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Veränderung in Teherans StadtbildDer Hidschab bleibt im Kleiderschrank

In Teheran ist dieser Tage kaum noch ein Kopftuch zu sehen. Eine Iranerin berichtet, wie sich die Menschen diese Freiheit erkämpft haben.

Vor einigen Wochen machte im Iran ein Werbespot die Runde, der noch vor wenigen Jahren kaum denkbar gewesen wäre. Eine Frau, vollständig verschleiert, sitzt in einem Restaurant. Auf dem Tisch vor ihr stehen zwei Dosen: Coca-Cola und Fanta. Sie wischt beide demonstrativ beiseite und wäscht sich anschließend die Hände.

„Das ist das religiöse Restaurant ‚Fanous‘“, sagt sie in die Kamera. „Wir servieren hier nur Dinge, die unseren Werten entsprechen.“

In den sozialen Netzwerken sorgt der Auftritt für Spott. Ein Nutzer empfiehlt, man solle doch gleich ein eigenes Land gründen – am besten möglichst weit weg vom Iran. Ein anderer fragt, ob man das Restaurant wohl mit dem linken Fuß zuerst betreten müsse. Eine Anspielung auf die islamische Vorschrift, nach der Toiletten mit dem linken Fuß voran betreten werden sollen.

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„Fanous“ ist dabei kein Einzelfall. Im Iran entdecken immer mehr Gaststätten eine neue Zielgruppe: religiös-konservative Kundinnen und Kunden, die sich im öffentlichen Raum zunehmend unwohl fühlen. Angesichts unverschleierter Frauenköpfe und westlicher Produkte suchen sie nach Orten, wo sich die gewünschte Sittlichkeit gleich mitbestellen lässt.

Für alle anderen Ira­ne­r:in­nen ist das ein Sinnbild für eine bemerkenswerte Verschiebung: „Noch vor einem Jahr mussten freiheitsliebende Menschen nach Rückzugsorten suchen, weil der öffentliche Raum fest im Griff der religiösen Hardliner war“, teilt ein Iraner der taz in einem verschlüsselten Chat mit. „Jetzt ist es umgekehrt.“

Patrouillen stoßen auf Widerstand

Tatsächlich sind iranische Straßen in diesem Sommer kaum noch wiederzuerkennen, Frauen gehen oft in Jeans und schulterfreien Oberteilen aus dem Haus. Der Hidschab, einst Symbol staatlicher Kontrolle über den weiblichen Körper, bleibt immer häufiger im Kleiderschrank.

Begonnen hat diese Entwicklung mit dem Tod von Mahsa Dschina Amini im September 2022. Er löste die landesweiten „Frau, Leben, Freiheit“-Proteste aus. Das iranische Regime reagierte damals mit extremer Härte. Hunderte Demonstranten wurden getötet, Tausende verhaftet. Als die Proteste Anfang 2023 abebbten, kehrte die Sittenpolizei zunächst zurück. Doch dieses Mal stießen die Patrouillen auf Widerstand. Frauen widersetzten sich den Beamten, Männer stellten sich dazwischen. Der entscheidende Wandel vollzog sich aber nicht nur auf den Straßen. Er fand in den Familien statt.

„Viele meiner Freundinnen haben den Schleier nicht aus eigener Überzeugung getragen“, sagt Zana Rahimi, eine 30-jährige Iranerin aus der zentraliranischen Stadt Yazd. „Sie trugen ihn aus Rücksicht auf religiöse Eltern, Großeltern oder andere Familienmitglieder. Nach Mahsa Aminis Tod begannen sie, diese Fragen zu Hause offen anzusprechen“, berichtet Rahimi. Ihren echten Namen will sie aus Sicherheitsgründen geheim halten.

Noch vor einem Jahr war der öffentliche Raum fest im Griff der religiösen Hardliner

Frau aus dem Iran

Auch in ihrem Büro, wo sie als Wirtschaftsprüferin arbeitet, wurde plötzlich über den Hidschab diskutiert. Zuerst bestand ihr Chef darauf, dass die Mitarbeiterinnen sich gesetzeskonform kleideten. Doch Rahimi und ein paar ihrer Kolleginnen widersetzten sich und legten bei der Arbeit weiterhin ihre Kopftücher ab. Schließlich gab der Chef nach.

