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Demonstrationen gegen Rechts 100.000 Gründe für Hoffnung

Lukas Wallraff

Kommentar von

Lukas Wallraff

Mehr als 100.000 Menschen haben am Wochenende gegen Rechts demonstriert. Dabei ging es auch fröhlich zu. Diesen unverdrossenen Einsatz brauchen wir.

E s gab an diesem Wochenende wieder viele Gründe, Angst zu bekommen – vor der künstlichen Intelligenz, die laut Experten schon in einem halben Jahr außer Kontrolle geraten könnte, und vor der menschlichen Dummheit, die Kriege weiter eskalieren lässt und die laut Umfragen zu weiteren AfD-Erfolgen bei den Landtagswahlen am kommenden Sonntag beitragen dürfte. Aber es gab auch mehr als 100.000 Gründe, Hoffnung zu schöpfen.

Mehr als 100.000 Menschen haben sich von all den Horrorszenarien nicht einschüchtern lassen. Sie wurden aktiv, gingen unverdrossen auf die Straße, um bei zwei CSD-Umzügen in Halle und Wismar für queere Rechte sowie bei zahlreichen weiteren Demonstrationen für Vielfalt und gegen den Rechtsruck in ganz Deutschland einzutreten.

Man kann jetzt lange darüber sinnieren, ob die Zahl der Demonstrierenden angesichts der akuten Gefahr einer Machtübernahme durch die AfD in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern eher hoch oder zu niedrig ist. Das Engagement der 100.000 ist auf jeden Fall besser, als nichts zu tun, hadernd auf dem Sofa oder am Schreibtisch zu sitzen und zu beklagen, dass niemand den Vormarsch der AfD stoppt.

Eine politische Wende haben die 100.000 sicher noch nicht bewirkt. Natürlich nicht. Aber es geht auch schlicht und einfach darum, deutlich zu machen, dass die AfD mit Gegenwehr rechnen muss, wenn sie ihre Gewaltfantasien gegen Minderheiten und Andersdenkende auszuleben versucht. Es geht darum, dass sich jemand für den Schutz ihrer potenziellen Opfer einsetzt und Menschen überall stabil solidarisch bleiben.

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Wichtiger als die Gesamtzahl war deshalb die regionale Verteilung. Es hat keineswegs nur die übliche linke Bubble in Berlin-Mitte demonstriert, sondern Menschen im ganzen Land, im Osten und Westen, im Norden und Süden.

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Darauf lässt sich aufbauen, wenn der Protest wie auf vielen Demos am Wochenende kreativ, bunt, gewaltfrei und, ja, auch fröhlich artikuliert wird. Miesepeter gibt es in der Parteipolitik genug. Auch deshalb haben sie gegen den rechtsextremen Strahlemann Siegmund verloren. Wenn der Einsatz für die Demokratie größer werden soll, was dringend nötig ist, muss er für möglichst viele Menschen attraktiv wirken.

Einfach nur für ein AfD-Verbot zu sein, wird dafür nicht reichen. Über die Verbotsforderung ist man sich nicht einmal im linken Lager einig. Sie wirkt auf viele undemokratisch, erst recht direkt vor oder nach Wahlen. Zudem wird sie kaum die Menschen überzeugen, die zur AfD neigen. Im Gegenteil. Selbstbewusst für Vielfalt und konkrete Ziele zu kämpfen, wie auf den CSDs, ist viel aussichtsreicher. Hoffentlich.

Nach dem Erfolg der AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt bangen viele Menschen um die Zukunft, es droht die erste AfD-Regierung. Das wäre eine (weitere) Zäsur für Deutschland. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Lukas Wallraff

Lukas Wallraff taz.eins- und Seite-1-Redakteur

seit 1999 bei der taz, zunächst im Inland und im Parlamentsbüro, jetzt in der Zentrale. Besondere Interessen: Politik, Fußball und andere tragikomische Aspekte des Weltgeschehens
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9 Kommentare

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  • Andreas_2020

    Die meisten Wahlberechtigten wählen nicht die AfD, viele lehnen die AfD sogar ab. Das ist die gute Seite.



    Die schlechte Seite ist, dass AfD-Wähler auf ihre Partei, Presseveröffentlichungen und Informationen nicht reagieren. Es scheint diesen Leute wahrlich egal zu sein, wie bescheuert sich ihre Partei verhält. Alleine diese aggressiven Reden und diese Kriegsrethorik wäre doch eigentlich wirklich denkwürdig. Aber eben nicht für die AfD-Wähler, die wählen ihre Partei meist stumpf.

