piwik no script img

Unfallforschung der VersichererAggressionen im Straßenverkehr nehmen erneut zu

Das Klima im Straßenverkehr wird rauer, immer mehr Menschen verhalten sich aggressiv. Helfen können nicht nur schärfere Kontrollen.

Nur kurz mal dicht auffahren, wenn der Mensch im vorausfahrenden Auto scheinbar trödelt. Oder schnell noch den Zebrastreifen überfahren, um keine Zeit zu verlieren: Immer mehr Menschen in Deutschland legen im Straßenverkehr aggressives Verhalten an den Tag und lassen sich dann mitunter zu gefährlichen Regelbrüchen verleiten. Das ist das Ergebnis einer Studie zum Verkehrsklima und zur Verkehrssicherheit, die die Unfallforschung der Versicherer (UDV) am Montag in Berlin vorgestellt hat.

„Fast alle 23 ermittelten Werte für aggressives Verhalten haben sich seit der letzten Studie 2023 nochmal weiter verschlechtert, einige sogar deutlich“, sagte Kirstin Zeidler, die Leiterin der UDV. Schon seit zehn Jahren nähmen Aggressionen im Straßenverkehr der Forschung zufolge praktisch stetig zu. In diesem Jahr haben deutschlandweit gut 2.000 Personen online an der Studie teilgenommen.

So gaben diesmal zwar 58 Prozent der Befragten an, dass sie sich im Straßenverkehr sicher bis sehr sicher fühlen – und damit etwas mehr als noch 2023, da waren es noch 56 Prozent. Und doch gestand zum Beispiel gut die Hälfte der befragten Autofahrer:innen, dass sie viel schneller fahren als gewöhnlich, wenn sie sich ärgern. 47 Prozent gaben zu, zu drängeln, wenn das Auto vor ihnen vermeintlich bummelt – 2023 waren es noch 36 Prozent, 2016 nur 29.

Dabei klaffen Selbst- und Fremdwahrnehmung teils weit auseinander. Gut neun von zehn Befragten sagten zum Beispiel, dass sie besonders viel Rücksicht nähmen, wenn sie Fahrradfahrende überholen. Gleichzeitig gaben mehr als acht von zehn Befragten an, häufig zu beobachten, dass Fahrradfahrende zu dicht überholt werden.

Auch Radfahrende werden aggressiver

Auch unter den Radfahrenden stieg der Anteil derjenigen an, die sich mindestens ab und an aggressiv verhalten. 43 Prozent gestanden diesmal, sich manchmal die Vorfahrt zu erzwingen – 2023 waren es 28 Prozent. Außerdem haben auch Radfahrende ein deutlich besseres Bild von sich selbst als von anderen: Während zwei von fünf zugeben, gelegentlich Zebrastreifen zu überfahren oder sich dort durch Fuß­gän­ge­r:in­nen durchzuschlängeln, beobachten vier von fünf dieses Verhalten bei anderen.

Zeidler meint, dass der Alltag der Menschen immer hektischer werde und sich das auch im Straßenverkehr niederschlage. „Die Zündschnur wird kürzer.“ Hinzukomme, dass der Verkehr dichter und Verkehrssituationen komplexer werden. Immer mehr Ver­kehrs­teil­neh­me­r:in­nen mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten und Interessen begegnen sich auf kleinem Raum.

Und doch sei es „verantwortungslos, aus Wut oder um schneller ans Ziel zu kommen, die Gesundheit oder das Leben anderer aufs Spiel zu setzen“, mahnte Zeidler am Montag. Im Jahr 2025 waren wieder mehr Menschen im Straßenverkehr verletzt oder getötet worden als im Vorjahr.

Dabei hat sich die Bundesregierung eigentlich der Vision Zero verschrieben, also dem Ziel, auf null Verkehrstote zu kommen. Als Vorbild fürs Erreichen der Vision Zero wird häufig die finnische Hauptstadt Helsinki genannt: Dort haben die Behörden viel Geld in die Hand genommen, um die Verkehrsinfrastruktur sicherer zu machen, etwa Gehwege zu verbreitern oder die Führung der Autospuren so anzupassen, dass die Fah­re­r:in­nen gezwungen sind, ihr Tempo zu drosseln.

