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Otto-Begräbnis im Magdeburger Dom Denn er war unser!

Kommentar von

Nikolaus Bernau

Keine kleine Aufgabe, den den Großen genannten Kaiser Otto wieder in den neuen Sarg zu kriegen! Geglückt aber ist es. Muss er uns interessieren?

N un liegt er wieder in seinem reparierten Sarkophag unter der schweren Marmorplatte in der Krypta des Magdeburger Doms, in einem neuen, für die in 1053 Jahren verbliebenen Knochen und den Schädel ausreichenden neuen Sarg aus Titan, Feinsilber, Feingold und Blattgold, gestaltet von der Hallenser Schmuckkünstlerin Silke Trekel: Otto I., seit dem Mittelalter als „der Große“ gefeiert.

Also jener zweitgeborene Sohn des sächsischen Herzogs und ostfränkischen Königs Heinrich I. „dem Vogler“ und der Fürstin Mathilde, der am 23. November 912 geboren wurde und 936 die Nachfolge seines Vaters als Herzog und König antrat.

Bundeskulturstaatsminister Weimer ist zum Festvortrag geladen über die gesellschaftliche Bedeutung der Erinnerung. Noch-Ministerpräsident Sven Schulze kann sich als Stimme seines aus der einst brandenburgischen Altmark, dem Land Anhalt und der einstigen preußischen Provinz Sachsen zusammengefügten widerspenstigen Landes inszenieren, Simone Borris als Oberbürgermeisterin von Magdeburg Ottos lokale Relevanz hervorheben und Landesarchivar Harald Meller wieder einmal versuchen, den vom Stadtmarketing touristisch und von der AfD politisch angeheizten Otto-Hype rational einzudämmen.

Keine kleine Aufgabe. Denn Otto I. überragte nicht nur physisch mit etwa 180 Zentimetern seine Zeitgenossen. In andauernden Kriegen mit seinen Verwandten und dem Hohen Adel der Franken, Sachsen, Hessen und Baiern, norditalienischen, slawischen und friesischen Herrschern gelang es Otto I., das Königtum zu stabilisieren, die Macht zu zentralisieren.

Von wegen „Leichenschändung“

Der Sieg über die gefürchteten ungarischen Heere in der Schlacht auf dem Lechfeld bei Augsburg 955 galt als göttliches Wunder. Sieben Jahre später krönte ihn Papst Johannes XII. zum Römischen Kaiser.

Rom! Das westliche Ideal eines stabilen, gerechten Staats wurde von Otto I. als Maxime übernommen. Mehr reale und symbolische Macht war für eine sterbliche Person im frühen Mittelalter nicht zu erringen. Als er 973 im vergleichsweise hohen Alter von 61 Jahren starb, ging eine Ära zu Ende.

Das sind die nüchternen Daten. Die in Sachsen-Anhalt teilweise als rechtsextrem eingestufte AFD hat nun ihre Wissenschafts- und Kirchenfeindschaft neuerlich unter Beweis gestellt. Sie behauptete, das Herausnehmen der Knochen Ottos aus dem Sarg, ihre Untersuchung durch Anatomen, Archäologen, Genetiker und andere Wissenschaftler sei „Leichenschändung“.

Meller dagegen betont: Selbst für die katholische wie die evangelische Kirche sind Leichenreste, wenn sie denn einmal ausgesegnet wurden, nur noch Materie, allenfalls ein manchmal wichtiger Erinnerungsanker für diejenigen, die dessen bedürfen.

Deswegen dürfen inzwischen sogar heiligste Körperreliquien naturwissenschaftlich untersucht werden. Aber die AfD knüpft nicht nur an die Ehrfurcht vor den Totentraditionen, sondern auch an den Otto-Kult des 19. Jahrhunderts an: Nationalistische Historiker inszenierten ihn als ersten „deutschen“ König.

