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Nach dem Sturm auf die spanische ExklaveDie Vergessenen von Ceuta

Rund drei Wochen nachdem Tausende Migranten nach Ceuta kamen, ist die Lage für sie katastrophal. Auch die Einwohner fühlen sich im Stich gelassen.

Mirco Keilberth

Aus Casablanca

Mirco Keilberth

Mehr als drei Wochen nach dem Massenansturm dauert der Streit zwischen Marokko und Spanien um die in Ceuta verbliebenen minderjährigen Migranten und den Status der Exklave an. Zugleich wächst unter den Bewohnern von Ceuta der Unmut über die Regierung in Madrid.

Klar ist aber auch: Die Lage der bis zu 10.000 Migranten aus Marokko und Subsahara-Afrika wird immer dramatischer. Augenzeugen berichten von sexualisierter Gewalt, dem Ausbruch von übertragbaren Hautkrankheiten und Bewohnern, die zusammen mit spanischen Soldaten in der Nacht Jagd auf Migranten machen.

Inmitten dieser humanitären Krise hatte Marokkos Justizminister Abdellatif Quahbi erstmals vor 11 Tagen im TV-Sender Asharq die Übergabe von Ceuta und der zweiten spanischen Exklave Melilla angemahnt. Beide Territorien seien ein Überbleibsel aus der Kolonialzeit und marokkanisch, so Quahbi. Die spanische Regierung dagegen pocht auf den Verbleib der nordafrikanischen Exklaven unter spanischer Hoheit.

Podcast Fernverbindung: Ceuta-Krise

Der taz-Auslandspodcast Fernverbindung zur Ceuta-Krise. Von Marokko aus passierten 72.000 Menschen die Grenze zu der spanischen Exklave. Wurden sie manipuliert, um Spaniens Premier Sánchez unter Druck zu setzen?

Populisten instrumentalisieren den Fall Ceuta

Man wolle dies ausschließlich durch Verhandlungen mit Madrid erreichen, so Quahbi in dieser Woche. In marokkanischen Medien werden Ceuta und Melilla neuerdings fast immer mit dem Zusatz „besetzt“ versehen. In Regierungskreisen in Rabat und Madrid betont man, den Fall Ceuta weiterhin gemeinsam lösen zu wollen. In den sozialen Medien nutzen Populisten allerdings das Thema für sich. Die einen warnen vor Islamisten unter den Migranten. Andere behaupten, Marokkos Erzfeind Algerien würde Menschen an die Grenze zu Marokko bringen, um die spanisch-marokkanischen Spannungen zu erhöhen.

Auf marokkanischen Tiktok-Seiten tauchten Werbevideos für einen neuen Sturm von Ceuta auf. Wer dahintersteckt, ist unklar. Die marokkanische Polizei reagierte mit der Verhaftung von Jugendlichen, die am 30. Juli in Ceuta waren und Aufnahmen von ihren Erlebnissen online teilten. Aktivisten der Menschenrechtsorganisation AMDH in der nordmarokkanischen Stadt Tetouan zählten bisher 70 Festgenommene.

Auch in Casablanca und Rabat wurden Jugendliche verhaftet. Die Festnahmen gingen einher mit einer Welle von Ermittlungsverfahren gegen Rapper oder Künstler, die für ihre regierungskritische Haltung bekannt sind.

Frust treibt die Jugendlichen auf die Straße

Bereits im vergangenen Oktober ließen die Behörden rund 2.000 Personen festnehmen, um die sogenannten GenZ-212-Straßenproteste zu beenden. Damals gingen etliche auf die Straße, um ihren Frust über die hohe Jugendarbeitslosigkeit und die prekären Beschäftigungsbedingungen deutlich zu machen. Ende Juli war es dann Ceuta.

Dort waren letzte Woche einige Migranten in den Hungerstreik getreten. Der Grund: Am „Trampolin“-Strand hatten sich Krätze und Hepatitis ausgebreitet. Mehrere Frauen berichteten von Vergewaltigungen. Vor wenigen Tagen räumten die Behörden den Strand und brachten die Bewohner in Lagerhallen unter. Seitdem ziehen verzweifelte Menschen aus weiter südlich gelegenen Gebieten der 80.000-Einwohner-Stadt nach Norden, auf der Suche nach Baumaterial für Zelte zum Schutz gegen die mittlerweile kühlen Nächte.

Viele Bürger Ceutas fühlen sich in diesem Chaos alleingelassen. Eine Delegation von Innenminister Fernando Grande-Marlaska wurde letzte Woche mit Pfiffen und wütenden Beschimpfungen empfangen. Immer mehr Häuser Ceutas sind mit Stacheldraht gesichert, in einigen Stadtteilen patrouillieren kleine Gruppen von Bewohnern auf der Suche nach Migranten durch die Straßen.

Jugendliche sollen auf spanisches Festland gebracht werden

500 Minderjährige sollen nun auf das spanische Festland gebracht werden. Rechte Parteien sind empört, sie interpretieren dies als Motivation für einen zweiten Sturm auf die Stadt. Marokkos Justizminister forderte auch die Rückgabe der in Ceuta verbliebenen minderjährigen Marokkaner und kritisierte komplizierte EU-Prozeduren.

Juan Jesús Vivas, der den Titel „Bürgermeister und Präsident“ Ceutas trägt, schätzt die Zahl der Migranten auf 10.000, darunter 2.000 Minderjährige. Vivas bezieht sich bei seiner Schätzung auf die Ausgabe von Essenspaketen. Das Innenministerium in Madrid spricht hingegen von 5.000. 1.200 könnten laut dem Flüchtlingshilfswerk UNHCR Anspruch auf Asyl haben.

Wie es in der Krise nun weitergeht, ist unklar. Auch weil in Spanien und Marokko die meisten Behördenvertreter und Politiker noch in der Sommerpause sind. Zumindest in einem sind sich Migranten und Bewohner in Ceuta wohl einig: dass sie im Stich gelassen werden.

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