Junge Leute in Ostdeutschland : Kampf gegen Windmühlen
Die Lage im Osten wird für junge Linke bedrohlicher. Der Kampf gegen den allgegenwärtigen Neonazismus lässt Systemfragen in den Hintergrund rücken.
Foto: Rouzbeh Fouladi/imago
W enn ich in diesen Wochen mit linken Jugendlichen aus Sachsen-Anhalt oder meinem Herkunftsbundesland Sachsen ins Gespräch komme, hat sich etwas verändert: Die politische Wut gilt in erster Linie nicht mehr nur den Neonazis, der AfD oder Ortsgruppen des „III. Weges“, sondern auch und vor allem der Bundesregierung und diesem System. Warum mir das Hoffnung macht und was junge Linke im Osten antreibt – darum geht es in diesem Text.
Mehr Pöbeleien, mehr Hitlergrüße, mehr Angst – so beschreibt mir gegenüber ein 22-jähriger Linker aus Halle (Saale) die Veränderungen seines Lebens in den vergangenen Jahren. Nur zum Hintergrund: Halle mit seinen 230.000 Einwohnern ist das kulturelle Zentrum Sachsen-Anhalts mit einer traditionsreichen Universität, einer Kunsthochschule, einer schönen, intakten Altstadt und einer vitalen linken Szene.
Der 22-Jährige aber möchte oder muss wieder weg. Nach Leipzig. Damit ist er keinesfalls allein und erzählt, dass mit ihm ungefähr 20 Leute aus seiner Freundesgruppe das Bundesland mit der drohenden AfD-Mehrheit verlassen werden. Trans Personen, Linke, Alternative – und in seinem Fall ein Mensch, der mit viel Hoffnung aus der sächsischen Provinz in die größere Stadt an der Saale gezogen war.
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„Die merken, die sind am Gewinnen“, sagt er, und das bestärke Aggressionsbereitschaft, Dominanzverhalten und Gewaltpotenzial junger Neonazis in Sachsen-Anhalt. Rechte hätten nichts zu befürchten, und spätestens, wenn die Polizei unter AfD-Kontrolle stünde, müsse man wohl seine Sachen packen und weggehen.
Als ich frage, gegen wen sich die Wut aktuell am meisten richtet, geht es sofort um die Bundesregierung und Friedrich Merz, aber auch die Grünen, die nur bruchstückhaft besser seien. Angesichts der zahlreichen Bedrohungs- und Horrorgeschichten, die ebenjene Leute erzählen können, sollte das gesamtgesellschaftlich zu denken geben.
Nach den Wahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern droht erstmals eine AfD-Regierung. Die taz berichtet, was auf dem Spiel steht – und wer jetzt die Demokratie verteidigt. Alle Texte zur Serie finden Sie hier.
Die gleichen engagierten jungen Antifas, die davon berichten, vor kurzem in Zwickau, meiner Heimatstadt, von 15 Neonazis mit Elektroschockern und Bierflaschen eingekesselt wurden zu sein, sprechen, wenn es darum geht, was sie am meisten beschäftigt, erst einmal über die drohende Schließung des örtlichen VW-Werks, mangelnde Jugendarbeit und einen Politisierungsprozess voller Enttäuschungen.
Der sozialpolitische Kahlschlag, die Sparpolitik und ein Wehrpflichtdiskurs, der die Jugend außen vor lässt, wird Früchte tragen, die unangenehm sein werden – zumindest für die Bundesregierung und die neoliberale „Normalität“. In diesen Momenten macht es mich umso wütender, dass sich der radikale Veränderungswunsch des linken Teils meiner Generation wegen des Stresses mit dem allgegenwärtigen Neonazismus nicht ausreichend artikulieren kann. Es dominiert der Kampf gegen rechts. Zynisch ließe sich sagen, dass die neonazistische Jugend im ländlichen Osten einen guten Job macht, um der Bundesregierung die Auseinandersetzung mit kapitalismus-, macht- und staatskritischen, aufgebrachten, linken Jugendlichen zu ersparen.
Einerseits wird mir bei meinen Lesungen, auf Protesten oder in Gesprächen mit meinen ostdeutschen Freund*innen immer wieder klar, dass der gemeinsame neonazistische Feind verbindet und für einen Zusammenhalt sorgt, der in Leipzig oder Berlin kaum vorstellbar ist. Andererseits spüre ich eine Verzweiflung, die vor allem darauf fußt, dass sich ein antifaschistischer Kampf, der die Ursachen des Rechtsrucks außen vor lässt, immer mehr nach einem Kampf gegen Windmühlen anfühlt. Die logische Konsequenz: entweder Resignation angesichts der autoritären, gesellschaftlichen Koalition aus Steigbügelhalter*innen und AfD oder aber neue Ideen.
In Werdau, einer Kleinstadt mit ungefähr 20.000 Einwohner*innen im Landkreis Zwickau, treffen sich linke Jugendliche wöchentlich in der „Tanke“ zum Quatschen, Bier trinken und diskutieren. Räume besetzen, Kampfsport, Wandern, gesellschaftliche Aktivitäten nicht den Faschos überlassen, das steht hier auf der Tagesordnung, wo doch die „Nationalrevolutionäre Jugend“, der Jugendverband des „III. Weges“, versucht, diese Leerstellen zu füllen. Neben den altbewährten und aus meiner Sicht auch wichtigen Ansätzen wird sich aber auch zunehmend gefragt – zum Beispiel im Lesekreis mit der IG-Metall-Jugend -, wie sich soziale Kämpfe, Systemkritik und Antifaschismus miteinander verbinden lassen. Ein Beispiel dafür bietet das beschriebene VW-Werk Zwickau.
VW ist ein großes Thema
Während der Konzern in den vergangenen Jahren Dividenden in Milliardenhöhe ausgeschüttet hat, ist der Konzern durch Missmanagement gegen die Wand gefahren worden. Jetzt machen Gerüchte von chinesischer Übernahme, Waffenfabriksplanungen oder gar der kompletten Schließung des Werkes die Runde. Linke Jugendliche macht das wütend. Weil sie wissen, wen das aktuell am meisten stärken würde. Weil sie wissen, dass die VW-Krise eigentlich so viel Potenzial bietet, linke Lösungen unter die Leute zu bringen und antifaschistisch zu organisieren. Weil sie wissen, dass eine Schließung der Todesstoß für die Region bedeuten könnte.
Immer mehr linke Jugendliche scheinen angesichts dieser erdrückenden Schwere der Krisen zu verstehen, dass die drohende Werksschließung eben kein individuelles Problem des Arbeitsplatzes ihrer Eltern ist. Dass der wütende Fascho von nebenan eben kein tragischer Einzelfall ist, der von einzelnen „Rattenfängern“ verführt wurde. Dass die um sich greifenden Waldbrände keine zufällige Erscheinung sich verformender Erdereignisse sind, sondern menschen- und kapitalismusgemachte Katastrophen mit System. Die Erkenntnis kommt spät, aber sie kommt.
Neonazis besetzen vor allem im ländlicheren Osten Räume, die vorher ein Vakuum waren. Sie können ihnen wieder abgenommen werden – wenn mehr Leute, gerade aus Großstädten oder Westdeutschland hinschauen, supporten und auch dann noch da sind, wenn die fucking Landtagswahlen vorbei sind.
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
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