Wahlen, Grenzkontrollen und Ben-Gvir: „Immerhin fordere ich keine Mauer – vorerst“
Dobrindt will seine Grenzkontrollen verlängern. Und Ben-Gvir sieht in Palästinensern „nicht einmal Menschen“. Wenigstens war Merz im Urlaub.
Foto: Itamar Ben Gvir via Telegram/Reuters
t az: Herr Küppersbusch, was war schlecht vergangene Woche?
Friedrich Küppersbusch: Merz ist wieder da.
taz: Und was wird besser in dieser?
Küppersbusch: Merz ist wieder da.
taz: Kanzler Merz ist im Urlaub und hat diesen direkt verlängert. Gönnen Sie ihm die Auszeit?
Küppersbusch: Reichskanzler Bismarcks Rekord in missing on the job sind 8 Monate in 1889. Natürlich in, Obacht Fritz, seinem Landsitz „Friedrichsruh“. Merz verdaddelt am Tegernsee auch günstige Meldungen wie die neuen Exportrekorde der deutschen Wirtschaft, lässt drei MinisterInnen ohne Vereidigung vor dem Parlament schon mal losamtieren und gefährdet die letzten Jobs in der Comedy-Branche, weil man bei seiner work-life-vier-Tage-Rhetorik einfach direkt lachen kann. Die Geste „hier ist Krise, da muss ich auch Opfer bringen“ hat er verschenkt, für eine andere: „die Krise wird schon merken, wer hier länger kann.“ Der Chuck Norris im Sauerländer ist stark.
taz: In knapp zwei Wochen ist Wahl in Sachsen-Anhalt, die AfD wird sie gewinnen. Hoffen Sie noch auf ein Wunder?
Küppersbusch: Neben der Parteiverbotsdebatte klangen zuletzt auch andere rustikale Mittel auf: Entzug des passiven Wahlrechts bei erklärten Nazis, keine Parteienfinanzierung für erwiesen rechtsextreme Bestrebungen, weniger Länderfinanzausgleich für verfassungsfeindliche Regierungen. „Kein Urlaub wo der Nazi herrscht“ würde ich auch mitgehen und schlicht alles durchprobieren, wovon wie uns später nicht vorwerfen wollen, es nicht versucht zu haben. Immerhin fordere ich keine Mauer. Vorerst.
taz: Innenminister Dobrindt will die Grenzkontrollen bis 2027 verlängern. Ist die gesellschaftliche Empörung laut genug oder haben wir uns bereits zu sehr daran gewöhnt?
Küppersbusch: Dobrindt fantastert sich eine „ernsthafte Bedrohung der öffentlichen Ordnung oder inneren Sicherheit“ zusammen, um Ausnahme an Ausnahme zu fügen. Womit er stracks in der Paranoia-Welt der AfD gelandet ist, die ebenso schlüssig bekannt gibt, Dobrindts Grenzkontrollen – die sie gefordert hatte – seien nur „große Täuscherei“. Dass die AfD das nun neuerdings doof findet, spricht nicht für Dobrindt, sondern fördert die Erkenntnis: Die Ausländerfeinde tun sich nicht mehr viel, außer streiten, wer´s tun darf.
taz: Harry und Meghan ziehen zurück nach Großbritannien, berichten zumindest die Tabloids. Ist das der Beginn der großen Familien-Versöhnung?
Küppersbusch: Der Spiegel raunt, Megan habe eine Rolle in einer Netflix-Serie in Aussicht gehabt und komme deshalb zurück. Sie spielt die ganze Zeit in einer Serie mit, unter anderem, dass sie in einer Serie mitspielt. Ich bin überfordert.
taz: Israels rechtsradikaler Innenminister Ben-Gvir schockiert mit der Aussage, man solle gezielt 30 bis 40 Palästinenser*innen pro Nacht töten. Ist das überhaupt noch überraschend von dieser Regierung?
Küppersbusch: Gemessen an den umstrittenen Schätzungen der Opferzahlen ist das weniger, als Israel tatsächlich täglich tötet im gesamten Krieg. Noch bestürzender ist Be-Gvirs Satz von Palästinensern, „die es nicht verdient haben, zu leben, sie sind nicht einmal Menschen.“ Netanjahus Ex-Verteidigungsminister Gallant sprach ähnlich von „menschlichen Tieren“. Finanzminister Smotrich nannte es „moralisch und richtig, sie zu Tode hungern zu lassen.“ Damit verschatten Sie erstens, dass palästinensische Extremisten mindestens so von Israel und Juden sprechen, sind ihre nützlichen Idioten. Zweitens ist es kein Problem Ben-Gvir, sondern der ganzen Regierung. Und drittens, deutsche „Staatsräson“, vulgo: Deutschland kann nicht existieren, wenn Israel nicht existiert. Wer hier Augen und Ohren zudrückt, riskiert, dass Israel moralisch aufhört zu existieren.
taz: Schon 14.000 Hitzetote dieses Jahr und die Waldbrandgefahr wächst enorm. Sind Sie froh, wenn der Sommer vorbei ist?
Küppersbusch: taz! Was machen wir nun? Renommierte Studien wie „Lancet Countdown on Health an Climate Change“ und das „Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung“ weisen durch Übersterblichkeitsberechnungen rund ein Drittel der „Hitzetoten“ als „Klimawandelopfer“ aus. Bisschen bizarr, aber der Begriff „Hitzetote“ ist in dem Licht verharmlosend.
taz: Bayern-Fußballstar Jamal Musiala ist gleich zweimal bei Testspielen zusammengebrochen. Laut eigener Aussage gehe es ihm gut und er wolle weiter spielen, doch die Gerüchteküche brodelt. Muss Musiala jetzt seine gesamte Krankheitsgeschichte offen legen?
Küppersbusch: Man kann das jetzt tragisch finden wollen, dass ein Spitzensportler so eine, nun ja, gesundheitliche Besonderheit hat. Es ist klüger, andersherum draufzugucken: Menschen mit gesundheitlichen Besonderheiten können herausragende Kollegen sein. Eines der Erfolgsgeheimnisse des Homo sapiens, alle gelten zu lassen und dann zu staunen, wofür es gut ist.
taz: Und was macht der RWE?
Küppersbusch: Eine richtig doofe Auswärtsniederlage, ein klarer Heimsieg, und Sonntagabend ein Fest gegen St. Pauli.
Fragen: Selina Hellfritsch
Friedrich Küppersbusch ist Journalist, Produzent und gechilled.
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