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Landtagswahlen und Rechtsextreme Auf der Jagd nach schlechten Nachrichten

Silke Mertins

Essay von

Silke Mertins

Die Medien tragen mit negativer Berichterstattung zu den Erfolgen der AfD bei. Deshalb braucht es kein Schönreden, wohl aber mehr Ausgewogenheit.

A m Morgen nach der Wahl in Sachsen-Anhalt wird ein AfD-Wähler im Radio interviewt. Ob er glaubt, dass es mit einer von Ulrich Siegmund geführten Regierung besser wird in seinem Bundesland, wird er gefragt. „Schlimmer kann’s ja nicht mehr werden!“, empört er sich umgehend. Schlimmer kann es nicht mehr werden? Im Ernst? Das Leben in einem der reichsten und freiesten Länder der Welt, das per Verfassung als soziale Marktwirtschaft definiert ist, sich als Sozialstaat versteht, jedem Menschen eine Grundsicherung zugesteht und in dem eine Krankenversicherung für jede und jeden selbstverständlich ist, soll schlichtweg unerträglich sein? Wie kommt er denn darauf?

Man kann nun natürlich die AfD und ihre schwarzmalerische, demagogische Propaganda für diese Sicht auf Deutschland verantwortlich machen – und man läge ganz sicher nicht falsch damit. Aber man kann sich ebenso gut fragen, ob nicht auch wir, die kritischen Medien, eine Mitschuld daran tragen, dass ein nicht geringer Teil der Bevölkerung in Deutschland glaubt, wir lebten in einem Land, in dem es noch nie so rasend bergab ging wie heute und das von einer unfähigen, lächerlichen, machtgierigen und im Zweifel korrupten Politikelite regiert wird.

Dass diese Frage mehr ist als journalistische Nabelschau, legt die Medienforschung nahe. Die Po­li­tik­wis­sen­schaft­le­r*in­nen Charlotte Galpin und Hans-Jörg Trenz sprechen von einem systematischen „Negativitätsbias“ der Nachrichtenmedien: Schlechte Nachrichten werden guten vorgezogen, politische Berichterstattung konzentriert sich entsprechend häufig auf Fehlleistungen, Polemiken, Skandale und Krisen. In Langzeituntersuchungen westlicher Demokratien lasse sich eine Zunahme dieser Nachrichtennegativität seit den 1970er Jahren beobachten.

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Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten linken Meinungsspektrums.

Die Rente? Eine Katastrophe mit Ansage! Die Gesundheitsversorgung? Teuer und schlecht. Die Sozialsysteme? Mies, ungerecht, würdelos. Bildung? Schlimmer geht’s nimmer. Es reicht ein Wort: Pisa-Studie. Klimawandel: Wir sind dem Untergang geweiht. Und so könnte man endlos fortfahren. Deutschland scheint wie ein Ort, vor dem man eigentlich schleunigst die Flucht ergreifen sollte – oder aber sich eine radikale Kehrtwende wünschen kann.

Im Vergleich gar nicht so übel

Von einer „Spirale des Zynismus“ sprechen deshalb Kommunikationswissenschaftler: Wer Politik überwiegend als Abfolge von Versagen, Skandalen und Konflikten erlebt, verliert Vertrauen in politische Institutionen – und erwartet gleichzeitig immer stärker genau diese negativen Nachrichten. Galpin und Trenz beschreiben einen solchen sich selbst verstärkenden Mechanismus für die Europaberichterstattung: Publikum, politische Akteure und Medien verstärken einander in ihrer Negativität.

Wetten, die Demokratie gewinnt? ​

Nach den Wahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern droht erstmals eine AfD-Regierung. Die taz berichtet, was auf dem Spiel steht – und wer jetzt die Demokratie verteidigt. Alle Texte zur Serie finden Sie hier.

Was wollen wir also dagegenhalten, wenn die Rechtsextremen behaupten, die regierenden Parteien hätten das Land völlig heruntergewirtschaftet und nur noch die AfD könne das Ruder herumreißen, wenn die Medien selbst beständig aufzeigen, was alles nicht funktioniert? Was hat denn dann das politische System der Bundesrepublik vorzuweisen, und warum ist es erhaltenswert? Denn wir Medien kritisieren, meckern, nörgeln, verurteilen und empören uns über den Zustand Deutschlands, als hätten wir noch nie gesehen, wie es anderswo in Europa oder der westlichen Welt zugeht.

