Pionier der Täterarbeit: „Täterarbeit ist kein Stuhlkreis, sondern knallharte Arbeit“
Der depressive Familienvater oder der unauffällige Nachbar. Gewalttätige Männer sind nicht alle gleich. Roland Hertel erklärt, wie Täterarbeit funktionieren kann.
taz: Herr Hertel, Sie haben den Großteil Ihres beruflichen Lebens dem Aufbau und der Weiterentwicklung der Täterarbeit gewidmet, also der Arbeit mit Männern, die häusliche Gewalt ausüben. Welcher Art von Tätern sind Sie begegnet?
Roland Hertel: Es gibt eine Typologie der Psychologin und Neurowissenschaftlerin Amy Holtzworth-Munroe, die wir aus der Praxis weitgehend bestätigen können. Beim „Family-only-Typ“ würde das Umfeld nie denken, dass er Gewalt ausübt. In meinem Dorf habe ich selbst keine Fälle bearbeitet, Kolleg*innen aber schon. Wenn die Leute in der Nachbarschaft gewusst hätten, wer alles seine Frau schlägt, die hätten ganz schön gestaunt. Der zweite ist der sogenannte „Borderline-Dysphoric-Typ“. Der leidet oft an Depressionen oder Persönlichkeitsstörungen, ist unzufrieden, hat vielleicht Probleme am Arbeitsplatz. Diese beiden üben Gewalt aus emotional belastenden Zuständen heraus aus. Der dritte Typ ist der generell Gewalttätige, der allen Konflikten mit Gewalt begegnet, aus dem Bedürfnis nach Macht und Kontrolle. Typ vier ist ein Mischtyp aus Typ zwei und drei.
taz: Welcher Typ ist für Frauen der gefährlichste?
Hertel: Der generell gewalttätige Typ verübt deutlich schwerere Gewalt. Bei ihm liegt die Trennungsrate der Partnerinnen bei null. Warum? Weil die Frauen in ständiger Angst sind: Wenn ich mich trenne, legt er mich um. Dennoch zeigt sich: Männer töten eher, wenn sie emotional belastet sind, deshalb fallen bei Femiziden Typ eins und zwei häufiger auf.
geboren 1959 in Speyer (Pfalz), ist gelernter Sozialarbeiter. Er war Teil der Bund-Länder-Arbeitsgruppe Häusliche Gewalt und zehn Jahre Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft Täterarbeit Häusliche Gewalt. Heute ist der ehemalige Beamte in Pension, tourt aber weiter durch Deutschland und Europa, um Polizist:innen im Risikomanagement bei häuslicher Gewalt zu schulen und Psycholog:innen in der Täterarbeit weiterzubilden. Aktuell baut er im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung in Kasachstan und Kirgistan Strukturen für die Arbeit mit Gewalttätern auf.
taz: Die Täterarbeit ist in Deutschland ein noch recht junges Feld in der sozialen Arbeit. Sie haben sie mit aufgebaut. Was brachte für Sie den Stein ins Rollen?
Hertel: Als Sozialarbeiter war ich 30 Jahre bei der Staatsanwaltschaft des Landgerichts Landau beschäftigt. 1996 hatte ich einen Auftrag, eine sozial-gutachterliche Stellungnahme über einen Intimizid (Anm. d. Red.: Tötung des Intimpartners) einer Frau zu machen, die in Notwehr ihren Mann erstochen hatte. Es stellte sich heraus, dass die Polizei im Vorfeld 20 Mal da war. Auf die Idee unseres leitenden Staatsanwalts hin starteten wir ein Pilotprojekt, in dem wir untersuchten, warum die Frauen den Strafantrag zurückziehen oder Strafverfolgung gar nicht erst in Betracht ziehen und welche Krisen es gibt. Wir suchten gezielt Betroffene auf, um die Konfliktsituationen kennenzulernen und somit als Justiz schneller intervenieren zu können. Wir merkten aber bald: Diese erste Intervention reicht nicht. Wir müssen auch an die Aggressoren ran.
taz: So gründeten Sie zusammen mit mehr als 30 Netzwerkpartnern vor 26 Jahren das Interventionszentrum Südpfalz, in dem bis heute Täterberatung unter dem gleichen Dach stattfindet wie Betroffenenberatung. Was änderte sich dadurch?
