Kurdistan im Irankrieg: Rätselhafte Eskalation in Irakisch-Kurdistan
Am Montag haben Kampfdrohnen das Büro des Präsidenten der kurdischen Autonomieregion im Irak getroffen. Verdächtigt ist Iran, doch Teheran dementiert.
Foto: Adryel Talamantes/imago
Am Montag wurden das Büro des Ministerpräsidenten der Regionalregierung Kurdistans Masrur Barzani und das Haus des Chefs des Nachrichtendienstes Kurdistans von zwei Drohnen beschossen. Es gibt keine Berichte über Tote oder Verletzte. Doch der jüngste Angriff auf den Wohnsitz des kurdischen Regierungschefs ist, wie Barzani selbst in einer Erklärung bekanntgibt, eine „gefährliche Eskalation“.
Seit Monaten steht die Autonome Region Kurdistan im Norden Iraks unter Beschuss. Iran, der sich mit Kurdistan eine etwa 750 Kilometer lange Grenze teilt, und irantreue Milizen im Irak feuerten seit Beginn des USA-Iran-Krieges mehr als 1.000 Drohnen und Raketen auf Kurdistan, wobei die meisten Geschosse rund um die Hauptstadt Erbil niedergingen.
Grund für den anhaltenden iranischen Drohnenhagel sind US-Militärbasen in der Region und die Präsenz militanter iranisch-kurdischer Regimegegner, denen die Region Kurdistan im Irak Unterschlupf gewährt. Außerdem wird Israel nachgesagt, die Region für Geheimdienstoperationen gegen Iran zu nutzen.
Barzani machte auch für die jüngste Aggression den Iran verantwortlich, da die Drohnen von der iranischen Seite der Grenze stammten. Daraufhin verurteilten zahlreiche Länder, einschließlich Nachbarstaaten wie Saudi-Arabien, die Türkei und die Vereinigten Arabischen Emirate den Angriff. Iraks Außenminister Fuad Hussein sprach von einem „gefährlichen Präzedenzfall, der die Spannungen weiter verschärfen und die regionale Stabilität gefährden könnte“.
Test einer neuen Drohnengeneration?
Doch in diesem Fall kam aus Teheran ein deutliches Dementi. Erst erklärte der iranische Außenminister Abbas Araghtschi, keine Informationen über einen Drohnenangriff Irans zu haben. In einer weiteren Mitteilung auf X sprach er von einer „rücksichtslosen Attacke“ und mahnte die „kurdischen Freunde“ zu mehr Wachsamkeit gegenüber „Operationen unter falscher Flagge, die darauf abzielen, Zwietracht zwischen Nachbarn zu säen“.
Die Schuldabweisungen aus Teheran bleiben für viele Kurden im Irak unglaubhaft. Nicht nur, weil Iran sie, bevor er sie plötzlich „kurdische Freunde“ nannte, monatelang mit Drohnen beschoss und dadurch Dutzende Todesopfer forderte.
Auch die kurdische Generaldirektion für Terrorismusbekämpfung gab am Montag Details bekannt, die deutlich auf einen iranischen Hintergrund hinweisen. Es handle sich bei dem Angriff um zwei mit Sprengstoff bestückte „Hadid 110“-Drohnen, die zu den modernsten im iranischen Arsenal gehören. Mit einer Geschwindigkeit von über 500 Kilometern pro Stunde ist dieses neue Modell fast dreimal so schnell wie eine klassische Shahed-Drohne, die bisher das Kernstück des iranischen Arsenals bildete. Die Bauweise der „Hadid 110“-Drohnen macht es für Flugabwehrsysteme außerdem schwerer, sie rechtzeitig zu entdecken und abzuschießen.
Das irakisch-kurdische Medium Rudaw.net spricht angesichts dessen von einem „Test“ der neuen Drohnen unter realen Kriegsbedingungen. Die Ziele gehören zu den am stärksten beschützten Orten in der Autonomen Region Kurdistan. Beim Angriff handle es sich daher weniger um einen Mordversuch an dem kurdischen Regierungschef als vielmehr um eine iranische Machtdemonstration.
Auch der Zeitpunkt sei kein Zufall. Ende Juli zogen die USA ohne Ankündigung ihre Patriot-Flugabwehrraketen aus der Region ab, die bisher einen großen Teil der iranischen Drohnen und Raketen abgefangen hatten. Gemäß einem im Jahr 2024 mit Bagdad geschlossenen Abkommen sollen die US-Truppen bis zum 30. September aus dem Irak abgezogen werden. Die Autonome Region Kurdistan ist damit den Angriffen schutzlos ausgeliefert. Eine eigene kurdische Flugabwehr scheiterte bisher an der Zentralregierung in Bagdad, die einen solchen Schritt genehmigen müsste.
Gestern meldeten auch die Vereinigten Arabischen Emirate die ersten iranischen Raketenangriffe seit Monaten, was Teheran ebenfalls dementierte. Die Emirate stoppten daraufhin jeden Handel mit Iran.
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