Die Benzinpreise in den Niederlanden sind pro Liter rund 40 Cent höher als in Deutschland; die Mietpreise bei Neuvermietungen mehr als doppelt so hoch. In Großbritannien sind Anschlussheilbehandlungen in einer Reha-Klinik nach einer Knie-OP oder einer Krebserkrankung grundsätzlich nicht vorgesehen. In den USA verschulden sich ganze Familien, wenn ein Familienmitglied an Krebs erkrankt. Studieren kostet in England rund 10.000 Pfund im Jahr, aber auch in den Niederlanden etwa 2.500 Euro.

In Skandinavien zahlen Europäer wenig, Nicht-EU-Studierende jedoch teils fünfstellige Beträge, um sich an den Unis einzuschreiben. Wie die Politik versucht, Probleme zu lösen, werde journalistisch häufig unterkomplex dargestellt, zweifelt auch Christoph Hickmann, Leiter des Spiegel-Hauptstadtbüros, die Art der heutigen Berichterstattung an und fragt, „ob wir Journalisten in dieser Zeit, in der die liberale Demokratie bedroht ist, so weitermachen können wie bisher“.

Der Grundkonsens ist verloren gegangen

Denn der Grundkonsens, der über Jahrzehnte jeder journalistischen Kritik zugrunde lag, war, dass es viel zu meckern gibt, aber das heutige politische System dennoch das beste ist, das wir je hatten. Schon 2016 hatte auch Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo in seiner Dresdner Rede „Unser Ruf steht auf dem Spiel“ eine Selbstkritik des Journalismus angemahnt. Ausgerechnet in einer Zeit, in der Pegida und AfD den Begriff „Lügenpresse“ wieder salonfähig machten, sprach er ausdrücklich über „Skandalisierung und Boulevardisierung der Berichterstattung“.

Jour­na­lis­t*in­nen dürften das in sie gesetzte Vertrauen nicht verspielen, warnte er – weil kritischer Journalismus für das Funktionieren der Demokratie unverzichtbar sei. Der Konsens, von dem Hickmann spricht, ist nicht mehr vorhanden, seit sich die AfD radikalisiert und ihre Wählerbasis so stark ausgebaut hat. Sie sieht sich in der Rolle der Bürgerbewegung in der Endphase der DDR. „Wir sind das Volk“ ist weit mehr als ein geklauter Schlachtruf. Man sieht das derzeitige System der Bundesrepublik Deutschland am Ende und sich selbst als einzige Alternative.

Doch was tun mit dieser Erkenntnis? Kritisch zu hinterfragen, Missstände aufzudecken und als Korrektiv gegenüber denen zu wirken, die die Macht ausüben, ist die wichtigste Aufgabe des Journalismus. Politische Debatten in der medialen Öffentlichkeit werden stellvertretend für die Leser*innenschaft, idealerweise sogar für die Bevölkerung geführt. Trotzdem muss die Frage erlaubt sein, ob die Jagd nach Missständen und Skandalen zum Teil nicht zur Obsession geworden ist, an der journalistische Qualität bemessen wird.

Der „investigative Journalismus“ ist die Königsdisziplin der Branche. Die Bezeichnung ist leicht irreführend, denn natürlich recherchieren alle Journalist*innen, nicht nur die investigativen. Dennoch ist klar, wer und was hier gemeint ist: Kolleg*innen, die wie die Trüffelschweine nach besonders übelriechenden Geschichten suchen. Sie stehen in der Hierarchie der Branche ganz oben. Hier winken Preise, Ruhm und Ehre.

Ist, wer gute Nachrichten liefert, wirklich naiv?

Und so manchem politischen Magazin merkt man an, dass hier zugespitzt und skandalisiert wird, was das Zeug hält, um eben auch zu dieser Elite der „Investigativen“ dazuzugehören. Mit Verachtung gestraft oder wenigstens mit großem Misstrauen bedacht werden indes jene Kolleg*innen, die es wagen, beispielsweise ein positives Porträt über einen Politiker oder eine Politikerin zu schreiben.