  • leocat

    Gestern in Kiel nochmal 2500 - 5x so viele, wie erwartet.

  • ToMuch

    0,125% der deutschen Bevölkerung. Na dann kann ja nichts mehr schief gehen…

    • aujau

      @ToMuch:

      Besser als garnichts. Ermutigend, immer noch recht viele. Danke an jeden Teilnehmenden. Bis zur nächsten Demo

  • wom balton

    ❤️ Schön mal gute Nachrichten zu lesen

  • Dietmar Rauter

    Ixh kann ja verstehen, dass so viele Leute den 'Anfängen' wehren wollen. aber selbst wenn wir den Spuk AfD loswerden könnten, hätte sich noch kein Deut an der eigentlich ursächlichen Krisensituation geändert, die ja zunächst einmal die Ärmsten trifft, wenn sich alle anderen noch einmal anders einrichten wollen und damit indirekt genauso die Klimakatastrophe verleugnen, wie bei der AfD, die ihren WählerInnen weismachen will, das sei alles Gerede von Parteien, denen sie auch nicht mehr vertrauen mögen in Zeiten, wo es ja noch andere Probleme gibt, z.B. wenn alles teurer wird und Landflucht nicht möglich aufgrund der Mangellage in den Ballungsräumen. Manchmal denke ich, gerade weil wir eine so aufgeklärte Gesellschaft sind , möchte ich genauso wegschauen, wie mancher Politiker, der eigentlich gewählt werden möchte (der Amthor-Effekt), es so gern hätte. Die Probleme bleiben, die Rechten sind leider nur eine Erscheinungsform, kaum weniger glaubwürdig als andere.

  • Astrid Sehnefeld

    "Aber es gab auch mehr als 100.000 Gründe, Hoffnung zu schöpfen."



    Ist das so?



    Ist das nicht nur 'aus der Bubble für die Bubble'?



    Haben sich die Umfragewerte verändert durch die Demos?



    Fühlen sich in Berlin Politiker von SPD, Grünen, Linken oder Union jetzt genötigt einen Verbotsantrag zu stellen?



    Oder die Forderungen des Richterbunds, das externe Weisungsrecht der Justizministerien gegenüber den Staatsanwaltschaften im Bundesrecht zu streichen, umzusetzen?



    Außer den üblichen Floskeln habe ich nichts vernommen. Man müsste könnte sollte...



    Der Artikel stellt es selbst fest:



    "Eine politische Wende haben die 100.000 sicher noch nicht bewirkt."



    Eben. Und der Artikel stellt auch die zweite entscheidende Frage: "ob die Zahl der Demonstrierenden angesichts der akuten Gefahr einer Machtübernahme durch die AfD in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern eher hoch oder zu niedrig ist."



    Ich beantworte das wie folgt: als auf Sylt ein paar Besoffene sangen, waren danach 150.000 allein in Hamburg auf der Straße.



    Bei EINER Demo.



    Nicht in zwei Wochen, nicht republikweit so wie jetzt.



    Nach Sylt demonstrierten Millionen, jetzt ein kläglich Häufchen.



    Das zeigt mir klar die Richtung an wohin es geht.

    • Opossum

      @Astrid Sehnefeld:

      waren SIe wenigstens dabei wenn Sie sich hier schon so negativ äussern ?

  • uwe

    Beeindurckendes Engagement. Weiter so.

    Ob das allerdings auch nur einen AfD Wähler von seiner Wahlentscheidung abhalten wird? Das glaube ich nicht.

    Wirksamer als Demos fände ich, wenn sich die Politiker mit den Gründen auseinandersetzen würden, aus denen die AfD von einem immer größeren Teil der Bevölkerung gewählt wird. Diese Wähler sind doch nicht alle Nazis. Und - diese Wähler sind auch nicht alle doof und müssen nur noch mehr bevormundet bzw. aufgeklärt werden.

    Sich auseinandersetzen beinhaltet selbstverständlich auch Konsequenzen ziehen bzgl. eigenen politischen Handelns. Da wurde womöglich - schrecklicher Gedanke - seit Jahren so einiges falsch gemacht - nach Meinung vieler Wähler.