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Dokumentarfilmer in Ceuta„Wir wurden alleingelassen“

Der Filmemacher Viktor Schimpf hat im August Migranten in Ceuta begleitet. Die taz hat ihn vom benachbarten Tanger aus telefonisch zu seinen Eindrücken befragt.

Mirco Keilberth

Interview von

Mirco Keilberth

taz: Was war Dein erster Eindruck, nachdem die Fähre vom spanischen Festland in Ceuta anlegte?

Viktor Schimpf: Was sofort auffällt, ist die massive Präsenz von Militär und Polizei. Sowie die Masse von Menschen, hauptsächlich junge Männer, die scheinbar orientierungslos durch die Straßen ziehen. Morgens liegen viele Migranten einfach so auf dem Bürgersteig. Auf dem Weg zur marokkanischen Grenze wird es dann noch voller. Über allem Helikopter, im Hintergrund heulen überall Sirenen.

Im Interview: Viktor Schimpf

Der Dokumentarfilmer reiste Mitte August auf eigene Faust nach Ceuta und hat dort eine Gruppe von Migranten begleitet und gefilmt. In den letzten beiden Jahren hat Schimpf bereits Filme über die Themen Ausweisung und Migration gemacht

taz: Sind mehrheitlich Marokkaner oder Migranten aus Subsahara-Afrika in Ceuta geblieben?

Schimpf: Das war am Anfang schwer abzuschätzen. Aber nach einigen Tagen habe ich dann verstanden, dass sehr viele Menschen aus Marokko in Ceuta integriert leben oder dort arbeiten. Es sind auch sehr viele Migranten aus Palästina oder Subsahara-Afrika geblieben. Genaue Zahlen hat niemand.

taz: Gibt es Probleme zwischen den verschiedenen Gruppen und mit den Bewohnern?

Schimpf: In den ersten Tagen gab es nur leichte Spannungen. Ich hatte das Gefühl, dass alle versuchten, die jeweils anderen zu tolerieren. Mittlerweile sprechen viele spanische Bewohner von Angriff oder Invasion und wollen, dass das endlich aufhört. „Wir wurden alleingelassen“. Diesen Satz hört man häufig.

taz: Wie ist die Stimmung nach Einbruch der Dunkelheit?

Schimpf: Nach Sonnenuntergang ziehen sich die Bewohner Ceutas zurück, niemand von ihnen ist auf der Straße. Aus Angst vor den Migranten sind die meisten Läden auch am Tage zu.

Polizei und Armee tauchen unangekündigt am Strand auf und verscheuchen die Schlafenden. Die Suche nach einem sicheren Platz führt wiederum zu Konflikten unter den Migranten. Man will es ihnen so unangenehm wie möglich machen. Die Angriffe finden immer wieder an denselben Orten statt, nur mit dem Ziel der Einschüchterung.

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taz: Hast du solche Aktionen selbst erlebt?

Schimpf: Zweimal habe ich nur an ein und demselben Ort übernachten können. In der ersten Nacht kam das Militär plötzlich um die Ecke, ich bin mit den anderen geflohen. Die Migranten, mit denen ich umherzog, haben sich dann mit Jungs aus der Nachbarschaft befreundet. Die haben ihnen dann einen einigermaßen sicheren Schlafplatz angeboten, zum Beispiel in einem Hauseingang.

taz: In den mehrheitlich arabischen Wohnvierteln Ceutas finden die Migranten also mehr Unterstützung?

Schimpf: Die Gruppe, mit der ich unterwegs war, war in den Außenbezirken rund um die Moschee unterwegs. Es waren junge Männer aus Gaza und Marokko, sie haben dort auf Arabisch schnell Kontakt mit den Einheimischen gefunden. Spanisch wird nur in der Innenstadt gesprochen.

taz: Wie viele Migranten sind aus Deiner Sicht derzeit in Ceuta?

Schimpf: Ich schätze zwischen 5.000 und 10.000, auf keinen Fall mehr.

taz: In Marokko sind die bis zu 2.000 Minderjährigen ein großes Thema. Justizminister Abdelatif Quahbi fordert ihre Rückführung. Nun sollen aber 500 auf das spanische Festland gebracht werden. Hast Du minderjährige Migranten gesprochen?

