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CDU nach der Wahl in Sachsen-Anhalt Er kann nicht anders

Anna Lehmann

Kommentar von

Anna Lehmann

Nach dem desaströsen CDU-Wahlergebnis will der Kanzler an seiner Kommunikation arbeiten. An seinen Grundüberzeugungen ändert sich aber nichts – und das ist ein Problem.

D er Kanzler im Nesselhemd, das erlebt man selten. Friedrich Merz unterließ am Tag nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt immerhin jeden Versuch, die Lage schönzureden – „Schwerste Wahlniederlage seit Jahrzehnten“ – und übte Selbstkritik: „Ich werde versuchen, das besser zu machen.“ Damit übernahm Merz zu Recht die Verantwortung für ein Wahlergebnis, das die CDU an den Abgrund und die Rechtsextremen wohl an die Macht bringt. Dass er daraus die richtigen Konsequenzen zieht, ist indes nicht zu erwarten.

Der Kanzler, der es zuverlässig schafft, den falschen Ton zu treffen, will an seiner Kommunikation arbeiten. Er wolle die Menschen in ihrer Emotionalität besser erreichen, ihre berechtigten Sorgen adressieren. Bei diesen Worten wird einem doch sofort warm ums Herz. Entscheidend ist aber, dass Merz betont, er stehe zu seinen Grundüberzeugungen.

Und die sind und bleiben nun mal neoliberal. Für ihn als Autor des Büchleins „Mehr Kapitalismus wagen“ ist der Sozialstaat viel zu fett. Und in der Bevölkerung herrsche seiner Vorstellung nach eine „unfinanzierbare Bequemlichkeit und Versorgungsmentalität“. Diesen fast 20 Jahre alten Gewissheiten folgt auch die Reformpolitik des heutigen Kanzlers: Für Unternehmen gibt's Steuersenkungen und weniger Bürokratie, für Ar­beit­neh­me­r:in­nen Kürzungen bei Gesundheit und Pflege sowie neue Vorschriften. Und zwar mit freundlicher Genehmigung der SPD.

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Die Reformen werden, das ist absehbar, zu neuer Ungleichheit in der Gesellschaft führen und die Rechtsradikalen werden aus diesem Nektar Hass saugen. Die Au­to­r:in­nen der Leipziger Autoritarismusstudie sehen soziale Ungleichheit als Stressfaktor für die Demokratie. Eine Regierung, die die Rechtsextremen schrumpfen will, sollte mehr für gleiche Lebensbedingungen tun. Für Kapitalismusfan Merz hingegen ist Ungleichheit notwendig und ein Grund, sich mehr anzustrengen.

Wetten, die Demokratie gewinnt? ​

Nach den Wahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern droht erstmals eine AfD-Regierung. Die taz berichtet, was auf dem Spiel steht – und wer jetzt die Demokratie verteidigt. Alle Texte zur Serie finden Sie hier.

Man kann ihm nicht vorwerfen, dass er so tickt, er hat es übrigens – anders als die AfD – nie hinter wohlfeilen Worten verborgen. Und die Wäh­le­r:in­nen haben die Union mit Merz als Spitzenkandidat nun mal bei der Bundestagswahl 2025 zur stärksten Partei gewählt. So wie sie die AfD am Sonntag in Sachsen-Anhalt zur mit Abstand stärksten Kraft machten.

Die ist beim Thema Wirtschaft der Merz-CDU übrigens auffallend nahe: Sie will Steuern für Topverdienende und für Unternehmen senken, Leistungen für Grund­si­che­rungs­emp­fän­ge­r:in­nen kürzen und die Erbschaft- und Vermögensteuer abschaffen. 44 Prozent der Wäh­le­r:in­nen haben dafür votiert. Auch um Merz einen Denkzettel zu verpassen. Kann man machen. Aber dann soll auch niemand heulen, er hätte doch was anderes erwartet.