Überwachung mithilfe chinesischer Technologien

Im Frühjahr 2023 fand das Regime eine effizientere Methode, um die Kopftuchpflicht durchzusetzen. Mithilfe chinesischer Technologie ließen die Machthaber einen umfassenden islamischen Überwachungsstaat errichten: Frauen, die sich ohne Hidschab zeigten, wurden durch Kameras mit Gesichtserkennung identifiziert und bekamen per SMS eine Verwarnung. Nach dem dritten Verstoß drohten Geldbußen, bis hin zu Haftstrafen und der Beschlagnahmung des Autos.

Auch für Zana Rahimi wurde diese Überwachung Teil ihres Alltags, sie selbst erhielt zwei Verwarnungen. Freunde mussten vor Gericht erscheinen und Geldstrafen bezahlen. Auch ihr Lieblingscafé wurde zeitweise geschlossen. Die Behörden machten alle Betriebe dicht, wo Kundinnen gegen die Hidschabpflicht verstießen. Der ultrakonservative Abgeordnete Ali Yazdikhah benannte damals das Ziel dieser Maßnahmen: „die soziale Ausgrenzung“ ungehorsamer Frauen.

Aber die Überwachung erzeugte auch Widerstand. „In sozialen Medien warnten wir uns gegenseitig, wo Überwachungskameras stehen. Ich begann, solche Straßen zu meiden. Ich besuchte nur noch Cafés und Restaurants, wo mir niemand etwas sagen würde“, erzählt Rahimi.

Einen Wendepunkt gab es mit den israelischen Luftangriffen 2025. Die Prioritäten des Mullah-Regimes verschoben sich, der Hidschab rückte in den Hintergrund. Die Veränderung war weniger ideologisch als pragmatisch: Im Krieg brauchte die Islamische Republik die Unterstützung möglichst vieler Iraner:innen. Nach den amerikanischen Luftangriffen ab Februar waren Frauen ohne Kopftuch plötzlich sogar in staatlichen Propagandavideos zu sehen. In einem Video stößt eine junge, unverschleierte Frau mit einem Glas selbst gebrannten Schnapses auf den neuen Obersten Führer Modschtaba Chamenei an.

Im März dieses Jahres berichtete die Financial Times, dass der Mossad, Israels Geheimdienst, in jene Überwachungskameras, die zur Kontrolle der Bevölkerung eingesetzt wurden, eingedrungen war und auf diese Weise Bewegungsmuster hochrangiger Funktionäre und Militärs nachverfolgen konnte. So soll es dem israelischen Militär schließlich sogar gelungen sein, Irans Staatschef Ali Chamenei zu töten.

Fragile Freiheiten

Zana Rahimi vermutet, dass in Regierungskreisen schon nach dem 12-Tage-Krieg der Verdacht aufkam, die Überwachungskameras könnten infiltriert sein. Tatsache ist, dass die iranische Regierung plötzlich auf ihre Nutzung verzichtete – auch das führte zu einer neu gewonnenen Kleidungsfreiheit.

Aber die neuen Freiheiten sind fragil. Dutzende Cafés, Restaurants und andere Geschäfte mussten seit Ende Juli wegen Verletzungen der Verschleierungspflicht schließen.

Der iranische Abgeordnete Mohammad-Taqi Naqdali erklärte gegenüber CNN die Logik des Regimes hinter den erneuten Schließungen: „Israel und Amerika können uns nicht vernichten, aber dieser Verfall unserer religiösen Kultur wird es tun.“ Beobachter halten daher eine neue Welle der islamistischen Repression für unvermeidlich.

Zana Rahimi aber hofft, dass sich die Ultrakonservativen für immer in Restaurants wie das „Fanous“ zurückziehen werden. Freiwillig und ohne Weiteres werden sie das aber wohl nicht tun.

