Politische Gefangene in Belarus: Kleine Schritte zum „Großen Deal“
Der US-Sondergesandte John Coale hat seit 2025 Hunderte politischer Gefangener aus Belarus geholt. Doch die Verhaftungen dort gehen weiter.
Foto: President of Belarus/Reuters
Der US-amerikanische Sonderbeauftragte für Belarus, John Coale, führt seit mehr als einem Jahr Gespräche mit dem belarussischen Diktator Alexander Lukaschenko. Das Ziel der USA ist die Befreiung der politischen Gefangenen in Belarus und aktuell sind bereits 500 von ihnen vorzeitig frei gekommen.
Unter ihnen sind die für Belarussen bekannten Persönlichkeiten wie Oppositionspolitiker Mykalai Statkevich, Nobelpreisträger Ales Bjaljazki und der ehemalige Präsidentschaftskandidat Wiktar Babaryka. Aber die US-Regierung verfolgt in dem kleinen Land im Osten Europas noch weitere Ziele.
John Coale ist kein gewöhnlicher Diplomat, sondern ein bekannter Anwalt und alter Bekannter von US-Präsident Donald Trump. Als man ihn fragte, ob er nach Belarus fahren könne, um dort einen Gefangenen herauszuholen, fragte der US-Amerikaner erstaunt: „Belarus? Wo liegt das denn überhaupt?“
Vor dem Treffen mit Lukaschenko gaben Diplomaten dem Trump-Gesandten auch Hinweise zur Persönlichkeit seines Gesprächspartners: „Liebt Scherze und einen informellen Gesprächsstil“. Übersetzt aus der Diplomatensprache bedeutet das ungefähr: Der Politiker neigt selbst in offiziellen Situationen zu übertriebener Vertrautheit und plumpem Humor und ist gegenüber LGBTQ+-Personen äußerst intolerant.
Coale erfüllte die an ihn als Vermittler gesetzten Erwartungen. Bei einem der ersten Treffen floss der Wodka in Strömen, Lukaschenko schimpfte heftig über Europa und machte zweideutige Witze. Der Amerikaner stimmte dem Gastgeber zu, den gereichten Wodka aber goss er unbemerkt auf den Boden. „Er lacht gerne, also haben wir mitgelacht“ – so erklärte Coale, wie er die Kunst, sich auf seinen Gesprächspartner einzustellen, zu seiner Verhandlungsstrategie gemacht hat.
Das „Drehtür-Prinzip“
Einer von Coales ersten Erfolgen war die Freilassung des belarussisch-amerikanischen Anwalts und Oppositionspolitikers Youras Ziankovich im April 2025. Seine Verhandlungsformel beschrieb der Gesandte mit den Worten: „Es sind kleine Schritte. Man muss klein anfangen.“
Nach jedem „kleinen Schritt“ stieg die Zahl der Freigelassenen. Im Juni 2025 kamen 14 politische Gefangene auf freien Fuß, im September schon 52, im Dezember 123 und im März 2026 kamen gar 250 Menschen frei.
Doch gleichzeitig sah sich die amerikanische Seite hier mit dem konfrontiert, was Menschenrechtsaktivisten als „Drehtür-Prinzip“ bezeichneten – Verhaftungen und politisch motivierte Gerichtsverfahren gingen weiter, und an die Stelle der Freigelassenen traten sofort neue politische Gefangene. Lukaschenko sah in seinen Gegnern lediglich ein Druckmittel im Verhandlungsspiel mit dem Westen und füllte den „Austauschfonds“ rasch wieder auf.
Außerdem kann man die Geschehnisse nur bedingt als „Freilassung“ bezeichnen. Bis März 2026 wurden fast alle in Belarus Begnadigten unter Bewachung in benachbarte Länder der EU bzw. in die Ukraine abgeschoben, ohne Rückkehrrecht. Dort fanden sich die Menschen ohne Ausweispapiere, ohne Sprachkenntnisse, ohne Verwandte und ohne Eigentum wieder. In Belarus wurden derweil sofort neue Strafverfahren gegen sie eingeleitet.
