eine Familie und das Schreiben. Ich habe noch nicht mal Datenvolumen.“ Ist das noch ein Flirt oder schrillt hier schon die dog whistle?
Ob „1999 Meter über dem Meer“ nun positive oder negative Kritiken erhält, eins ist klar: Verkaufen wird sich der Roman ohnehin. Wahl ist wie ihre St. Moritzer eine gute Traderin: Erfolg, Publicity, Kontroversen und Kapital werden reinvestiert, in die eigene Marke, in die eigenen Bücher. Und dass es derer immer mehr werden, hat Wahl schon angekündigt: Den Turnus von einem Buch pro Jahr will sie aufrechterhalten.
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