Trasse für die Energiewende: Gebaut wird überall gleichzeitig
Die Nord-Süd-Verbindungen sind das Kernstück des Stromnetzausbaus in Deutschland und nicht einfach mal schnell verlegt. Ein Besuch auf den Baustellen.
Foto: Philipp Schulze/dpa
In Sichtweite der Baustelle steht das Atomkraftwerk Brokdorf, die Reaktorkuppel ist unverkennbar. Es ist die alte Welt, wenn man so will. An der neuen Welt wird an diesem Frühsommertag noch gearbeitet.
Auf einer Fläche von gut sieben Hektar hat der Übertragungsnetzbetreiber Tennet inmitten der Felder der Gemeinde Wewelsfleth eine Baustelle errichtet für eines der größten Sonderbauwerke der Stromtrasse SuedLink. Diese soll ab Ende 2028 Windstrom aus dem Norden nach Süddeutschland bringen, oder auch gelegentlich Solarstrom in die Gegenrichtung.
Über Stahltreppen geht es in die Baugrube hinunter bis 21 Meter unterhalb der Ackerkrume der Wilstermarsch. Durch ein Tunnelportal fahren Baumaschinen in den Untergrund ein, wo sich die 190 Meter lange Tunnelvortriebsmaschine „Elsa“ seit Februar 2025 rund um die Uhr durch Lehm, Sand, Kies und Torf frisst. Hinter ihrem Bohrschild kleidet sie das Loch mit insgesamt 24.000 Tübbingen aus, vorgefertigten Betonsegmenten.
So ist inzwischen ein 5,2 Kilometer langer Tunnel unter der Elbe entstanden, 4 Meter im Durchmesser. Ende Juni erreichte die Bohrmaschine ihr Ziel in Wischhafen auf der anderen Elbseite in Niedersachsen, am Montag feierten Politiker der beiden beteiligten Bundesländer den symbolischen Tunneldurchschlag.
Unter der Elbe hindurch
Das Bauwerk wurde auf den Namen ElbX getauft. Sechs Stromkabel, jedes 15 Zentimeter dick, werden darin den Fluss unterqueren als Teil von Deutschlands größter Stromtrasse. Sie soll künftig zweimal 2.000 Megawatt von der Nordsee nach Süddeutschland bringen. „Der Bau von SuedLink ist entscheidend für den Erfolg der Energiewende“, sagt Tim Meyerjürgens, Geschäftsführer von Tennet. Dafür sind 10 Milliarden Euro veranschlagt.
Von Wischhafen werden die Kabel komplett unterirdisch in den Süden der Republik geführt. Dafür muss eine Schneise von 40 Metern geschlagen werden; später bleibt davon ein 16 bis 20 Meter breiter Streifen, auf dem kein Bau entstehen und kein Baum wachsen darf. Landwirtschaft immerhin wird hier nach Fertigstellung wieder möglich sein, denn die Kabel liegen mindestens anderthalb Meter unter der Oberfläche.
Ursprünglich hatte die Politik Freileitungen vorgesehen, doch die Gemeinden wehrten sich gegen die „Monstertrassen“. 2015 verbannte der Gesetzgeber SuedLink komplett unter die Erde. So erkaufte man sich die Akzeptanz teuer – Freileitungen hätten nur ein Drittel gekostet, bei technischen Defekten wären sie schneller zu reparieren gewesen.
AKW-Standorte mit neuer Funktion
Doch die Entscheidung ist Geschichte. In Wewelsfleth hat Tennet ein Besucherzentrum aufgebaut. Hier werden Gruppen empfangen, die von einer Aussichtsplattform über die Baustelle blicken können. Rund um die Uhr wird dort gearbeitet. Nahe dem Zentrum steht ein Betonring, ein 1:1-Modell des Tunnels mit montierten Kabelstücken. Daneben Schilder, die in verschiedene Richtungen weisen. Auf einem steht: „680 Kilometer Netzverknüpfungspunkt Großgartach“.
Großgartach liegt in Baden-Württemberg bei Heilbronn. Dort wird eine der beiden SuedLink-Trassen den Anschluss an das Höchstspannungsnetz finden. Nicht weit entfernt ist der einstige Atomstandort Neckarwestheim. Die andere SuedLink-Trasse zweigt in Unterfranken ab und endet am Verknüpfungspunkt Bergrheinfeld bei Schweinfurt. In der Nähe liegt hier wiederum der AKW-Standort Grafenrheinfeld. So gibt die bestehende Netzstruktur die Anschlusspunkte vor.
Vor Ort empfängt die EnBW-Tochter TransnetBW, die das Projekt SuedLink zusammen mit Tennet baut. Vom Dach eines Betriebsgebäudes kann man auf die beiden bereits fertiggestellten Konverterhallen blicken. Die braucht man, wenn man auf HGÜ setzt – auf die Hochspannungsgleichstromübertragung. Damit gebe es nur halb so viel Verluste wie im klassischen Drehstromnetz, erklärt Sebastian Gehring, Betriebsingenieur von TransnetBW. Über die rund 700 Kilometer von SuedLink liege der Gesamtverlust im niedrigen einstelligen Prozentbereich. Der Unterschied: Die HGÜ-Kabel sind quasi Stromautobahnen ohne eine Abfahrt unterwegs, bei Wechselstromleitungen kann man mittels eines Umspannwerks auch unterwegs problemlos Strom abzapfen.
