Frauenrechte rot-weiß-rot: Kämpfen lernen
Der Wiener Verein „Nachbarinnen“ fördert isolierte Migrantinnen. Er zeigt, wie Österreich funktioniert und wie Frauen ihre Rechte durchsetzen können.
Foto: Johannes Meran
Es ist gar nicht so einfach, mit Aziza einen Termin für ein Gespräch zu finden, das kann schon mal einen Monat dauern. Denn die gebürtige Afghanin hat viel zu tun – sie arbeitet Vollzeit, besucht nebenher Kurse und Konzerte, hat zwei Kinder daheim und einen Ehemann, der auch eine Anstellung hat.
Die Familie lebt seit sechs Jahren in Wien, 5. Bezirk Margareten, eine Wohnung mit 90 Quadratmetern, 1.100 Euro Miete. Nach langer Zeit der fast vollständigen Isolation sagt die 40-Jährige nun: „Ich fühle mich jetzt wie eine Erwachsene.“
In den Räumen des Wiener Vereins „Nachbarinnen“ sitzt Aziza am Besprechungstisch, schaut interessiert, erzählt lebhaft, springt manchmal von einer Zeit in eine andere und wieder zurück. Sie spricht über sich, die Flucht, Gewalt, die Kinder, den Ehemann, über Österreich. Sie trägt ein dunkelgrünes Kopftuch, neben ihr Elham Agoosh, die übersetzt und erklärt.
Agoosh arbeitet als Sozialassistentin bei „Nachbarinnen“ und meint: „Ich kenne das alles ganz genau, was sie sagt, ich hatte zuerst auch viel Angst hier, kam nicht raus, war isoliert.“ 2008 war sie mit ihrer Familie aus dem Iran nach Wien gekommen. Die beiden Frauen unterhalten sich auf Farsi, das in Teilen Afghanistans und im Iran gesprochen wird.
Positiv-Motivation für Frauen
„Nachbarinnen“ erscheint als ein sehr spannendes Integrationsprojekt. Frauen mit Migrationshintergrund und entsprechenden Sprachfähigkeiten nehmen andere geflüchtete Frauen an die Hand und zeigen ihnen – ja, wie Wien und Österreich funktionieren. Es geht dabei eigentlich um alles: Alltagspraktisches, Frauenrechte, typische Familienkonflikte, um Geld oder die Frage: Wie bewerbe ich mich für eine Stelle?
„Wir machen Positiv-Motivation, stärken die Frauen“, sagt Christine Scholten. 2013 hatte die Kardiologin „Nachbarinnen“ gegründet. Da hatte sie in ihrer Praxis immer wieder mit migrantischen Patientinnen zu tun, die ihr unglücklich erschienen. Die ihr Potenzial nicht nutzen konnten, aber an die sie nicht herankam. Heute erinnert sich die 63-Jährige: „Ich hatte genug verdient.“ Sie hörte als Ärztin auf und widmete sich dem Verein.
Dieser ist zu einer Art mittelständischem Unternehmen gewachsen. Scholten schuf den Ausbildungsberuf der Sozialassistentin, bildet migrantische Frauen darin aus und stellt sie ein. Elf Assistentinnen sind derzeit beschäftigt mit Tarifbindung, es gibt eine Leiterin Soziales, eine Leiterin Finanzen sowie eine Auszubildende als Bürokauffrau.
Ein Programm für eine Frau und deren Familie sieht etwa so aus: Sie treffen sich etwa zwei Stunden in der Woche mit der Sozialassistentin. Das kann drei Monate dauern oder auch ein Jahr. „Beendet ist es dann“, sagt Christine Scholten, „wenn man den Eindruck hat, dass die Frau Selbstständigkeit erreicht hat.“ Scholten wünscht sich „Frauen, die selbstbewusst und aufrecht durch diese Stadt gehen“. Aufgenommen werden nur Frauen und Familien mit gesichertem Aufenthaltsstatus.