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6 Kommentare

  • Kai Ayadi

    Schön... Bitter, dass auch dafür am Anfang des Jahres Zehntausende Menschen sterben mussten. Wir dürfen sie nicht vergessen!

  • Sonnenhaus

    Die digitale Welt hat eben eine gute und eine schlechte Seite. Doch wer Überwachungskameras zur Unterdrückung von Menschen verwendet sollte immer durch einen Hack limitiert werden. Fehlt nur noch eine automatisierte Videokorrektur, um den Schleier zu beseitigen. Ran an die Tasten, lasst uns die unbedeckten Gesicher feiern. Ein schönes Beispiel auch, warum eine lückenlose Kameraüberwachung keine Sicherheit bringen kann. Das kann sich schnell zum Gegenteil verändern, lieber Herr Dobrinth & Co. Gerade wenn die Taliban ihre Wünsche nicht erfüllt bekommen.

  • N. Ietsche

    Da stecken zwei wichtige Erkenntnisse über den Nahen Osten drin:

    1. Israels effektivste Waffe ist der Hass der Iraner untereinander, der Hass der Libanesen untereinander, der Hass der Palästinenser untereinander...

    2. Am Ende geht es der Hisbollah, der Hamas und dem "konservativen Lager" im Iran nicht um Ideologie sondern um Macht. Und wo die Ideologie dem Machterhalt dient, wird sie hemmungslos und gewaltätig durchgesetzt. Sobald das nicht der Fall ist, macht man halt Propagandavideos mit Alkohol trinkenden unverschleierten Frauen.

    Letztlich ist die völkisch-religiös-klassistische Perspektive, die die meisten Europäer/Westler auf den Nahen Osten haben bloße Aufladung durch die eigene Ideologie und Weltsicht. Eurozentrisch, wie man das so schön nennt.

    Die Politik des Nahen Osten wird schon sehr lange durch Machtpolitiker bestimmt. Ob die jetzt Nasser, Arafat, Hussein, MBS, Chamenei, Assad oder Nethanyahu heißen. Und es gibt ausreichend nützliche Menschen, die da mitziehen. Die meisten davon sitzen in Europa...

    • Tinus

      @N. Ietsche:

      Stimmt sicherlich, aber gibt es da nicht einen weltweiten Trend hin zur ungeschminkten Machtpolitik: Trump, Putin, Chin, Orban ....usw. ....?

      Oder, seien wir ehrlich und links: War es nicht schon immer so, dass auch westliche Werte nur solange galten und gelten, wie sie der kapitalistischen Ausbeutung nicht im Wege standen oder stehen?

      Politik ist das Spiel mit Macht ... Werte stören dabei nur ... dafür baut man hier wie dort die Kirchen.

      • N. Ietsche

        @Tinus:

        Ja und nein. Der Westen unterscheidet sich politisch, so denke ich, in Wesentlichen dadurch, dass es hier einen erfolgreichen Nationalismus als Massenbewegung gab. Und dieser ist nach innengerichtet eben nicht bloß Machtpolitik, sondern wertegeleitete regelbasierte Ordnung.

        Das ist nicht notwendigerweise etwas positives, führte aber zu zahlreichen positiven (aber natürlich auch vielen negativen) Folgen, wie einer gewissen Rechtsstaatlichkeit und, auch wenn das auf den ersten Blick paradox wirken mag, einem relativ friedlichen Europa. Zumindest dort, wo der Nationalismus eher kulturell als rassistisch ausgeprägt war.

        Das war so im Nahen Osten nie, nicht weil Menschen dort grundsätzlich anders wären, sondern auf Grund der ethnographischen Gegebenheiten: es gab nie wirklich dominante Volksgruppen und "die Araber" (die es als einzige sein könnten) sind intern viel zu heterogen.

        Letztlich hat dieser Nationalismus im Westen Machtpolitik zumindest erschwert. Natürlich erodieren die westlichen Nationalismen zusehends, wodurch es zu einer Wiederkehr der Machtpolitik kommt. Trump ist da das augenfälligste Beispiel.

  • Oliver Tiegel

    Danke für diesen Hintergrundbericht.