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Essay über die Macht der AfDDas Ganze ist wieder das Unwahre

Das Momentum liegt auf der Seite der Rechten. In dieser Lage die Hoffnungen auf den politischen Betrieb zu richten, springt zu kurz.

Noch die düsterste, auf die Lage der Dinge wütendste, angepissteste oder auch traurigste Einlassung auf den sozialen Medien transportierte vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt untergründig eine Hoffnung: die Hoffnung, gehört zu werden. Und dass es etwas bewirkt, womöglich sogar einen Unterschied macht, wenn dieses Statement gelesen, gehört, verstanden wird und auf Resonanz stößt. Sonst müsste man es ja gar nicht ins Handy tippen.

Doch das geschah nicht, kein Gehörtwerden, jedenfalls nicht aufs Ganze gesehen. Mit viel Einsatz konnten zwar die Grünen über die Fünfprozenthürde gehievt werden, die absolute Mehrheit konnte gerade so verhindert werden. Doch das Verhängnis des Wahlergebnisses ist da und geht so leicht nicht wieder weg.

Das Ganze scheint die vielfältigen klugen kritischen Interventionen – die Aufklärung über das völkische Gesellschaftsbild, die Analysen des hanebüchen reaktionären Kulturprogramms der AfD – einfach zu schlucken. Als zählte Aufklärung gar nicht. Mehr noch, als könnte die von der AfD gesetzte Realität kritische Analysen schlicht umdrehen, sich von ihnen geradezu nähren.

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Aufklärung? Scheißegal

Am deutlichsten beobachtbar war das bei diesem kritisch gemeinten Spiegel-Titel zu Ulrich Siegmund („Der gefährlichste Mann Deutschlands“), das die AfD im Wahlkampf für sich nutzen und als Fetisch und Fanartikel einsetzen konnte. Es wurde dem Mann von seinen Anhängern freudestrahlend zum Signieren hingehalten. Den AfD-Wählern war all die Aufklärung nicht nur scheißegal, sie wollten genau das antiaufklärerische Gegenprogramm.

Ähnliches gilt jetzt nach der Wahl für Überschriften in den Zeitungen, die mit dem Begriff „Ernstfall“ prunken. Es stimmt zwar, jetzt ist der Ernstfall. Aber wer sich überlegt, wie gern AfDler das selbst hören, wird diese Analyse nicht ganz so schmetternd als Clickbait herumposaunen.

Es hilft eben alles nichts, das Ganze der AfD-Realität ist geschlossen. Interne Machtkämpfe, Verfassungsfeindschaft, realitätswidrige Aussagen, alles wurscht. Da ist kein Spalt, an dem Kritik diesem Ganzen etwas anhaben könnte. Dieses Ganze ist unwahr und gleichzeitig immens real.

Intellektuelle Verzweiflung

„Das Ganze ist das Unwahre“ lautet ein Satz des Philosophen Theodor W. Adorno. Er ist viel zu abstrakt, um direkt für eine konkrete Analyse der Gegenwart zu taugen. Doch man sollte ihn wieder im Hinterkopf haben, und sei es als Hintergrund oder als Rahmen, in den sich die Analysen einfügen ließen.

Der Satz kommt aus den Höhen der Philosophiegeschichte – eine Umkehrung von Hegels Diktum „Das Ganze ist das Wahre“ –, und er transportiert in all seiner Düsternis eine intellektuelle Verzweiflung nach dem Holocaust und dem Umschlagen von Aufklärung in Barbarei im Nationalsozialismus, wie Adorno das nannte.

Nach den 1968er Unruhen entfaltete der Satz in der alten Bundesrepublik eine immense Breitenwirkung. Hoch und runter wurde er in den (damals noch verrauchten) WG-Küchen und Studentenkneipen diskutiert. Mit ihm ließ sich die irritierende Erfahrung verarbeiten, dass der Kapitalismus in der Lage war, noch die grundsätzlichste Kritik an ihm zu seiner eigenen Modernisierung zu nutzen.

Die Gegenkultur wurde nicht mehr als Bedrohung der öffentlichen Ordnung, sondern als kapitalisierbare Bereicherung gesehen. Kritik war nicht mehr etwas, was der Macht gegenübertrat, sie wurde ein Motor des flexibilisierten Kapitalismus selbst. Im Rahmen dessen wurden soziale Bewegungen ins System integriert. Und die Individuen bekamen mehr Freiheiten, mussten sich dafür aber auch mehr selbst disziplinieren.

Aktuelles Lebensgefühl

So richtig verblasste der Satz erst nach 1989. Er passte nicht zur Aufbruchstimmung nach dem Mauerfall und dem Ende der Zweiteilung der Welt in Ost und West, mit der auch immer die Drohung eines nuklearen Overkills im Atomkrieg verbunden gewesen war. In Essays und Romanen, etwa bei Michael Kleeberg, wurde David Bowies Hit „Let’s dance“ als aktuelleres Lebensgefühl gesehen und gegen Adornos Negativität ausgespielt.

Gleichzeitig wurde das Ganze kleinteilig dekonstruiert. Es wurde auf der linken Seite zu einem Patchwork der Minderheiten, das allerdings nie recht zusammenpasste und in seine Einzelteile zerfiel. So dass in der Gegenwart das Ganze als Negatives zurückgekommen sein mag, so ungenau diese Analyse erst einmal auch ist, ohne dass sich ein positiv besetzbares Ganzes dagegenhalten ließe.