„Ich habe ihm verziehen“
Aziza aus Afghanistan hat eigentlich einen anderen Namen. Sie erzählt sehr offen über sich und ihren Werdegang. Dass sie bei ihrer Geburt mit dem Cousin verlobt wurde, dass sie mit dem Nachbarsjungen durchgebrannt ist, ihrem heutigen Mann. Dass er sie mehrfach geschlagen hat, in Griechenland erlitt sie dadurch eine schwere Kopfverletzung. „Aber er hat sich entschuldigt, und ich habe ihm verziehen.“ Wie ohnmächtig sie in Wien war und sich etwa nicht um die Entwicklung der Kinder kümmern konnte.
Nur zwei Jahre lang war Aziza in der Schule, sie gilt als Analphabetin, auch ihr Deutsch ist noch schlecht. Sozialassistentin Elham Agoosh spricht mit ihr, macht Familienkonferenzen. Es geht um Vereinbarungen. Die Frau schreibt jeden Tag fünf deutsche Wörter auf. Der Mann geht mit dem Sohn auf den Fußballplatz. Das Gespräch mit Lehrerinnen und Lehrern wird gesucht. Sie wollte ein eigenes Konto, der Mann war dagegen, sie hat sich durchgesetzt. Agoosh meint: „Sie soll sich mit ihrem Mann auf Augenhöhe auseinandersetzen, sie soll kämpfen.“
Die Männer sind manchmal, das klingt immer wieder durch, Teil des Problems und nicht der Lösung. „Manche Frauen bekommen nur ein kleines Taschengeld vom Mann“, erzählt Christine Scholten, „manchmal ist es auch richtig gefährlich zu Hause.“
Bei Gewalt drücken die „Nachbarinnen“ kein Auge zu. „Den Frauen wird vermittelt, dass sie bei Gewalt sofort die Polizei rufen. Erscheint ein Zusammenleben nicht möglich, dann wird die Frau mit den Kindern ins Frauenhaus gebracht.“
Zu 70 Prozent von der öffentlichen Hand finanziert
Scholten ist aber wichtig: „Wir sind nicht spaltend. Vieles hängt davon ab, wie veränderungsbereit die Männer sind.“ Einige seien in traditionellen Strukturen verhaftet, haben patriarchale Rollenbilder im Kopf. „Sie sind aber nicht besonders aggressiv oder bösartig.“ Im positiven Fall begreifen die Männer: „Wenn sie umdenken, haben sie eine fröhlichere Frau im Haus.“
Aziza erzählt, dass der mittlere Sohn eine Freundin hat, diese aber wegen des Vaters nur heimlich trifft. Im Herbst beginnt er eine Ausbildung als Mechaniker. Die Tochter ist gerade nicht mehr da, es gab Probleme mit dem Vater, nun lebt sie irgendwo in Süddeutschland. Aziza sagt zu sich und auch zu ihrem Mann: „Unsere Tochter soll mit Liebe leben.“ Sozialassistentin Elham schätzt es so ein: „Sie wollte unabhängig werden, alle Probleme sind kleiner geworden.“
Der Verein „Nachbarinnen“ hat ein Jahresbudget von 1,4 Millionen Euro. 350 bis 400 Frauen kommen jährlich in das Programm, seit Gründung wurden 4.600 Familien betreut. Laut eigener Berechnung entlastet eine Teilnahme an dem Projekt die Sozialkassen um 3.000 Euro, weil der Weg in Arbeit erleichtert wird. Zu 70 Prozent wird „Nachbarinnen“ von der öffentlichen Hand finanziert – Arbeitsamt, Stadt Wien, Sozialministerium. Der Rest ergibt sich aus kleinen oder auch größeren Spenden, die vor allem Christine Scholten akquiriert.
Aziza hatte einen Minijob als Küchenhilfe in einem Restaurant in Melk, 75 Kilometer von Wien entfernt. Mit dem Zug braucht sie dafür eine Stunde. Nun arbeitet sie dort in Vollzeit. „Ich bin jetzt gut bekannt mit den Arbeitskolleginnen, dem Chef und der Chefin.“ Zeit nimmt sie sich aber auch für Konzerte: „Musik ist gut für meine Seele.“
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