Film „The Lights, They Fall“: Sie fliehen vor Gefühlen
Regisseur Saša Vajda zeigt im Spielfilm „The Lights, They Fall“ zwei Menschen in einem Übergangsraum. Er inspiriert zu einer neuen Art des Zuschauens.
Darauf angesprochen, dass seine Mutter im Sterben liegt, antwortet Ilay (Mohammed Yassin Ben Majdouba) mit einem brüsken: „Das stimmt nicht!“ Der 16-Jährige lebt in seiner eigenen Welt. Oder ist es andersherum? Die Welt existiert, aber ihn gibt es darin gar nicht?
Gleichzeitig sieht man Ilay in lauter höchst realistischen, dabei völlig alltäglichen Situationen: Er leistet Sozialstunden, in denen er Nadelbäume in die sandige, märkische Erde pflanzt; er jobbt in einem Logistikzentrum, er versucht ein paar Wertgegenstände wie Handys und eine Armbanduhr zu Geld zu machen, und er hängt zwischendurch mit Kumpels ab. Und doch sagt er von sich, er fühle sich wie ein „Geist“.
Um was es dem Münchner Regisseur Saša Vajda in seinem ersten abendfüllenden Spielfilm geht, ist nicht leicht in Worte zu fassen. Auch die Figuren reden nicht viel. Außer Ilay lernt man überhaupt nur noch eine weitere Person näher kennen, das ist die Palliativpflegerin Ana (Flor Prieto Catemaxca), die Ilays krebskranke Mutter Maria versorgt.
„The Lights, They Fall“. Regie: Saša Vajda. Mit Mohammed Yassin Ben Majdouba, Flor Prieto Catemaxca u.a. Deutschland 2026, 87 Min.
Ana hat ihre eigenen Probleme. In einer Selbsthilfegruppe erzählt sie von einer Schmerzmittelsucht, die sie zwar aufgegeben, aber noch nicht ganz verarbeitet hat. Ihre Arbeit mit todkranken Menschen hat sie schon so manche Dinge erleben lassen, die man als übernatürlich oder esoterisch bezeichnen könnte. Dass ein Arzt einen Tod bescheinigt, der Tote danach aber noch mal die Augen aufmacht und sogar spricht, erscheint ihr jedenfalls nicht weit hergeholt.
Ein Alltag, der selten Höhepunkte bietet
Eine Handlung im eigentlichen Sinne gibt es in „The Lights, They Fall“ nicht. Der Film zeigt Ilay und Ana in verschiedenen Konstellation und Stimmungen und einem Alltag, der selten Höhepunkte bietet. Ana wäscht die bereits apathische Mutter. Ilay sucht wegen seiner Schlaflosigkeit eine psychologische Praxis auf.
Ein Gewitter überrascht Ilay und seine Kumpels auf offenem Feld und lässt sie im Halbdunkel unterm Regen kauern vor dramatischer Kulisse. Sie verrichten diverse Besorgungen. Nie hören sie Musik, gehen essen oder ins Kino oder Ähnliches. Und doch bekommt man über die Zeit des Films ein immer besseres Gespür für die beiden und das, was sie ausmacht. Sowohl Ilay als auch Ana leben in einer Art „liminal space“, einem Übergangsraum.
Bei Ana ist das durch ihren Beruf bedingt, den sie mit Geschick, Liebe und großer Sicherheit verrichtet – Laiendarstellerin Catemaxca ist auch im wahren Leben Palliativpflegerin –, und der sie immer wieder an den Rand von Leben und Tod führt. Im Fall von Ilay ist es einerseits das Erwachsenwerden, das mit dem nahen Tod der Mutter beschleunigt wird, und andererseits seine prekäre Existenz in den Randbezirken von Berlin, wo er zwar Freunde hat und sich auskennt, sich aber doch nicht zu Hause fühlt.
Beim Goldhändler, bei dem er seine Armbanduhr schätzen lässt, hängen an der Wand zwei jener Weltuhren, die die Zeit in Tokio und in Dubai anzeigen. Über dem Schild „Berlin“ aber fehlt die Uhr. Und genauso scheint sich Ilay zu fühlen.
Nachdem Vajda mit seinem mittellangen Film „Jesus Egon Christus“ 2021 in die Berlinale-Sektion „Perspektive deutsches Kino“ eingeladen war, feierte „The Lights, They Fall“ 2026 seine Premiere in der Sektion Generation, wo er überraschend viel Zuspruch fand.
Empfohlener externer Inhalt
Trailer „The Lights, They Fall“
Man würde eigentlich denken, dass gerade ein junges Publikum bei einem „Slow Cinema“-Film wie diesem schnell die Geduld verliert. Schließlich lässt der Film seine Zuschauer*innen über die meisten Dinge im Unklaren. Aus welchem Land Ilay und seine Mutter ursprünglich kommen, wird genauso wenig angesprochen wie die Frage, warum der 16-Jährige Bäume pflanzen geht oder an welchem Krebs die Mutter leidet.
Die meisten Dinge bleiben im Unklaren
Der Mangel an Erklärungen inspiriert zu einer anderen Art des Zuschauens: Man ist aufgefordert, sich hineinzudenken in die Welt dieser Figuren, mit ihnen mitzufühlen. Mit Ana, die ihren schwierigen Beruf mit so viel Souveränität meistert, aber auch sehr einsam wirkt. Besonders aber mit Ilay, der nach außen wenig über sich verrät, aber in dessen Innerem es gewissermaßen brodeln muss. Statt irgendwelcher Plotverwicklungen spürt man den Themen, die für Ana und Ilay in der Luft liegen, nach: Trauer und Verlust, Alltagsstress, Realitätsflucht und Flucht vor Gefühlen.
Vajda arbeitet hier ausschließlich mit Laiendarstellern, was seinem Film zwischendurch den Anstrich des Dokumentarischen verleiht, auch wenn die Szenen „gescriptet“ sind. Die Gespräche, die Ilay mit seinen Freunden führt, zeichnet ein authentischer Duktus aus, der selten ist im deutschen Kino. An einer Stelle unterhalten sie sich über den Ausdruck „Keiner Fliege etwas zuleide tun können“. Trotz ihres raubeinigen Auftretens identifizieren sie sich damit.
Am Ende stirbt Ilays Mutter; die meisten Fragen bleiben unbeantwortet. Eines aber begreift man als Zuschauer*in trotzdem ziemlich genau: wie Ana und Ilay sich fühlen.
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
meistkommentiert