Regenbogenbunt sein und den Zusammenhalt beschwören reicht allein offensichtlich leider nicht, so bedeutsam es für den Gefühlshaushalt der Communitys ist (was nicht zu unterschätzen ist). Das Bild einer bunten Gesellschaft kommt gegen das unwahre Ganze nicht an, solange es dem – mit freundlicher Unterstützung der angeblichen Mitte (Regenbogenflaggen vom Reichstag nehmen, NGOs wegkürzen) – leichtgemacht wird, Marginalisierte als linksgrün versifft zu denunzieren.

Dazu, den Ernst der Lage zu erkennen, gehört es, das unwahre Ganze als real und wirkmächtig anzuerkennen. Die Rechten reagieren nicht einfach, sie sind, wenn sie es je gewesen sind, längst keine Opfer des Sozialabbaus, einer angeblich verfehlten Migrationspolitik, eines angeblichen Medienversagens mehr. Vielmehr sind sie etwas Aktives, und sie haben das Momentum. Aus der Mischung aus von den Tech-Bros gekaperten sozialen Medien, einem weltweiten Trend zum Autoritarismus, zu Vibeshift-Fantasien, Neoliberalismus, überkommenem Rassismus und jahrelanger kulturkämpferischer Kärrnerarbeit durch AfD-Kader hat sich aktiv etwas entwickelt. Und es hat sich längst verselbstständigt.

Beschwörungen der Mitte

In dieser Lage die Hoffnungen auf den politischen Betrieb zu richten, springt zu kurz. So sehr Friedrich Merz zur aktuellen gesellschaftlichen Krise beigetragen haben mag (Stadtbilddebatte und anderes) – ob er nun Kanzler bleibt oder nicht, ist bedeutsam für die Sozialpolitik, die Außenpolitik und für die CDU, aber an dem Momentum für die AfD wird das nichts ändern.

Wahrscheinlich ist das gesellschaftliche Subsystem Politik mit seinem Zwang zu kurzfristigen zweckrationalen Lösungen allein sowieso keine passende Basis, um angemessen verzweifelt auf die Lage zu reagieren. Hört man nicht bei den Beschwörungen der „Mitte“ die Weidels leise kichern?

Man sollte schon auch in den Blick nehmen, was alles zum Momentum der Rechten und Rechtsradikalen beiträgt. Dass Kritik verpufft und all die vielen Sachbücher, in denen die AfD mit allem soziologischen und politikwissenschaftlichen Besteck durchanalysiert wird, nichts bringen, hat auch damit zu tun, dass die Geisteswissenschaft insgesamt gegenüber den technisch-mathematischen Zweigen abgewertet werden.

Mit ihrem gebannten Blick aufs rechte Personal, durchaus gelegentlich von einer Faszination des Bösen getrieben, haben auch viele Medien an der Realität des unwahren Ganzen gezimmert. Und die User dieser Medien verstärken das noch, indem sie darauf starren, was Weidel, Siegmund, Tillschneider, Trump, Musk und so weiter jetzt schon wieder gemacht haben.

Damit längst noch nicht genug. Viele Verantwortliche der öffentlich-rechtlichen Medien lassen es zu, dass es die Rechten sind, die bestimmen, was als politisch neutral gilt, wobei, zumindest untergründig, schon der Einsatz für Demokratie und Minderheitenrechte als links konnotiert wird. Noch das empörteste Posting im Netz, auf welcher Plattform auch immer, füttert ein System der sozialen Medien, das nicht nur kapitalisierbar und manipulierbar ist, sondern von den Rechten geschickt zur Setzung ihrer falschen Realität verwendet werden kann. Und warum auch viele Leute, die auf der einen Seite Fake News beklagen, auf der anderen Seite ausgerechnet KI-Tools zum Nachschlagen verwenden, ist sowieso ein Rätsel.

Solidarität mit den Betroffenen

Das unwahre Ganze affiziert die Gesellschaft im Ganzen und verstrickt die Einzelnen in Widersprüche – das ist das, was es nun einmal tut. Klar, Ärmel hochkrempeln, Dagegenhalten, Mobilisieren, Bündnisse schließen, Antifa-Arbeit vor Ort, dichtes Beschreiben, wie es zur rechten Hegemonie in Teilen unserer Gesellschaft kam und so weiter, das muss jetzt alles sein. Aber ein Moment von intellektueller Verzweiflung angesichts der massiven Realität des unwahren Ganzen gehört auch dazu. Es ist auch eine Form der intellektuellen Solidarität mit den Betroffenen: all den Menschen, die ausgegrenzt werden sollen und denen ihr Existenzrecht in dieser Gesellschaft, ihre Lebensweise oder ihre Identität abgesprochen werden sollen.

Man wird den Rechten das Momentum nicht gleich wieder entreißen können; so schnell geht das nicht. Aber vielleicht gelingt es, bei sich zu bleiben und sich von ihnen nicht vor sich hertreiben und in den Bann schlagen zu lassen.

Nach dem Erfolg der AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt bangen viele Menschen um die Zukunft, es droht die erste AfD-Regierung. Das wäre eine (weitere) Zäsur für Deutschland. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

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