Was blanker Unsinn ist: Otto hätte mutmaßlich nicht einmal verstanden, was gemeint sein könnte. Denn „deutsch“ war im 10. Jahrhundert nur die abwertende Bezeichnung für die vielen germanischen Volkssprachen zwischen Ostsee und Alpen, grenzte sie ab von Kultursprachen wie Lateinisch, Griechisch, sogar Hebräisch und Arabisch, selbst Fränkisch, das sich seit Karl dem Großen zur Schriftsprache entwickelt hatte.

Otto I. war also vieles, aber sicher kein Deutscher. Und noch einen zweiten Grund gab es im Kaiserreich, sich des Vornamens Otto zu bedienen: Er galt im von Otto von Bismarck zusammengezwungenen Kaiserreich als nationalkonservatives Statement gegen den deutschen Partikularismus. Die folgenden Generationen, traumatisiert vom Untergang des Bismarck-Reichs, vermieden zwar dann den Namen, um nur nicht in den Geruch des Nationalismus oder Großdeutschtums zu kommen. Seit einigen Jahren liegt Otto in den deutschen Namensgebungscharts aber wieder zwischen etwa Platz 150 und 300.

Otto gilt jetzt nämlich als modern, knapp, dynamisch, international und weltoffen – in Schweden nahm Otto zeitweilig sogar Platz eins ein, auch in den USA ist er hoch beliebt. Es ist also kurzsichtig, wenn sich als aufgeklärt Betrachtende wie gewohnt mokieren über Reliquienkulte und die nationalistische Vereinnahmung, statt Otto als den ihren zu beanspruchen, als – im Rahmen seiner Zeit – Fechter für ein einiges Europa, stabile Staatsordnungen, sogar den Rechtsstaat und gute Beziehungen zum Islam. Wäre jedenfalls einen Versuch wert, der AFD das Thema zu entwinden und wieder zu rationalisieren.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

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5 Kommentare

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  • Janix

    Otto Waalkes als Protagonist der Neue-Frankfurter-Schule-Texte, das wäre jetzt etwas anderes. Und auch der wäre eher Friese und nicht so sehr Teutscher.



    Geschichte kennen und nicht notzüchtigen.

  • Klaus Franz

    Wer ist schon Otto der Burgenbauer im Vergleich zu Otto Czerny-Hohenburg, dem Kaiser der Herzen.

  • Frauke Z

    Dass das, was heute die deutschsprachigen Länder sind, zusammengefunden hat und nicht in die alten Stämme wie Bayern, Sachsen und Franken zerfallen ist, schreiben weiterhin viele Historiker Otto zu. Was nicht heißt, dass das seine Absicht oder gar ein wichtiges Ziel war - allerdings hat es ihm und seiner Dynastie durchaus geholfen.



    Die Schlacht auf dem Lechfeld ferner hat tatsächlich einen bleibenden Einfluss auf die europäische Geschichte gehabt - insbesondere darauf, dass ein christliches Abendland überhaupt in einigermaßen geschlossenen Grenzen konsolidieren konnte.



    Es besteht oft die Gefahr, die Bedeutung von Einzelpersonen in der Geschichte überzubewerten. Bei Otto kann man sich ruhig ein wenig aus dem Fenster lehnen.

  • Syltfreund

    Kann man nicht historische Erkenntnisse beschreiben und die afd einfach außen vor lassen?

  • Thutmerwe

    " ...Stimme seines aus der einst brandenburgischen Altmark, dem Land Anhalt und der einstigen preußischen Provinz Sachsen zusammengefügten widerspenstigen Landes..."

    Da hat sich der Autor wohl ein wenig vom Landeswappen irritieren lassen.



    Richtiger wäre wohl "... aus dem Land Anhalt und Teilen der preußischen Provinz Sachsen zusammengefügt, letztere aus Teilen der Altmark, des Herzogtums Magdeburg und Teilen der 1815 vom Königreich Sachsen annektierten Gebiete gebildet."



    Diese Aufzählung macht vielleicht schon deutlich, warum es in S.-A. im Gegensatz zu den anderen ostdeutschen Bundesländern bis heute keine wirkliche Identität gibt. Ob damit auch die seit 1990 wie nirgends sonst im Osten immer wieder hin und her wogende Wählerwanderung zu erklären ist, wäre mal eine Untersuchung wert.