Man muss nicht alle durch eine Straße pressen

Kirstin Zeidler, Unfallforschung der Versicherer

„Das Design der Infrastruktur ist ein wesentlicher Punkt“, sagte auch Zeidler. Wo es möglich ist, müssten verschiedene Ver­kehrs­teil­neh­me­r:in­nen getrennt voneinander unterwegs sein können. „Man muss nicht alle durch eine Straße pressen.“ Außerdem wirbt die UDV für schärfere Kontrollen und Strafen und für Kampagnen für mehr Rücksicht im Verkehr.

Die meisten Befragten wiederum befürworten auch schärfere gesetzliche Vorgaben. Drei von vier sind zum Beispiel für eine Null-Promille-Grenze für Kfz-Fahrer:innen. Rund 60 Prozent der Befragten, mehr als je zuvor, plädieren für ein Tempolimit von 130 Stundenkilometern auf Autobahnen.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

4 Kommentare

 / 
  • David Lejdar

    Über Design bei der Verkehrsinfrastruktur, habe ich auch schon geredet, und bin da großer Fan von, dies zu verbessern. Dazu bin ich auch für Kameras an Kreuzungen, mit welchen man z.B. auch auswerten kann, wer bei Rot fährt, bzw. bei Versicherungsfragen helfen kann. Und allgemein insb. in Berlin, hin zu Verbot von Großwagen für irgendwelche persönliche Nutzung - wo man z.B. mit eTribike-Auto locker auch unterwegs sein kann, mit makroökonomisch Geld, das nicht für Sprit verplempert.

    Und dann gibt es noch die, die vom Rennfahrsport etwas zu begeistert zu sein scheinen, ohne aber Verständnis dafür zu haben, dass ein Rennwagen da mit doch schon etwas anderen Bauteilen einhergeht, als dies bei Straßenwagen der Fall ist (wie z.B. im Bezug in Kurve Bodenhaftung zu haben). Und mit so einem Tribike sparen sich Geld, womit sich dann eher leisten können an Rennstall zu beteiligen, wo man auch mal Stadtautobahn für eine Veranstaltung sperren kann.

  • Martin Rees

    Auch ein Merkmal der Aggressionen: Lautes Fahren mit den "Motor aufheulen lassen" oder "mit quietschenden Reifen die Kurven nehmen" zu nachtschlafender Zeit.

  • Il_Leopardo

    Zum Stichtag 1. April 2026 waren 49.546.014 Pkw in Deutschland registriert, was einen neuen Höchststand darstellt und den kontinuierlichen Anstieg der vergangenen Jahre fortsetzt.



    Dazu gekommen sind jetzt noch die E-Roller, die aber eher eine Belästigung der Fußgänger sind und die Lastenräder, die mir ein Dorn im Auge sind, da sie doppelt so viel Platz beanspruchen, wie ein normales Fahrrad. Ich frage mich manchmal, für wen die Bürgersteige eigentlich da sind - für Fußgänger oder Lastenräder und e-Roller. Irgendwie ist das auch eine Form der Aggression.



    Was den Autoverkehr angeht, kann ich nicht viel sagen, da ich kein Auto besitze. Ich lese jedoch jeden Morgen über viel zu viele junge Männer, die wegen überhöhter Geschwindigkeit Ärger mit der Polizei hatten oder wegen Alkohol und anderen Drogen oder keinen Führerschein haben oder alles drei zusammen!



    In meiner Straße, in der man nur mit 30 km/h fahren darf, rasen gerade am Abend viele Fahrer mit 50 oder sogar 70 Sachen den Berg herunter. Das Rechts-vor-links-Gebot wird völlig missachtet.

  • Mopsfidel

    Wenn ich mir den Verkehr in Bangkok im Vergleich dazu betrachte, dann ist dieser dort um den geschätzten Faktor 5 höher, es gibt keine abgetrennten Spuren, auch selten Überquermöglichkeiten für Fußgänger. Und dennoch geht es ziemlich friedlich zu auf den Straßen.



    Die Gründe liegen hierzulande also wohl mehr in der Gesellschaft verankert. Es wird mehr auf das eigene Recht gepocht, das eigene Auto wird als 'Heiligtum' angesehen, das zweite, gesprochene Wort ist sofort ein Kraftausdruck, ..