Fußball über alles: Kloppnation Deutschland
Im Rummel um den neuen Bundestrainer Jürgen Klopp geht alles andere unter – auch der Sport.
I n Deutschland regiert der Sport. Da können Faschisten über den Sieg an den Wahlurnen ein Land erobern, da mag die Bundesregierung unter der Last eines überforderten Bundeskanzlers taumeln und die Welt angeheizt von Klimawandel und Kriegen brennen – wenn der Trainer der Fußballnationalmannschaft auch nur eine Pressekonferenz ankündigt, gibt es nur noch ein großes Thema: Jürgen Klopp.
Schon gut eine Woche bevor die DFB-Auswahl unter Deutschlands Fußball-Messias ihr erstes Spiel bestreiten wird, wurden die ersten Nominierungen publik. Dass Deniz Undav, Deutschlands wohl beliebtester WM-Versager, nicht zu den zwei Teams gehören wird, die Klopp für die anstehenden vier Spiele in der europäischen Nations League berufen hat, wurde schon heftig diskutiert, da hatte Jürgen Klopp sich noch lange nicht hinter die Mikrofone am DFB-Campus in Frankfurt am Main gesetzt.
Die Kraft des Sports, alle anderen Themen mit irgendwelchen Nichtigkeiten zu überdecken, ist selten so sichtbar geworden wie in dieser Woche der Nominierung von Klopps erstem Nationalmannschaftskader. Da könnte man glatt auf die Idee kommen, Deutschland sei eine wahre Sportnation. Beim Schärfen des Blicks auf die Sportwahrnehmung im Land wird indes schnell klar, dass davon wahrlich nicht die Rede sein kann. Nur drei Tage nach dem Nations-League-Auftakt der Deutschen gegen die Niederlande in Amsterdam entscheidet der Deutsche Olympische Sportbund darüber, mit welchem Ort sich Deutschland für die Austragung von Olympischen Sommerspielen 2036, 2040 oder 2044 bewerben wird. Doch darüber spricht kaum jemand. Deutschland mag eine Fußballnation sein, eine Sportnation sind die Deutschen gewiss nicht.
Auch wenn Landes- und Bundespolitiker sowie Spitzenfunktionäre des deutschen Sports nicht müde werden, zu betonen, dass es doch endlich wieder einmal Zeit sei, das größte Sportfest der Menschheit nach Deutschland zu holen, ist eine deutsche Bewerbung dafür ein Nischenthema im öffentlichen Diskurs. Dabei gäbe es spannende Fragen rund um die Ringe zu diskutieren. Fragen, die weit darüber hinausgehen, welche der drei Bewerbungen nun die chancenreichste beim Internationalen Olympischen Komitee ist: die aus München, die aus Berlin oder jene aus Nordrhein-Westfalen mit Köln als Aushängeschild.
Jede Menge Streitthemen
Man könnte sich etwa über den Sinn des Olympismus streiten, zu dessen Wesensmerkmal die quasireligiöse Verehrung von sportlicher Leistung gehört. Darüber, wie ein derartiges Megaevent so gestaltet werden könnte, dass es nicht mehr ganz so leicht für nationalistische Propaganda instrumentalisiert werden kann.
Auch eine ganz grundsätzliche Debatte darüber könnte man führen, ob Sommerspiele in Zeiten der Klimakatastrophe immer noch nach den gleichen Mustern geplant werden sollten wie in den vergangenen Jahrzehnten. Und im Kleinen täte eine Auseinandersetzung darüber ganz gut, wie sinnvoll es war, in Zeiten meist leerer kommunaler Kassen mehrere Städte ins teure Rennen um den Titel einer Bewerberstadt zu schicken. Über Kosten der Spiele und die Macht des IOC kann man eh gar nicht genug reden.
Stattdessen erfahren wir, dass Pep Lijnders, der niederländische Co-Trainer von Jürgen Klopp, eine Woche ins Kloster gegangen ist, um sich auf seine neue Aufgabe beim DFB vorzubereiten. Und während die ganze Nation nun den Namen von Felix Keidel kennt, dem Neuberufenen aus dem Bundesligadorf Elversberg, dürften viele nicht wissen, wer Thomas Weikert ist. Thomas Weikert? Kleiner Tipp: Er ist der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes.
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