Hertel: Die Eingänge für Betroffene und Täter sind im Interventionszentrum streng getrennt. Worauf es ankommt, ist vernetzte Arbeit. Wenn man sich die Anamnese von häuslicher Gewalt anschaut, dann müssen wir verstehen, dass wir im gewaltbelasteten Familiensystem arbeiten. Für alle Protagonisten brauchen wir Hilfsangebote, auch für die Kinder, und alle Stellen, die mit ihnen arbeiten, müssen im beständigen Austausch stehen.
taz: Warum ist das so wichtig?
Hertel: Wenn wir beispielsweise mit einem Mann einen Notfallplan erarbeiten, wann er eine Konfliktsituation verlassen muss, bevor es eskaliert, die Frau davon aber nichts weiß und den Konflikt ausdiskutieren möchte, ist das kontraproduktiv. Deshalb muss dieser Notfallplan zwingend mit der Frau abgesprochen sein.
taz: Sie entwickelten den ersten vom Bundesfamilienministerium unterstützten Standard mit, nach dem heute mehr als 80 Mitgliedseinrichtungen deutschlandweit arbeiten. Damit legten Sie auch eine einheitliche Ausrichtung fest, die sich von bereits bestehender Arbeit mit gewaltausübenden Männern unterschied. Was war Ihnen wichtig?
Hertel: Wir waren von Anfang an profeministisch und der Auffassung, dass Gewalt in Beziehungen geschlechtsspezifisch ist. Dass man auch mit zugewiesenen Männern arbeiten muss, die übers Jugendamt, über Strafgerichte oder die Staatsanwaltschaft kommen – nicht nur mit Selbstmeldern. Andere Männernetzwerke warfen uns das vor, sagten, zu einer Beratung könne man niemanden zwingen und Frauen würden ja genau so Gewalt ausüben. Was den Zwang angeht: Jeder, der von der Staatsanwaltschaft oder vom Gericht geschickt wird, muss der Maßnahme zustimmen. Wer keine Bereitschaft zeigt, mitzumachen und sich zu verändern, mit dem wird die Zusammenarbeit beendet oder erst gar nicht zugewiesen. Uns war von Anfang an wichtig: Täterarbeit ist kein Stuhlkreis, in den Männer kommen und sich ein bisschen über gewalttätige Beziehungen unterhalten. Das ist knallharte Arbeit.
taz: Feste Bestandteile des Sozialprogramms sind auch Tatrekonstruktionen und Rollenspiele, in denen Täter ihre Tat nachspielen.
Hertel: Ja, wir setzen die Männer auch mal auf die Knie, um sie in die Kindperspektive zu versetzen. Viele Männer nehmen überhaupt nicht wahr, dass die Kinder oft dazwischen gehen oder Angst vor ihnen haben. Mit diesen Übungen wollen wir nicht nur Empathie fördern, sondern auch herausfinden, was die Logik einer Gewalthandlung ist. Sie ist ja ein Symptom. Es ist nicht der Großteil der Täter, der heimkommt und sagt, jetzt schlage ich mal meine Frau. Das sind meistens Männer, die in einer emotionalen Ausnahmesituation keine Lösungsmuster haben. Ich bin mit so einem Vater aufgewachsen. Wenn der betrunken war, war es für unsere Mutter teilweise eine regelrechte Hölle. Heute weiß ich, dass dies ein ewiger Kreislauf war, den unsere Mutter irgendwann beendet hat. Großer Vorteil war, dass sie nicht wirtschaftlich abhängig war. Vielleicht bin ich deshalb ein bisschen militanter und klarer als andere. Die Mechanismen des Verdrängens und die Täter-Opfer-Umkehr bei Männern habe ich durch meinen Vater und beruflich immer wieder erlebt.
taz: Kommen Männer aus einem gekränkten Angriffsmodus heraus, wenn sie immer als Täter angesprochen werden?
Hertel: Wir sprechen sie nicht als Täter an, wir sprechen von Klienten. Das muss ich ganz deutlich sagen. Der Begriff Täter ist ein juristischer Begriff: Täter ist man dann, wenn man rechtskräftig verurteilt ist. Der Großteil der Männer kommt über das Jugendamt, auf Druck der Frau – als vermeintlicher Täter, aber nicht bei uns. Die Täterarbeit ist ein Hilfsangebot, keine Sanktion.
taz: Warum?
Hertel: Wenn wir wertschätzend arbeiten, öffnen sich die meisten Männer. In der Eingangsrunde eines jeden Kurses sagen sie auch ganz deutlich, was sie bewegt. Das ist doch die Kunst: Die Krisen zu erkennen und zu zeigen, wir haben ein Lösungsmuster. Gewalt ist das nicht wert.
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