Das Leben in einem der reichsten und freiesten Länder der Welt, ein Sozialstaat, der allen eine Grund- und Kranken­versicherung zugesteht, ist keineswegs unerträglich

Sie geraten umgehend in den Verdacht, einer geschickten PR auf den Leim gegangen zu sein oder es an jeglicher kritischen Distanz mangeln zu lassen und auf jeden Fall seinen Job nicht richtig gemacht zu haben, was schon fast einem journalistischen Todesurteil gleichkommt. Man ist umgekehrt immer auf der sicheren Seite, wenn man mit Kritik reichlich um sich zu werfen versteht. Vielleicht liegt darin ein strukturelles Problem. Negativität ist schließlich nicht nur eine journalistische Haltung, sondern ein Nachrichtenwert.

Eine Geschichte über etwas, das funktioniert, muss ihre Relevanz erst beweisen. Zu guter Letzt steht einer guten Geschichte oft auch noch die Realität im Wege. Seit „Storytelling“ den Journalismus dominiert und mit Preisen überschüttet wird, werden Re­por­te­r*in­nen gern mit einer These losgeschickt, die sich dann in der Recherche vor Ort bestätigen soll: Bitte in der Reportage zeigen, dass soziale Ungerechtigkeit zu einer Radikalisierung der Wäh­le­r*in­nen führt.

Was aber, wenn die Menschen vor Ort etwas ganz anderes sagen und die gesamte Gemengelage sich nicht auf diese These zuspitzen lässt? Wenn einem also die verdammte Wirklichkeit das schön zurechtgelegte Storytelling kaputt macht? Die US-amerikanische Journalistin Amanda Ripley hat für dieses Problem eine Gegenformel gefunden: „Complicating the Narratives“ – die Geschichten komplizierter machen. Jour­na­lis­t*in­nen neigten dazu, Widersprüche herauszuschneiden, weil eine Geschichte kohärent sein müsse.

Die Realität ausgewogener darstellen

Gerade in polarisierten Gesellschaften könne aber genau diese Kohärenz zum Problem werden. Die Wirklichkeit sei häufig widersprüchlicher als die Geschichte, die wir erzählen wollen. Man kann sich vorstellen, dass dabei nicht nur Gutes herauskommt. In jedem Fall reicht es oft nicht mehr, einfach nur das darzustellen, was man vor Ort beobachtet. Und doch ist der sogenannte konstruktive Journalismus keine annehmbare Lösung in einer Zeit, in der die liberale Demokratie bedroht ist.

Es ist nicht unsere Aufgabe, Lösungen aufzuzeigen. Sehr wohl aber, über sie zu berichten und die Komplexität von Themen wie der Rentenreform oder der sozialen Absicherung aufzuzeigen. Nicht nur Skandale und Missstände sind berichtenswert, sondern auch Erfolge, Vorbilder und gelungene Projekte. Interessanterweise gelingt es dem Lokaljournalismus häufiger als überregionalen Medien, eine gute Balance zwischen kritischen und positiven Berichten zu wahren.

Vielleicht liegt es daran, dass man auf lokaler Ebene immer Gefahr läuft, der Person wieder über den Weg zu laufen, die man gerade noch heftig kritisiert hat. Oder auch, dass sich der Druck, ein journalistisches Meisterwerk abzuliefern, in Grenzen hält. In jedem Fall brauchen wir eine Berichterstattung, die die Wirklichkeit ausgewogener darstellt als bisher. Die Medien sollten kritisch, investigativ und unbedingt auch scharfzüngig bleiben. Worauf wir uns jedoch besinnen sollten, ist Ausgewogenheit.

Nach dem Erfolg der AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt bangen viele Menschen um die Zukunft, es droht die erste AfD-Regierung. Das wäre eine (weitere) Zäsur für Deutschland. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Silke Mertins

Silke Mertins Redakteurin Meinung

Kommentatorin & Kolumnistin, Themen: Grüne, Ampel, Feminismus, Energiewende, Außenpolitik
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8 Kommentare

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  • Wanderin

    "Seit „Storytelling“ den Journalismus dominiert und mit Preisen überschüttet wird, werden Re­por­te­r*in­nen gern mit einer These losgeschickt, die sich dann in der Recherche vor Ort bestätigen soll: Bitte in der Reportage zeigen, dass soziale Ungerechtigkeit zu einer Radikalisierung der Wäh­le­r*in­nen führt."



    .



    Das kann man allerdings als Lüge auf Bestellung bezeichnen. Im scripted reality TV kein Problem. Als Romanautor auch nicht. In der Zeitung: Ja!



    .



