Colonia Dignidad: „Sprecht endlich und packt aus!“
Eine Schlüsselfigur des ehemaligen Sektendorfs Colonia Dignidad lebt heute in Krefeld. Angehörige von Opfern haben dort für Aufklärung demonstriert.
Foto: Ute Löhning
„Justicia, verdad, no a la impunidad“ – „Gerechtigkeit, Wahrheit, Nein zur Straflosigkeit“ – rufen Teilnehmende der Kundgebung, die sich am Samstag im Krefelder Stadtteil Oppum versammelt haben. Es ist der internationale Tag gegen das Verschwindenlassen. Sie haben Fotos von verschwundenen politischen Gefangenen mitgebracht, das deutsch-chilenische Duo Contraviento spielt chilenische Lieder, viele singen mit.
Die Kundgebung findet vor einem Mehrfamilienhaus statt, in dem Hartmut Hopp wohnt. Hopp war der Arzt und Leiter des Krankenhauses der Colonia Dignidad, jener 1961 in Chile gegründeten deutschen Sektensiedlung, in der sexualisierte Gewalt und Zwangsarbeit zum Alltag vieler Bewohner:innen gehörten. Während der Diktatur (1973–1990) kooperierte die Sektenführung rund um den deutschen Laienprediger Paul Schäfer eng mit dem chilenischen Geheimdienst DINA, der politische Gefangene in das abgelegene Gelände am Fuß der Anden verschleppte, folterte, rund hundert von ihnen ermordete und verschwinden ließ.
Hopp galt als Verbindungsmann zur DINA. Er verfüge über Schlüsselinformationen für die Aufklärung des Verbleibs der Verschwundenen, sagt Bianca Schmolze, Menschenrechtsreferentin der Medizinischen Flüchtlingshilfe Bochum. „Sprecht endlich und packt aus über das, was ihr wisst über politische Gefangene, Verschwundene, Ermordete“, fordert sie und richtet sich damit an Hopp und andere frühere Führungspersonen der Colonia Dignidad, die heute in Deutschland leben.
Doch Hartmut Hopp will nicht sprechen, er will sein Wissen nicht teilen und nicht zur Aufklärung beitragen. Er ist zu Hause, lehnt der taz gegenüber jedoch zum wiederholten Male ein Interview ab. In Chile ist er rechtskräftig zu fünf Jahren Haft wegen Beihilfe zu sexuellem Missbrauch und Vergewaltigung Minderjähriger verurteilt. Dieser Strafe und weiterer Ermittlungen entzog er sich durch Ausreise nach Deutschland.
In Chile verurteilt, in Deutschland unbehelligt
Seit 2011 lebt er unbehelligt in Krefeld, unweit der „Freien Volksmission Krefeld“, einer evangelikalen Gemeinde, der viele frühere Bewohner:innen der Colonia Dignidad heute anhängen.
Einen Antrag auf Vollstreckung von Hopps chilenischer Strafe in Deutschland lehnte das OLG Düsseldorf 2018 mit juristisch umstrittenen Argumenten ab, eigenständige Ermittlungen der deutschen Justiz wurden daraufhin ebenso eingestellt. „Die Justiz in Nordrhein-Westfalen hat bei der Aufklärung dieser schwersten Verbrechen versagt“, sagt der Politologe Jan Stehle. „Über ein Dutzend strafrechtliche Ermittlungsverfahren wurden zwischen 1961 und 2019 geführt. Alle wurden eingestellt wegen vermeintlich fehlenden hinreichenden Tatverdachts.“
Die Verbrechen der Colonia Dignidad blieben vor der deutschen Justiz straflos, obwohl deutsche Behörden von sexualisierter Gewalt, Zwangsarbeit, Folter und Mord in der deutschen Siedlung wussten, kritisiert Stehle.
„Es muss Gerechtigkeit geben“, fordert auch die Chilenin Myriam Silva Pérez, deren Mann, der Maler und Aktivist Hugo Riveros, 1981 in Santiago de Chile vom Geheimdienst verschleppt und kurz darauf tot aufgefunden wurde. Die deutsche Botschaft in Chile hatte es Tage zuvor abgelehnt, Hugo Riveros auf ihrem Gelände Schutz zu bieten. Myriam Silva Pérez lebt seit langem in Köln und ist zur „Funa“ nach Krefeld gekommen, einer chilenischen Aktionsform, mit der Menschenrechtsaktivist:innen an den Wohnort von Folterern gehen und die Nachbarschaft auf Taten hinweisen, die vor der Justiz straflos geblieben sind.
Unterstützung aus dem Bundestag
Doch in Krefeld-Oppum ist Hartmut Hopp und auch die Colonia Dignidad vielen Nachbar:innen kaum bekannt. Am Rande der Kundgebung stecken Aktivist:innen Flugblätter in die Briefkästen der umliegenden Häuser. Ein Anwohner begrüßt sie: „Es ist gut, dass darauf aufmerksam gemacht wird, dass hier ein Straftäter wohnt, dessen Taten die deutsche Justiz nicht weiter verfolgt.“ Wer die Menschenrechte mit Füßen trete, müsse seine Strafe verbüßen.
Die Bundestagsabgeordneten David Schliesing (Linke) und Max Lucks (Grüne) senden Grußbotschaften. Beide sind Mitglieder der Gemeinsamen Kommission von Abgeordneten und Bundesregierung zur Colonia Dignidad. Schliesing erklärt, der Einsatz für die Errichtung einer Gedenkstätte habe „oberste Priorität“.
In der Siedlung, die sich inzwischen Villa Baviera nennt, gibt es bis heute keine Gedenkstätte, stattdessen prägt ein Hotel-Restaurantbetrieb im bayerischen Stil die öffentliche Wahrnehmung der Besucher:innen. Im März hatte die extrem rechte Regierung von José Antonio Kast Pläne zur Enteignung von Teilen des Geländes zwecks Einrichtung einer Gedenkstätte gestoppt.
Nach der Kundgebung statten die Aktivist:innen der Staatsanwaltschaft Krefeld einen spontanen Besuch ab. Mit einem Transparent fordern sie ein Ende der Straflosigkeit und erklären, dass sie werden wiederkommen werden: „Solange die Verantwortlichen für Verbrechen der Colonia Dignidad straffrei sind, wird es ‚Funa‘ geben.“
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