Schimpf: Viele haben mir gesagt, dass sie 30 Tage in Ceuta bleiben können und dann zurück nach Marokko müssen. Ich habe nicht herausgefunden, was für eine Genehmigung oder Prozedur das sein soll und wer ihnen das gesagt hat. Aber es ist ein Gerücht, das jeder kennt und glaubt.

Einen großen Plan hat sowieso niemand, mit dem ich sprach. Sie bleiben, wenn sie können. Müssten sie zurück nach Marokko, würden sie auch das machen.

Wer aus Marokko kommt, rechnet eher nicht damit, es nach Europa zu schaffen

taz: Haben die Migranten aus Marokko eine andere Erwartungshaltung als diejenigen aus Subsahara-Afrika oder anderen arabischen Ländern?

Schimpf: Wer von weiter weg kommt, ist davon überzeugt weiterziehen zu können. Wenn es von Ceuta aus nicht klappen sollte, wollen sie geschlossen nach Melilla gehen. Wer aus Marokko kommt, rechnet eher nicht damit, es nach Europa zu schaffen. Es sind viele Gruppen von Freunden unterwegs, oft haben sie sich spontan auf den Weg gemacht.

taz: Wie ist die hygienische Lage?

Schimpf: Polizeibeamte haben mir von vom Ausbruch der Krätze und Tuberkulose berichtet. An einigen Strandabschnitten schlafen die Menschen dicht an dicht nebeneinander. Ein paar Meter weiter verrichten sie ihre Notdurft. Es liegt nahe, dass bei solchen hygienischen Verhältnissen Krankheiten ausbrechen. Je näher man dem Zentrum kommt, desto sauberer ist es. Weil die Polizei dort präsenter ist, schlafen dort weniger Migranten.

taz: Gibt es Hilfsorganisationen in Ceuta?

Schimpf: Lokale Helferinnen in rosa Hemden kümmern sich minderjährige Mädchen, sprechen diese an. Dann gibt es noch das Kollektiv „No Name Kitchen“, das auch regelmäßig Videos auf sozialen Medien teilt.

taz: Gibt es sexuelle Übergriffe?

Jemand aus der Gruppe, mit der ich viel Zeit verbracht habe, hörte von einer Massenvergewaltigung durch 7 Männer, das Opfer soll minderjährig sein. Es sind bisher keine weiteren Details bekannt.

An einem Abend saß ich mit der Gruppe zusammen, als wildfremde Jungs mit zwei minderjährigen Mädchen zu uns kamen. Sie sprachen mich mit „Germany“ an und sagten, dass die beiden erst einmal bei mir bleiben sollen. Später erfuhren wir, dass zwei Migranten die minderjährigen Mädchen an einen Schlafplatz locken wollten. Das haben dann andere verhindert. Ich kann mit gut vorstellen, dass es solche Übergriffe häufiger vorkommen.

Die Bewohner haben schlichtweg die Schnauze voll

taz: Die allgemeine Lage spitzt sich also eher zu?

Schimpf: Die Bewohner haben schlichtweg die Schnauze voll. Selbst wenn ich ihnen von diesem Übergriff auf die beiden Mädchen erzählte, gab es kaum empathische Reaktionen. Die Polizei ist komplett überfordert. Für einige Jungs auf den Straßen ist das Ganze ein Spiel, auch an die Einschüchterungsjagden der Polizei haben sie sich gewöhnt. Andere leiden sehr unter der hygienischen Lage, der Unsicherheit und der Polizeigewalt.

taz: Wie brutal gehen die spanische Armee und Polizei vor?

Schimpf: In dem Fall, den ich erlebt und gefilmt habe, hatte offenbar ein Nachbar ein Kommando gerufen. Die Uniformierten haben dann eine Gruppe von ungefähr 100 Leuten aus einem Wald vertrieben. Tränengas und Stöcke sind im Einsatz, ich habe auch einen Bürger mit einem Knüppel gesehen. Ich habe Ceuta verlassen, weil ich die Unsicherheit, wann und wo die Attacken passieren, nicht mehr ausgehalten habe. Es war extrem anstrengend.

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