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Zum Gedenken an Gunter Hampel„Ich träume von Musik und spiele sie dann auch“

Wenige Wochen vor seinem Tod hat der Jazzmusiker Gunter Hampel der taz ein Interview im Beisein seiner Tochter Cavana gegeben. Die taz druckt das Gespräch postum mit ausdrücklicher Erlaubnis der Familie.

Julian Weber

Interview von

Julian Weber

Am 31. August 2026 (seinem Geburtstag) wird in Berlin bei zwei Gedenkveranstaltungen an Gunter Hampel und seine Musik gedacht. Hampel ist am 18. Mai 2026 in Berlin gestorben, das Gespräch fand im April statt, wenige Tage nach seinem letzten Konzert am 25. März.

taz: Gunter Hampel, den meisten sind Sie als Jazzvibrafonist bekannt. Sie spielen auch Bassklarinette, Tenorsaxofon und Piano. Als ich Sie im Berliner „Kühlspot Social Club“ vor kurzem live gesehen habe, haben Sie zum Beat eines Schlagzeugers improvisiert und blieben bis zum Ende im Flow. Was passiert da genau mit Ihnen?

Gunter Hampel: I’m cooking something, da kocht was. Die Musik geht nicht nur hier rein (zeigt auf seine Ohren) und da raus, sie hinterlässt einen Eingang und einen Ausgang. Es ist schön, wenn MitmusikerInnen dann auf diese Wellenlänge kommen.

Im Interview: 

Der Künstler: Geboren 1937 in Göttingen. Schon als Kind Multiinstrumentalist. Studium der Architektur. Erste Jazzband 1953, ab 1958 von der Musik lebend, Bandleader. 1960 ging Gunter Hampel nach Amsterdam, dann nach Paris und blieb jeweils mehrere Monate. Das Album „Heartplants“ als Gunter Hampel Quintett veröffentlicht, (1965) gilt als erstes europäisches Freejazzalbum. 1966 Begegnung mit der US-Sängerin und Tänzerin Jeanne Lee (1939-2000). 1969 folgt Hampel Jeanne Lee in die USA, wo sie in New York und teilweise in Göttingen leben. Zwei Kinder Cavana und Ruomi, beide in Musik und Tanz aktiv. Zahlreiche gemeinsame Alben und Kunstprojekte.

Gunter Hampel spielte Konzerte bis wenige Wochen vor seinem Tod am 18. Mai 2026 in Berlin.

Am 31.8. 2026 Gedenkfeier für Gunter Hampel im „Freischwimmer“ Berlin, ab 16.00 Uhr; Konzert Omniversal Earkestra spielt Werke von Gunter Hampel „Sonnenraum“ Berlin, 21.00 Uhr

Spende: Gunter Hampel war nicht krankenversichert. Es haben sich Behandlungskosten und Arztrechnungen in fünfstelliger Höhe angesammelt. www.gofundme.com/f/honoring-gunter-hampels-legacy

taz: Wie veranschaulichen Sie die Noten?

Gunter Hampel: Mein Gehirn ist wie das Universum. Wenn man nach oben kuckt, sieht man Sterne und merkt, dass da irgendwas los ist.

taz: Sitzt da eine höhere Macht?

Gunter Hampel: Ja. Das ist so aufregend, wenn man es merkt.

taz: Sie haben gerne mit großen Ensembles gespielt, etwa in der Galaxie Dream Band … Der Name deutet Richtung Weltraum. Was hat es mit dem Kosmischen auf sich?

Gunter Hampel: Wissen Sie, was auf diesen weit entfernten Planeten abgeht? Man kann es sich nur vorstellen, weil wir ja nicht selbst hinkommen. Wir haben also unserer interplanetarischen Vorstellung gemäß gespielt. Nicht nach Schema F. Und dann ist etwas mit uns passiert, das lässt sich in der Musik hören.

taz: Kann man mit Musik in den Weltraum reisen?

Gunter Hampel: Na ja, jeder Ort hat doch Zwielichter, die etwas vermitteln, was vielleicht gar nicht da ist. Die Weiten des Weltraums blinkten jedenfalls in unserer Musik immer auf.

taz: Aus Ihrer Musik spricht gutes Karma. Woher nahmen Sie die Überzeugung, dass sich die Dinge letztlich zum Guten wenden? Mit Ihrer Frau Jeanne Lee haben Sie ja Musik entworfen, die man als afrofuturistisch bezeichnen könnte. Sie beide kamen zusammen, als die Schwarzen in den USA gesellschaftlich noch stark ausgegrenzt und benachteiligt waren.

Cavana Lee-Hampel: Afrofuturismus drang zuerst aus der Musik und Philosophie von Sun Ra, als Begriff gab es ihn in den 1960er und 1970ern so noch gar nicht, jedenfalls nicht im Umfeld meiner Eltern. Wobei – die Grundlagen dafür waren längst gelegt.

Gunter Hampel: Und vergiss Afrika nicht! Das war in den 1960er Jahren ein Sehnsuchtsort für den Jazz. Die Schwarzen haben danach geforscht, woher ihre Vorfahren einst in die USA verschleppt worden waren. Dann wollten sie diese Gegenden selbst sehen oder wenigstens musikalisch verewigen.

taz: Als Sie Jeanne Lee geheiratet haben, gab es noch kaum Ehen zwischen Schwarzen Amerikanerinnen und weißen Deutschen. Wie war das für Sie?

Gunter Hampel: Ach, wir haben damals gar nicht so darüber nachgedacht.

taz: Zur Einstimmung auf unser Gespräch habe ich das Album „Oasis“ gehört, das Sie zusammen mit Ihrer Frau 1979 veröffentlicht haben. Zu hören ist Jeanne Lees Gesang und Ihr Vibrafon. Was passierte, als Sie beide miteinander gespielt haben?

Gunter Hampel: Wenn du Menschen triffst, mit denen du so was machen kannst, bist du im Himmel! Da fragst du nicht nach dem Grund, da legst du einfach noch 'ne Schippe drauf.

taz: Ihr Großvater und Ihr Vater waren ebenfalls musikbegeistert und Sie haben im Kindesalter Quetsche gespielt und Klavier, richtig?

Gunter Hampel: Das kann man so stehen lassen! Mir hat Musik auch deshalb imponiert, weil mein Vater als Hobbymusiker den ganzen Tag rumgekloppt hat. Er hat sich ans Klavier gesetzt und es ging eine andere Welt auf. Musik war von Kindesbeinen so zentral, ohne sie konnte ich gar nicht leben. Wir hatten ein schönes Wäldchen, unweit meines Elternhauses in Göttingen. Ich nahm da oft eine Flöte mit und spielte mit dem Wind, den Bäumen und den Vögeln.

Cavana Hampel: Gunters Großvater kam aus dem Erzgebirge. Er war Spielzeughersteller. Das Spielerische kommt von daher. Bei uns zu Hause war Jazz nie so ernst, völlig anders gelagert als überall sonst, wo wir die Musik als Kinder mitbekommen hatten. Beide Eltern hatten einen besonderen Draht zum Spielerischen. Das hatte mit der Herkunft zu tun, aber auch mit den Bedingungen, unter denen Gunter aufgewachsen war. Seine Fähigkeit zum Zuhören war in seiner Kindheit in Göttingen überlebenswichtig. Der Wille, die Gewalt und den Krieg durch Musik auszublenden. Das Spielerische war eine Antwort auf das Brutale. Schon als Kind habe ich mitbekommen, wie die Skepsis der Menschen gewichen ist, sobald sie Gunter zugehört haben. Wenige Töne und sie sind mit ihm auf seine Frequenzen abgetaucht.

taz: 1945, wenige Tage nach Kriegsende haben Sie die U.S. Army am Straßenrand mit einem Ständchen begrüßt. Da kam es doch zu einer Begegnung?

Gunter Hampel: Ja, da hielt ein Schwarzer GI auf einem Jeep an. Ich war begeistert, weil er einfach nur zugehört hat. Der hat nicht gesagt, spiel das oder das. Dann ist er zum Wagen und hat eine Gitarre geholt und hat mit mir gespielt. Jammen, das Wort kannte ich da noch gar nicht.

taz: Als Sie jung waren, gab es bald zwei deutsche Staaten und einen Eisernen Vorhang.

Gunter Hampel: Göttingen lag nahe der Zonengrenze. Es war mir schnell zu eng, ich musste da weg, kam zeitweilig auch gerne zurück. Ich habe mich immer zu den Freigeistern der Gesellschaft hingezogen gefühlt. Grenzen bedeuten mir nichts.

taz: Sie haben den US-Jazzer Eric Dolphy in Paris persönlich kennengelernt. Ein Saxofonist, Klarinettist und Flötist, der Traditionelles mit Unorthodoxem verbunden hat, einerseits dem Blues und Charlie Parker verpflichtet, andererseits schon Freejazz. Er hat in seinem Spiel früh Natur und Tiere imitiert.

Gunter Hampel: Bevor ich ihn persönlich kannte, war ich bereits sein Fan, weil er um 1960 schon einen Schritt weiter war als alle anderen. Ich verdanke ihm den Hinweis auf die Bassklarinette. Die Bassklarinette ist ein Instrument, das sehr vielseitig ist. Ich konnte mir das nicht vorstellen. Ein Jammer, dass Eric so früh verstorben ist.

Cavana Hampel: Gunter hat Dolphy 1962 in Paris kennengelernt, als Dolphy mit Charles Mingus gespielt hat. Dann gab es eine Gartenparty mit Jamsession, bei der sie Instrumente getauscht haben. Dolphy spielte Gunters Vibrafon und er spielte dessen Bassklarinette.

taz: Sie sind dann Ende der 1960er Jahre zu Ihrer Frau nach New York gezogen.

Gunter Hampel: Unsere Wohnung lag in der East 11th Street im East Village und wurde zum Treffpunkt der Loftszene. Sie war nicht weit vom Jazzclub „Sweet Basil“ in der 7th Avenue entfernt. Schwarze und weiße Musiker haben dort gejammt, das war damals noch längst nicht alltäglich.

taz: Sie haben gerne getanzt. Ihre Frau hat getanzt. Ihre Tochter tanzt. Musik und Tanz laufen immer gemeinsam. Was bedeutet Tanz für Sie?

Gunter Hampel: Tanz ist reine Bewegung.

taz: War diese Verbindung ganz selbstverständlich?

Gunter Hampel: Diese besondere Symbiose von Musik und Tanz war schon in der Familie von Jeanne. Sie haben in der Bronx gelebt, der Alltag dort hatte so eine Wucht, dass sich das einfach in Jazz und im Tanz entladen hat.

taz: Wie kamen Sie auf den Albumtitel: „Alle Dinge, die ich tun würde, wenn Charlie Mingus mein Vater wäre“? Ein Doppelalbum, das nicht nur wegen sein Titels fulminant klingt.

Gunter Hampel: Man träumt manchmal von einer Musik und man spielt die dann auch. Zwischen dem, was in der Traumwelt passiert, und dem, was sich in der Wirklichkeit ereignet, liegen Unterschiede, die machen gerade den Reiz aus. Ich habe schon als Kind von Musik geträumt, konnte sie aber noch nicht umsetzen, das kam erst später.

taz: Sie haben als einer der Ersten in Europa frei gespielt, die Jazzregeln der 1950er erweitert. War das mit Konflikten verbunden?

Gunter Hampel: Freejazz ist zu mir gekommen. Den Begriff Freiheit mögen in Deutschland ja nicht alle. Frei atmen zu können, das war in der Hitler-Zeit unmöglich. Frei war es später in allen Bereichen, nicht nur im Jazz. Ich habe auch mit dem zeitgenössischen Komponisten Hans-Werner Henze gespielt. Er hat mich eingeladen 1971, in der Deutschen Oper in Berlin, bei seinem Werk „Der langwierige Weg in die Wohnung der Natascha Ungeheuer“ mitzuwirken. Dafür hat er für unser Freejazz-Ensemble Teile der Partitur umgeschrieben und wir konnten auch dazu improvisieren.

taz: Viele Ihrer Alben und Songs tragen spirituelle Titel. Was bedeutet Spiritualität für Sie?

Gunter Hampel: Spiritualität schafft eine eigene Größenordnung. Das, was die Sprache nicht mehr auszudrücken schafft. Und sie hilft mir dabei, einen Klang zu entwickeln.

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