Zwar forderten die Amerikaner: „Hört auf, Menschen zu verhaften und aus ihrer Heimat zu vertreiben.“ Doch Minsk ging darauf nur bedingt ein, denn Lukaschenko hat nicht vor, seine repressive Innenpolitik zu ändern.
USA heben Sanktionen auf
John Coales „Diplomatie des gegenseitigen Vertrauens“ trug Früchte. Als Reaktion auf die Begnadigung von mehreren Hundert politischen Gefangenen hob Washington die Sanktionen gegen den Export von belarussischem Kalidünger (eine wichtige Einnahmequelle für die Staatskasse) und gegen die nationale Fluggesellschaft Belavia auf und gestattete Lukaschenko den Kauf von Ersatzteilen für seine private Boeing. Trump übergab dem belarussischen Diktator einen Brief, der vertraulich mit „Donald“ unterzeichnet war.
In einem Gespräch mit Journalisten erinnerte sich Coale, wie Lukaschenko mitten in einer Erörterung der politischen Agenda unerwartet bemerkte, dass der US-Gesandte abgenommen habe. Coale nannte ihm ein Präparat zur effektiven Gewichtsabnahme. Und nachdem sich der belarussische Gastgeber über sein eigenes Übergewicht beklagt hatte, brachte Coale ihm beim nächsten Besuch genau dieses Medikament mit. Schon bald war der belarussische Diktator deutlich schlanker. Parallel dazu liefen Verhandlungen über einen „großen Deal“ (Big Deal) – eine groß angelegte Amnestie für Dissidenten in belarussischer Haft, die Rückkehr der US-Botschaft nach Minsk und ein persönliches Treffen zwischen Trump und Lukaschenko.
Die Strategie der US-Regierung, die politische Gefangene faktisch zu einer Verhandlungsmasse gemacht hat, stieß sowohl bei Teilen der belarussischen Opposition als auch bei europäischen Politikern auf Unverständnis. Denn dieses Verhandlungsszenario wiederholt sich seit zwei Jahrzehnten – das schon erwähnte „Drehtür-Prinzip“. Anders als die USA hat die Europäische Union die Sanktionen gegen das belarussische Regime nicht aufgehoben und besteht auf politischen Reformen im Land.
John Coale, US-Sondergesandter für Belarus über die Freilassung politischer Gefangener aus belarus
Verhandlungen stagnieren, doch Hoffnung bleibt
Nach der Freilassung des bekannten Vertreters der polnischen Diaspora in Belarus, Andrzej Poczobut, im April 2026 versprach Coale optimistisch „weitere Freilassungen im Laufe des nächsten Monats“. Dass seitdem nichts mehr passiert ist, können oder wollen beide Seiten nicht erklären. John Coale äußerte sich nur auf Social Media zum Stand der Verhandlungen: „Wir sind noch nicht fertig. Die Hoffnung bleibt!“
Eine Rückkehr zum „großen Deal“ ist möglich. Neben der Freilassung politischer Gefangener hatte Washington klare Erwartungen. Denn Lukaschenko ist für die USA als potenzieller Kommunikationskanal zu Putin von Interesse. Darüber hinaus wird man in Iran, mit dem die Vereinigten Staaten im Krieg stehen, höchstwahrscheinlich auf Lukaschenkos Meinung hören. Im Gegenzug bieten die USA dem belarussischen Politiker an, seine internationale Handlungsfähigkeit zu stärken und möglicherweise Einfluss auf die harte Haltung Brüssels gegenüber Minsk zu nehmen.
Der September verspricht für Alexander Lukaschenko vor dem Hintergrund des bevorstehenden Gipfeltreffens der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SCO) im kirgisischen Bischkek und einer möglichen Wiederbelebung der Verhandlungen mit den USA diplomatisch turbulent zu werden.
Aus dem Russischen Gaby Coldewey
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