Nach dem Erfolg der AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt bangen viele Menschen um die Zukunft, es droht die erste AfD-Regierung. Das wäre eine (weitere) Zäsur für Deutschland. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Anna Lehmann

Anna Lehmann Leiterin Parlamentsbüro

Schwerpunkte SPD und Kanzleramt sowie Innenpolitik und Bildung. Leitete bis Februar 2022 gemeinschaftlich das Inlandsressort der taz und kümmerte sich um die Linkspartei. "Zur Elite bitte hier entlang: Kaderschmieden und Eliteschulen von heute" erschien 2016.
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10 Kommentare

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  • Markus Dietrich

    In der Bibel heißt das übrigens alter Wein in neuen Schläuchen.



    Diese 'Selbstkritik' verdient den Namen nicht.

  • Willson

    Sie erklären mal eben üner 10.000000 wähler bundesweit für zu dumm das Wahlprogramm zu lesen. Ich Versuche ihnen mal die Gedankenwelt des gemeinen AFD wählers (mittel - bis untere Mittelschicht / Arbeiter oder Angestellter) näher zu bringen:



    Der wähker weiß das es Deutschland im Moment vor allem an Investitionen fehlt (und keine staatlichen, da der Staat kein Geld hat, er muss es vorher den bürgern und unternehmen weg nehmen). Der Staat muss es Investoren also so attraktiv wie möglich machen, ihr Geld in Deutschland zu investieren, damit am Ende auch ihr zB Handwerkbetrieb etwas davon hat (siehe Tesla in Grünheide).



    Wie macht man das also?



    1. Massiv Steuern für Unternehmen und die bürger senken, damit Kapital ins Land fließt



    2. Bürokratie massiv bekämpfen (Beispiel alle Betriebe brauchen bis zu einem Umsatz von 100.000€ überhaupt keine Steuererklärung machen und wenn anträge nicht innerhalb von ein paar Monaten beantwortet wurden, sind sie automatisch genehmigt)



    3. Energiepreise drastisch reduzieren (eigenes Gas fracken + AKW's ans Netz)

    Die Leute wollen keine Almosen vom Staat, sie wollen von ihrer hände Arbeit leben können und vom Staat in Ruhe gelassen werden. Liebe Grüße

    • Axel Donning

      @Willson:

      Ich erkläre 10 000 000 Wähler für dumm genug, entweder das Wahlprogramm der AfD nicht zu lesen ODER es zu lesen, und trotzdem diese Partei zu wählen.

  • Agarack

    "Eine Regierung, die die Rechtsextremen schrumpfen will, sollte mehr für gleiche Lebensbedingungen tun. Für Kapitalismusfan Merz hingegen ist Ungleichheit notwendig und ein Grund, sich mehr anzustrengen."



    Ich werde, glaube ich, nie verstehen, wieso es bei so vielen Linken im Kopf fest verankert zu sein scheint, dass es ausgerechnet die Unzufriedenheit mit der CDU-Sozialpolitik sein soll, die die Leute dazu bringt, massenhaft eine Partei zu wählen, die noch viel radikalere Kürzungen fordert. Die Arbeiter*innen wählen NICHT rechts, weil Sie sich ökonomischem Druck ausgesetzt fühlen. Das ergeben auch alle Nachwahlbefragungen.

    Wenn man die AfD bekämpfen will, muss man soziale Medien regulieren und die Partei verbieten. Den Kopf in den Sand stecken und zum hunderttausendsten Mal linkere Politik zu fordern, während die Wähler*innen immer rechtere Politik wählen, wird zu nichts führen.