SuedLink ist keine Einbahnstraße
SuedLink wird Windstrom in den Süden bringen – heißt es immer. Das dürfte auch die häufigere Variante sein, aber natürlich ist SuedLink keine Einbahnstraße. „Im Sekundenbereich“ lasse sich die Richtung des Lastflusses auf der Trasse aus technischer Sicht wechseln, sagt Ingenieur Gehring. In der Praxis wird man allerdings abrupte Veränderungen im System meiden und eher binnen Minuten schalten, weil ein harter Eingriff alle anderen Stromflüsse im Netz beeinflussen kann.
In Großgartach fällt neben der Umspannanlage der Förderturm eines Salzbergwerks auf. Auch die vorhandenen Stollen tangierten die Trasse von SuedLink: 16 Kilometer der Kabel mussten in 200 Metern Tiefe durch das Bergwerk geführt werden. Es ist – neben der Elbe – das zweite große Sonderbauwerk im Trassenverlauf.
Dagegen hatte TransnetBW in Oedheim am Kocher nur ein kleineres Projekt zu bewältigen: Weil man in einen Weinberg ansonsten hätte eine lange Schneise schlagen müssen – keine gute Idee in wertvollen Lagen –, unterquerte man den Rebhang per Horizontalbohrung von gut 900 Metern Länge. So ist das eben: Wer eine Trasse einmal durch ganz Deutschland führen will, hat viele Einzelprobleme zu lösen.
Projekt Ultranet
Einfacher hat es TransnetBW in dieser Hinsicht beim Projekt Ultranet – das ist eine zweite HGÜ-Verbindung, die künftig aus dem Norden in Baden-Württemberg ankommen wird. Sie verläuft als Freileitung, die Leiterseile können komplett auf bestehenden Hochspannungsmasten geführt werden.
Bereits Ende 2026 soll hier der erste Strom fließen und wieder soll es vor allem Windstrom sein. Von Emden an der Nordsee werden über den sogenannten Korridor A HGÜ-Erdkabel nach Meerbusch-Osterrath in Nordrhein-Westfalen geführt. Dort beginnt dann Ultranet und endet nach 340 Kilometern im nordbadischen Philippsburg – natürlich ebenfalls an einem früheren AKW-Standort. Zwei Leitersysteme mit einer Kapazität von zusammen 2.000 Megawatt werden dort ankommen, das ist etwa die Leistung, die einst die beiden Atomreaktoren hatten. Zufall ist das nicht, die bestehende Infrastruktur gibt die Dimensionierung vor.
Die Konverterhallen in Philippsburg wurden auf der Fläche der einstigen Kühltürme gebaut, die frühzeitig weichen mussten. So konnten die elektrischen Anlagen schon 2024 in den sogenannten Statcom-Betrieb gehen. Das heißt: Die Konverter stellen dem Netz bereits vor Inbetriebnahme der HGÜ-Verbindung Systemdienstleistungen bereit. Zum Beispiel muss Blindstrom kompensiert werden, das ist ein physikalisches Phänomen in Wechselstromnetzen.
Geschichtsträchtiges Unterfangen
Ortstermin in Mannheim-Neckarau. Dort hat die LTB Leitungsbau ihren Sitz. Zu ihren Vorgängerunternehmen zählte auch der Elektrotechnikkonzern Brown, Boveri & Cie, später ABB. „Unsere Vorgängerunternehmen haben nahezu ein Drittel der deutschen Stromleitungen gebaut“, sagt LTB-Manager Sven Behrend, während er zu einem Hochspannungsmast am Mannheimer Rangierbahnhof führt. 98 Masten hat die 42 Kilometer lange Ultranet-Strecke in Baden-Württemberg insgesamt. Ein Hubsteiger erlaubt eine Fahrt zur Spitze des Mastes.
In 67 Meter Höhe eröffnet sich der Blick über den Rangierbahnhof, der auch wieder eine Herausforderung barg – er liegt unterhalb der Leitungstrasse. Das Bauen von Infrastruktur in dicht besiedelten Regionen ist komplex: „Wir mussten bis zu 27 Meter hohe Schutzgerüste innerhalb der Gleisanlagen errichten, um den Bahnverkehr auch während der Arbeiten zu gewährleisten“, sagt Klaus Kaufmann, Projektleiter Leitungsbau Netzprojekte bei TransnetBW.
Von hier oben zeigt sich auch ein historischer Energiestandort in seiner ganzen Ausdehnung. In Mannheim-Rheinau führt seit 1926 die Nord-Süd-Leitung vorbei, die erste 220-kV-Leitung Europas. Sie verbindet das Rheinische Kohlerevier mit der Wasserkraft Vorarlbergs. Ein Projekt, das damals mindestens so revolutionär war wie heute SuedLink mit seiner HGÜ-Technik. Nicht weit entfernt befindet sich das Großkraftwerk Mannheim. Es ging 1921 in Betrieb und ist bis heute das größte Kohlekraftwerk Baden-Württembergs.
Abermals liegen hier also die beiden Welten eng beieinander – die alte Welt, diesmal in Form der Kohle, und die neue Welt des erneuerbaren Stroms. Derweil werden auf dem Hochspannungsmast gerade die 32 Millimeter dicken Leiterseile aus stahlverstärktem Aluminium montiert – auf dass möglichst viel Windstrom von der Küste künftig den Südwesten erreichen möge.
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