    In anderen Worten, die Chefredaktion sagt aus dem Sessel: "Ich stelle mir den AfD- Wähler im Osten als armen Rentner vor, der bangt, wie er im Winter seine Heizkosten zahlen soll und aus großer materieller Sorge AfD wählt. Fahrt nach Halle, sucht mir GENAU DEN Protagonisten und liefert das fertige Produkt! Bei der Jury von Preis xy kommen solche Geschichten immer super an! " - Das heißt, wenn die Reporter vor Ort dann zig AfD - Rentner "beim Casting" aussortieren, (weil die alle aus gefestigt ideologischen Gründen wählen, nicht aus materiellen Sorgen) bis sie einen finden, den sie halbwegs auf die vorgestanzte Story hinbiegen können, dann dürfen die Leser "ihre Meinung" aufgrund dieser Anreizstruktur bilden.

    • Wanderin

      @Wanderin:

      Das ist allerdings ein Problem. Weil aus solchen Geschichten, -die auf den Vorurteilen der Chefredaktion beruhen-, viele Leser die völlig falschen Schlüsse für politisches Handeln ziehen werden, in der Annahme, damit dem Problem Rechtsradikalismus beizukommen.

  • Desdur Nahe

    "ob nicht auch wir, die kritischen Medien, eine Mitschuld daran tragen"



    Das "wir" ist sehr wohltuend, Selbstkritik ist notwendig, um Fehler zu erkennen und zu beheben.



    Denn auch nach dem Lesen der taz ist man selten gut drauf: 1933 steht vor der Tür (auf Demos wird offen „Yallah Intifada“ gerufen), die bösen Reichen werden immer reicher, alle anderen stehen kurz vor dem Hungertod, der nur deshalb nicht eintreten wird, weil uns vorher der Klimatod ereilt. Zum Glück haben wir kaum Kriminalität, und wenn doch, dann sind es Einzelfälle, die sich "erklären" lassen. Ist auch besser so, denn auf die Polizei sollte man sich nicht verlassen: Sollen ja alles schießwütige Rechte sein, die Hand in Hand mit einer Justiz arbeiten, die so rechts ist, dass sie Linke sogar in den Knast steckt, wenn diese einfach nur mit einem Hammer auf anderer Leute Köpfe schlagen.



    So, und jetzt klicke ich weiter und freue mich auf positive Artikel hier bei der taz...

  • Maria Lueke

    Danke für diesen treffenden Beitrag, sage ich als Kollegin aus der Provinz. Ich füge nur eine Bitte an: Gewährt der AfD nicht so viel Raum! Die Annahme von vielen Journalisten, sie werde sich entzaubern, hat sich als fatale Fehleinschätzung erwiesen. Auf diese Weise verbreiteten sich viele Lügen.

  • chrisi

    Absolut!

  • ja wirklich?

    Sie schreiben viel Wichtiges udn Richtiges. Aber: nur eine schlechte Nachricht ist für Journalisten eine gute Nachricht. Das gilt schon lange. Anders geht es bei den NGOs zu, oder bei freien Vereinen auch im Osten. Berichten Sie mal über "Greifswald für Alle", über die Straze, über die Omas gegen Rechts in MV, über aktive Kirchenmitglieder, die den zugang zum Greifswalder Dom offenhalten und dabei Menschen am Rande der Gesellschaft als Mitarbeiter - ehrenamtlich - einbeziehen, die gerne kommen, die mit Touristen udn anderen Turmkletterern sprechen - es gibt so viele gute Beispiele.

  • Martin Rees

    Lesenswert, weil Umstände und Person auch anders gedeutet wurden: Georg Restle



    "Nach 30 Jahren „Monitor“



    Moderator verabschiedet sich mit emotionalen Worten in letzter ARD-Sendung"



    rp-online.de/panor...itor_aid-145978151



    Nach Sonja Mikich gleichermaßen unterhaltsam und gehaltvoll.

  • Dirk Anders

    Ich habe selten eine so genaue Beschreibung der Situation gelesen. Den meisten Menschen in diesem Land geht es gut. Klar gibt es soziale Unterschiede, aber das soziale Netz ist für alle aufgespannnt. Die AFD wird durch die ständigen negativen Nachrichten immer gestärkt. Bildet doch mehr das Positive ab, und verzichtet immer über Brandmauern und Abgrenzung zu berichten. Mehr Werbung für die AFD als jetzt kann man garnicht machen. Hätte man sie einfach mitlaufen lassen und politisch vorgeführt, dann hätte sie mit Sicherheit nicht den Zulauf gefunden.