  • Kohlrabi

    Natürlich sind CDU und AfD sich in vielem sehr nah, die AfD vertritt in manchem noch rabiater die Interessen der Vermögenden und der Eigentümer. Man sollte vor einem Zusammengehen der beiden aber keine Angst haben. Es gibt auch große Differenzen. Ihr friedenspolitisches Mäntelchen wird die AfD zwar gewiss an der Regierungsgarderobe abgeben. Ihre euroskeptische Position kann sie aber nicht so abgeben, denn das war bis 2015 ihr Kerngeschäft. Und schließlich lässt sich ihre allzu wüste Immigrantenfeindlichkeit dann doch nicht mit den Interessen des Großkapitals verbinden, das an einer Zuwanderung in den Arbeitsmarkt interessiert ist. Unlängst las ich an anderer Stelle ein Interview mit Frauke Petry, in dem sie der AfD eben dies vorwirft: Die Partei sei zu sehr auf das Thema Migration fixiert und immer noch zuwenig libertär und sozialstaatsnegierend. Interessante Sicht. Man kann sich fragen, wie die politische Konstellation wäre, wenn sich die Petry-Linie in der AfD durchgesetzt hätte. So aber kann die AfD in Sachen Migration als neues Kerngeschäft nicht zurück, und mit der CDU als Partei der Konzernzentralen wird es rumpeln und quietschen.

  • charly_paganini

    Das Friedrich Merz wahrscheinlich der schlechteste Kanzler ist den wir je hatten...geschenkt. Das sehen mittlerweile sogar langjährige CDU Wähler so.



    Vielleicht sollte sich aber auch mal die Linke, und da meine ich nicht nur die Partei, mal kritisch hinterfragen wie groß ihr eigener Anteile daran ist, dass die AfD so stark werden konnte. Dieser ist nämlich nicht klein. Das will man nur nicht sehen da man nur noch schwarz-weiß kennt und man selbst ohnehin Recht hat.



    Fast 90% der AfD Wähler haben angegeben, dass sie fürchten in diesem Land nicht mehr so leben zu können wir sie wollen.



    Der AfD ist es egal ob du 3x die Woche ne ganze Sau auf den Grill haust oder 2x nach Malle fliegst. Die AfD schaut dich nicht von oben herab an wenn du dumm dämliche Fernsehsendungen magst. Das muss man alles nicht gut finden, aber von links kommt immer nur der moralische Zeigefinger, Belehrungen etc. Irgendwann kommt dann der Mittelfinger zurück.



    Warum man dann eine Fascho Partei wählt? Ist doch ganz klar, die Wahl der ödp bringt keine Aufmerksamkeit. Da ist es vielen offenbar egal mit Nazis in einem Boot zu sitzen.

  • Tom Tailor

    "Eine Regierung, die die Rechtsextremen schrumpfen will, sollte mehr für gleiche Lebensbedingungen tun. "

    Damit wird kein AfD-Wähler eingefangen. Lebensbedingungs- und Ergebnisgleichheit ist gerade das was nicht gewünscht wird.

  • Machiavelli

    Besser kommunizieren, dem Wähler das Programm verständlich machen, mehr sozialausgaben. Die Wähler wollen weniger migration weniger kulturelle Veränderung, und mehr Geld in der Tasche haben. Aber von CDU bis Grüne kommen immer nur die selben Sprüche.

  • Willi Müller alias Jupp Schmitz

    Wenn ich mich recht erinnere, wollte Merz doch mal die Wahlergebnisse der Agd halbieren.



    Wenn er jetzt Verantwortung übernehmen möchte, könnte er ja mal überlegen, mit seiner Regierung einen AFD-VERBOTs-Antrag zu stellen.



    Glaubt kein Mensch

  • realnessuno

    Wenn ich "neoliberal" und "Mehr Kapitalismus" lese, dann wird mir übel. Was denken solche Leute eigentlich? Dass wir eine zweite Erde haben wenn diese hier dann bald mal kaputt ist? Zu warm, zuviel Plastik, zuviel Konsum, zuviel virtuelles "Geld" und das in den falschen Händen...



    Für mich sind solche Leute wirklich bekloppt! An ein Wachstum zu glauben wie seit 1950 ist einfach nur gaga. Egal welche scheinheiligen "Begründungen" man erfindet...



    Was wir dringend benötigen ist Bildung, mehr Gleichheit (!!) mehr glückliche Menschen!



    Was wir nicht brauchen sind "KI", Neoliberale, Rechtsradikale und mehr Konsum und Müll.

    (Wer denkt dass hier "KI" zu unvermittelt auftaucht, sollte sich die neuen Entwicklungen und Zusammenhänge dringend aneignen...)