piwik no script img

Renaturierung der HavelDie ersten Wildgänse sind schon da

Das ganze Land ächzt unter Hitze, Dürre und Niedrigwasser. Ist das Renaturieren von Flüssen die große Lösung? Ein Besuch an der Havel.

Aus Havelberg

Maike Rademaker

Naturschutzgebiete haben einen Nachteil. Als Mensch kommt man ihnen oft nicht so richtig nah. Wann gibt es schon mal eine Straße quer durch ein solches Gebiet? An der Unteren Havel, kurz vor der 6.000 Einwohner großen Stadt Havelberg in Sachsen-Anhalt, ist das anders. Wer dort auf der Landstraße auf das beschauliche Städtchen zufährt, bekommt direkt neben der Straße ein seltenes Panorama zu sehen: weite Wasserflächen, durchbrochen von kleinen Inseln mit Bäumen.

Jetzt sind schon die ersten Wildgänse da, auf dem Wasser dümpeln Enten und Schwäne, Flussseeschwalben und Seeadler kreuzen durch den Himmel. Fast ist der Fluss in dem vielen Wasser nicht zu erkennen, aber es ist einer – die Havel. Hier befindet das größte Renaturierungsprojekt eines Flusses in Europa.

Seit dem Spatenstich im Jahr 2010 arbeitet der Naturschutzbund Nabu mit Partnern wie der Wasserstraßenverwaltung daran, aus der Unteren Havel wieder das zu machen, was sie mal war, bevor sie in ein enges Korsett als Wasserstraße gezwängt wurde: ein weit mäanderndes Gewässer mit Kurven, Schlingen, Inseln und Altarmen. Hunderte von Maßnahmen wurden dafür durchgeführt – Ufer entsiegelt, Deiche zurückgebaut, Auwälder angelegt.

Die ehemalige Wasserstraße schützt das Umland dadurch heute über rund 100 Kilometer, bevor sie in die Elbe mündet, nicht nur vor Hochwasser, sie ist auch ein Naturparadies und Tourismusgebiet. Über 60 Millionen Euro sind bisher dafür geflossen. Hunderte Tier- und Pflanzenarten sind über die vergangenen Jahre zurückgekehrt. Der Güterverkehr nach Hamburg wurde auf Autobahn und Züge verlagert.

Ist das die Lösung für die trockenfallenden Flüsse in Deutschland – Renaturierung? Die Havel sei dadurch „sicher besser durch die Trockenheit gekommen“, ist Konstantin Kreiser, der Leiter des Fachbereichs Naturschutz beim Nabu, überzeugt. Das gehe teilweise auch bei anderen Flüssen.

Jeder Fluss braucht etwas anderes

„Das Prinzip der Renaturierung ist übertragbar, aber nicht jede Maßnahme. Wo kein Altarm ist, kann auch keiner angeschlossen werden, und für eine Wiederbelebung der Auen braucht es Flächen, die als Auen noch vorhanden oder wieder entwickelbar sind. Welche Instrumente man anwenden kann, ist deshalb bei jedem Fluss anders“, sagt Kreiser. An der Unteren Havel waren die Bedingungen ideal: wenig Siedlungen, Altarme, alte Auen, viel Hochwasser.

Renaturiert wird aber nicht nur hier. Beim Bundesamt für Naturschutz ist eine lange, 12-seitige Liste einsehbar, wo überall Deiche zurückgesetzt und Auen renaturiert werden. Donau, Rhein, Elbe und Oder gehören dazu, aber auch kleinere Flüsse wie Mulde, Peene und Hase. Und die Liste ist nicht einmal vollständig.

„Es gibt sehr viele Projekte an kleineren Gewässern, weit mehr, als das Bundesamt aufführt. Da hat die Wasserrahmenrichtlinie geholfen, die wir seit 25 Jahren haben. Das geht zwar alles viel zu schleppend, aber es ist dennoch sehr viel passiert, vor allem lokal“, sagt Daniel Hering, Biologe und Professor an der Universität Duisburg Essen. Hering koordiniert das europäische Forschungsprojekt Merlin zur großflächigen Renaturierung von Flüssen, Seen, Mooren und Feuchtgebieten.

Wie Renaturierung funktioniert, könnte sich auch Bundeskanzler Friedrich Merz bei sich zu Hause in Arnsberg am Beispiel der Ruhr anschauen. Dort muss man nur mal spazieren gehen, sagt Hering: „Da wurde das Flussbett geweitet, sodass sich große Kiesbänke bilden konnten und Strömungsvielfalt geschaffen wurde – mitten in der Stadt.“

Bundesregierung unter Druck

Schließlich steht die Regierung bei der Renaturierung auch unter Druck: Bis 2030 sollen europaweit 25.000 Flusskilometer wieder in frei fließenden Zustand versetzt werden. So fordert es die 2024 beschlossene Wiederherstellungsverordnung (WVO) der EU. Es ist kein besonders ambitioniertes Programm, denn je nach Zählweise, was ein Fluss ist und was ein Bach, gibt es in Europa 600.000 bis 1,6 Millionen Flusskilometer.

Immerhin ist es ein Programm, das Umweltschützer als wichtigen Schritt begrüßen – während vor allem Land- und Forstwirtschaft die WVO seit Monaten torpedieren und versuchen, sie über die unionsgeführten Bundesländer und Agrarminister zu Fall zu bringen.

Auch am Rhein, vor allem am Oberrhein, wird renaturiert. „Diese Projekte sollen aber oft eher vor Hochwasser schützen, wie der geplante Retentionsraum in Köln-Worringen, wo bei hohem Abfluss Wasser hereinfließen wird“, sagt Hering. Er warnt zudem vor falschen Hoffnungen: „Man sollte bei einem so großen Fluss nicht der Illusion verfallen, dass man mit Renaturierungsmaßnahmen in der Flussaue dem Niedrigwasser während einer Dürre vorbeugen kann. Das ist am Rhein kaum möglich, schon durch das Platzproblem, mit Siedlungen und unterirdischen Versorgungsleitungen wie für Strom. Die sind der Tod jeder Renaturierung.“

Für Hering liegt die Aufgabe der Zukunft auch nur zum Teil an den Flüssen. „Es gibt in Deutschland das wasserwirtschaftliche Grundprinzip: Alles Wasser muss schnell aus der Landschaft raus. Überall liegen Drainagen. Das fällt uns jetzt auf die Füße.“ Aber da bestehe auch ein Riesenpotenzial. „Denn es geht nicht nur darum, gewässernah Wasser zu halten, wir brauchen eine Wiedervernässung in der Fläche.“ Auch da gebe es Fortschritt mit dem Moorprogramm. „Aber es gibt auch viel Widerstand, vor allem aus landwirtschaftlichen Verbänden.“

An der Unteren Havel sind sie mit der Renaturierung noch lange nicht fertig. Bis 2033 läuft das Projekt derzeit noch, es sollen weitere Altarme angeschlossen und Auwiesen gepflanzt werden. Wer nicht mit dem Rad fährt, kann auch eine Schiffstour beim Nabu buchen, um die Vielfalt zu sehen. Theoretisch zumindest – denn sie ist stets ausgebucht.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare