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Roman von Ingo SchulzeDie Hoffnung und ihre Verlustgeschichte

Ein Sommer in der DDR und ein skurriles Lesungswochenende in einem mecklenburgischen Gasthof: Ingo Schulze sucht in seinem Roman nach den Lehren der Geschichte.

Es ist der Sommer 1979, und Thomas will schreiben. Er will die Dinge begreifen, seine erste Liebe und die politischen Verhältnisse, die er radikal verändern möchte. Schreibend bis zur Weltrevolution?, fragt sich der 16-Jährige. Mit solchen Begriffen ist in der DDR Vorsicht geboten. Doch es geht um nicht weniger, als die bisherige Geschichtsschreibung zu überprüfen, ob richtig ist, wie beobachtet und erzählt wird.

Diese Frage stellen sich die Figur Thomas wie sein Autor Ingo Schulze. Dem gelingt es in seinem neuen Roman „Das Wasser im August“, Vergangenheit und Gegenwart ineinander zu weben und dennoch beiden Erzählwelten einen eigenen Ton zu verleihen, in dem sich je Wissen um die Hoffnung ausdrückt.

Da ist zum einen die Geschichte von den Sommerferien 1979, die Thomas bei einem Malerpaar in einem mecklenburgischen Dorf verbringt. Dort lernt er Sonja kennen, eine deutlich ältere Zahnärztin, mit der sich eine Liebesgeschichte andeutet.

Der Roman

Ingo Schulze: „Das Wasser im August“. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2026. 320 Seiten, 26 Euro

Mit dem Malerpaar soll er beobachten lernen, was ihm auch nach und nach gelingt: „Die Sonne war unter die schwarzblaue Wolkendecke gesunken, das Licht kam nun fast waagrecht herüber. Wenig später strahlte es nur noch die Unterseite der Wolken an und verwandelte sie in ein orangefarbenes Gewölbe, das von schwarzen unregelmäßigen Fugen durchzogen wurde, als wäre etwas Zerbrochenes wieder zusammengefügt worden.“

Historische Korrektheit

Das Wolkenspiel, die Genossenschaften bei der Ernte, Buttermilch und Rosinenbrötchen vor dem Konsum, man taucht beim Lesen ein in den Spätsommer im Nordosten, wie er gewesen sein muss. Schulze, 1962 in Dresden geboren, legt Wert auf die Korrektheit historischer Details. 2023 hatte er eine Liste mit historischen Falschdarstellungen in Charlotte Gneuß’ Debütroman „Gittersee“ erstellt und der Weitergabe an die Jury des Deutschen Buchpreises zugestimmt. „Das Wasser im August“ steht auf der Longlist für den diesjährigen Deutschen Buchpreis.

Das Buch als DDR-Roman zu bezeichnen, würde ihn auf die vergangene Erzählwelt reduzieren. Interessanter erscheint jedoch die gegenwärtige. Schulze zieht dort ein skurriles Kammerspiel auf: Als Geburtstagsgeschenk für einen alten Bekannten, der ihn einst an die Stasi verraten hatte, hält der nun erwachsene Schriftsteller eine private Lesung aus der Novelle über Thomas und den Sommer 1979. Immer wieder wird die Erzählwelt der Vergangenheit gerahmt von den Ereignissen jenes Lesungswochenendes im mecklenburgischen Landgasthof.

Die Handlung kommt etwas schleppend in Gang, nimmt jedoch Fahrt auf, als der Ich-Erzähler unter den Gästen seine nun erwachsene Jugendliebe wiedertrifft. So richtig kommt es nicht zum Gespräch mit Sonja, die in Wirklichkeit Angelika heißt, denn für den Ich-Erzähler wie für die Lesenden passiert hier viel auf einmal: Erst wird die Lesung verlängert, in einer Diskussion läuft sie aus dem Ruder und wird kurzerhand am nächsten Morgen fortgesetzt.

Und auch der Ausklang am Abend ist unerwartet: Zwei neue Bekannte, die der Ich-Erzähler nach einer Autopanne auf der Anreise eingeladen hatte, sind zu betrunken für die Heimfahrt und übernachten zusammen mit Angelika im Zimmer des Ich-Erzählers.

Weibliches Urteil gefürchtet

Der ist hier ganz der Beobachter, nervös scannt er Publikum wie eigenen Text. „Ich konnte nicht mal sagen, ob mein Text gut war, weil ich womöglich etwas anderes sah, als ich beschrieben hatte und für andere zu evozieren vermochte.“

So nachvollziehbar die Verunsicherung angesichts des Wiedertreffens mit einer Figurvorlage auch ist, so auffällig ist es, dass es bei Schulze stets Frauenfiguren sind, deren Urteil der Ich-Erzähler fürchtet: Angelika, die Malerin Emmy, die seine ersten Schreibversuche kritisiert, seine Ehefrau Carola, die ihm Käuflichkeit vorwirft, weil er trotz des Verrats für seinen Bekannten liest. Sie treten kontrastierend zum zaudernden Protagonisten auf, geben entscheidende Impulse für die Handlung, erhalten dabei aber selbst wenig Kontur. Das passt zur Selbstbezogenheit des alternden Erzählers, der nach der Bedeutung seiner Geschichte sucht, auch danach, was politisch aus ihr zu lesen ist.

Ein solcher Impuls ist es auch, der den Lesenden etwas darüber verrät, was es mit der doppelten Erzählweise auf sich hat. Am Abend nach der Lesung unterhält man sich über die drohenden US-Angriffe auf Iran, über Gaza und Putin. Es ist dann Angelika, die die Brücke zur Vergangenheit und zu der vorgelesenen Novelle schlägt: „Es ist etwas vorüber, das wir vorher nicht gespürt haben, weil es selbstverständlich war, und jetzt, da es vorüber ist, merken wir den Verlust.“ Von diesem Verlust handele die Novelle des Ich-Erzählers. Was verloren gegangen ist, sei „eine unglaubliche Hoffnung, dass wir etwas verändern können.“

„Das Wasser im August“ liest sich wie eine Aufarbeitung dieser Verlustgeschichte. Gab es diesen politischen Handlungsdrang? Wozu hat er geführt? Und was ist heute zu tun, was ist aus der eigenen Geschichte zu lernen? Ingo Schulze gelingt es, diese Fragen in beiden Erzählwelten zu verhandeln, ohne dass die jeweils unterschiedlich alten Erzählfiguren einander belehren. Eine Antwort bleibt er jedoch schuldig.

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