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Sturzflut im Himalaja Propaganda statt Aufklärung

Fabian Kretschmer

Kommentar von

Fabian Kretschmer

Auf nepalesischer Seite können Medienschaffende frei berichten. Das chinesisch kontrollierte Tibet hingegen bleibt eine Blackbox.

D ie Aufnahmen der apokalyptischen Sturzflut im nepalesisch-chinesischen Grenzgebiet haben sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt. Weltweit liefen die horrenden Videos in den Abendnachrichten, wurden auf den sozialen Medien geteilt und mit großer Anteilnahme kommentiert. Nur in China wurden die Szenen nahezu vollständig zensiert. Stattdessen verbreiteten die Staatsmedien ausschließlich Bilder der „heroischen“ Bergungsarbeiten.

Bei dem Unglück handelt es sich nicht nur um eine Naturkatastrophe, sondern auch eine politische Tragödie. Sie hat erneut schonungslos offengelegt, wie intransparent die Autoritäten der Volksrepublik China selbst beim Umgang mit einer Sturzflut agieren. Der Kontrast könnte kaum drastischer ausfallen: Auf der nepalesischen Seite sind längst dutzende Korrespondenten ins Krisengebiet gereist, von wo aus sie mithilfe von Ortskräften die Rettungsarbeiten kritisch beobachten.

Zudem werden sie mehrfach täglich von den Behörden auf dem Laufenden gehalten. Sie können Polizeistationen und Ministerien anrufen, Anwohner interviewen und ohne Einschränkungen filmen. Doch aus dem chinesisch kontrollierten Tibet? Da tönt nur die Propaganda der Parteiführung. Ausländischen Journalisten ist es grundsätzlich untersagt, auf eigene Faust in das Gebiet zu reisen. Und die lokalen Medien unterliegen strengen Auflagen durch die Zensur.

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„Newsfluencer“ oder kleinere Online-Medien dürfen, wie üblich bei Naturkatastrophen in China, nicht frei berichten, sondern müssen sich an die offiziellen Aussendungen der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua halten. Die Kommentarfunktion auf den sozialen Medien ist bei diesem „sensiblen“ Thema zudem ausgeschaltet oder streng überwacht – kritische Rückmeldungen werden sofort gelöscht.

Widersprüchliche Zahlen

Hinzu kommt eine spezielle Anordnung: Im Eingangssatz der chinesischen Nachrichten wird stets darauf hingewiesen, dass die Sturzflut auf der nepalesischen Seite der Grenze ausgebrochen ist – und nicht auf der chinesischen Seite. Das ist natürlich kein Zufall, sondern basiert auf einer Direktive der Behörden.

Wenn aber der Informationsfluss derart kontrolliert wird, hat dies weitreichende Folgen. Die Außenwelt ist ausschließlich darauf angewiesen, dass die Behörden vertrauenswürdig agieren. Doch haben Chinas Lokalregierungen bei vergangenen Katastrophen nicht nur immer wieder Informationen unter Verschluss gehalten; etwa beim Ausbruch der Coronapandemie in Wuhan. Auch bei der aktuellen Sturzflut bleiben viele offene Fragen.

Allein die offiziellen Zahlen sind merkwürdig: Auf nepalesischem Boden sind bis Stand Sonntagmittag (Ortszeit) 734 Menschen gestorben, weitere knapp 2.500 Personen werden vermisst, darunter 589 ausländische Staatsbürger. Laut chinesischen Zahlen sind in Tibet bislang nur 16 Tote registriert und weitere 546 Vermisste. Konkrete Informationen zum Anteil an ausländischen Staatsbürgern haben die chinesischen Behörden erst am Sonntag herausgegeben, vier Tage nach dem Unglück.

Und warum der relative Anteil an Toten und Vermissten in China so radikal geringer ist als in Nepal, dafür gibt es kaum eine plausible Erklärung. Das bedeutet nicht, dass Chinas Autoritäten in diesem konkreten Fall Informationen manipulieren. Doch überprüfen lässt sich ihre Arbeit nicht.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Fabian Kretschmer

Fabian Kretschmer Korrespondent in Südkorea

Seit 2024 Korrespondent für die koreanische Halbinsel und China mit Sitz in Seoul. Berichtete zuvor fünf Jahre lang von Peking aus. Seit 2014 als freier Journalist in Ostasien tätig. 2015 folgte die erste Buchveröffentlichung "So etwas wie Glück" (erschienen im Rowohlt Verlag), das die Fluchtgeschichte der Nordkoreanerin Choi Yeong Ok nacherzählt. Betreibt nebenbei den Podcast "Beijing Briefing". Geboren in Berlin, Studium in Wien, Shanghai und Seoul.
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