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Grüne Wahlkampfhilfe in Sachsen-AnhaltExorzismus mit Özdemir

Der zweite grüne Ministerpräsident dieser Republik besucht den kleinsten grünen Landesverband der Republik. Was erlebt Cem Özdemir in Wernigerode?

Benno Stieber

Aus Wernigerode

Benno Stieber

„Wirtschaft, Wirtschaft, Wirtschaft“, Cem Özdemir liest ein FDP-Wahlplakat vor, das am Autofenster vorbeisaust. „Das kommt mir aber sehr bekannt vor“, brummt er und schiebt zufrieden die Unterlippe nach vorne. Das war doch sein Refrain in den Wahlkampfreden vor einem halben Jahr in Baden-Württemberg. „Und das sieht aus wie unser Plakat mit Kretschmann.“ Er deutet an einer Kreuzung aus dem Fenster. Auf dem CDU-Plakat zeigt der Altministerpräsident Rainer Haseloff auf seinen weit weniger bekannten Nachfolger Sven Schulze und empfiehlt ihn zur Wahl. Vergnügt beißt Özdemir in seine vegetarisch belegte Semmel.

Schön, wenn sie alle hier von ihm lernen. Ihm, der im Frühjahr von aussichtsloser Position die Aufholjagd gegen die CDU in Baden-Württemberg aufgenommen und noch knapp gewonnen hat. In einem Wahlkampf, in dem es endlich mal nicht um die AfD ging. Jetzt quetscht er sich schon wieder mit einem kleinen Team und seiner Frau Flavia Zaka in einen Wahlkampf-Van. Jetzt also Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern, eine ganze Woche lang. Aber hier geht es für die Grünen nicht ums Regieren, sondern darum, überhaupt noch im Parlament zu sein. Vor allem aber geht es für das ganze Land darum, die erste AfD-Landesregierung zu verhindern. „Ich möchte nicht ab Herbst mit Leuten von der AfD im Bundesrat sitzen“, sagt Özdemir. Um das verhindern zu helfen, verkürzt man schon mal seinen Sommerurlaub, findet auch seine Frau.

Da kommt also der zweite grüne Ministerpräsident der Welt zum kleinsten grünen Landesverband mit gerade mal 1.700 Mitgliedern: Verteilt hier mal wieder ein Besser-Wessi milde Gaben an die arme Verwandtschaft im Osten? „Nein, überhaupt nicht“, sagt die Grüne Spitzenkandidatin Suse Sziborra-Seidlitz, die mit wehendem Leopardenkleid zur Brocken-Dampfbahn eilt, die doch gleich mit ihr und den Özdemirs abfahren soll. Alle Hilfe ist nützlich, findet Sziborra-Seidlitz. Sogar die Debatte um ein AfD-Verbot, die Özdemir am Wochenende zusammen mit Boris Pistorius in der FAZ neu entfacht hat. „Bisher ist ja aus dem amtlichen Label gesichert rechtsextrem ja nichts gefolgt. Dann nimmt das auf Dauer auch keiner ernst.“

Die Brockenbahn und die Waldbrände

Die Lok dampft, der Schaffner pfeift, die Özdemirs und Suse Sziborra-Seidlitz falten sich auf die engen Holzbänke. Die nächsten eineinhalb Stunden, während die Eisenbahn auf den Gipfel schnauft, wird er viele Details über die Probleme der Harzer Schmalspurbahn erfahren und über die Diskussion darüber, dass die von den Sachsen-Anhaltern so geliebte Dampfeisenbahn für die schlimmen Waldbrände in den vergangenen Jahren verantwortlich sein könnte. Auch erfährt er, dass der vielleicht deutscheste aller Berggipfel zu DDR-Zeiten nicht nur für Westdeutsche hinter Stacheldraht verschwand, sondern auch für die Ostdeutschen Sperrgebiet war. Weil Stasi und Moskau dort oben ihre Horchposten installiert hatten. Özdemir hört aufmerksam zu. Alles Material für seine spätere Wahlkampfrede.

„Jaja, die anderen waren auch schon da“, sagt die Pressesprecherin der Harzer Schmalspurbahn derweil. Eigentlich wollten sich die Verkehrsbetriebe der historischen Brockenbahn, die der Stolz der ganzen Region ist, aus dem Landtagswahlkampf heraushalten, ergänzt Sziborra-Seidlitz. Dann habe aber die AfD unter der Hand mit dem Spitzenkandidaten Siegmund ein ganzes Abteil gebucht. „Das ist heute so eine Art Exorzismus“, lacht die Spitzenkandidatin der Grünen. „Ich glaube auch für die HBV.“ Wie zur Bestätigung wartet die Geschäftsführerin der Verkehrsbetriebe an der nächsten Haltestelle und schüttelt Özdemir vor Fotografen die Hand.

Eigentlich ist der Brockenausflug nur das Ersatzprogramm für den West-Grünen. Özdemir und Sziborra-Seidlitz wollten eigentlich mittelständische Betriebe besuchen. Doch nachdem schon alles klar war, kam jedes Mal der Rückzieher: Aus Angst, Nachteile zu erleiden oder Kunden zu verprellen. Dabei ist Özdemir auch hier ein Sympathieträger. Auf dem Berggipfel muss er eine Menge Autogramme geben.

Es ist vielleicht das Gespenstische an dem Wahlkampf, wie man ihn hier erlebt, dass sich die andere Seite – nach Umfragen immerhin fast jeder Zweite in diesem Land – beim politischen Gegner, wenn er vor Ort anwesend ist, gar nicht zu erkennen gibt. Der Lokführer der Brockenbahn erzählt Özdemir viel über die teure Instandhaltung der Bahn. Als Journalisten ihn danach fragen, was er denn von den Grünen hält, flüchtet er sich ins Unpolitische. Dann sagt er, er werde für den Frieden stimmen. Heißt wohl: Bestimmt nicht für die Grünen, die die Ukraine im Krieg gegen den Aggressor Russland unterstützen.

Ein Nachmittag mit Erfolgsgeschichten

„Wir müssen erst wieder lernen, miteinander zu diskutieren“, sagt André Boks. Er ist SPD-Stadtrat in Wernigerode und hat auch ein Demokratiebündnis gegründet. Aber selbst der Begriff „Demokratie“ ist rechts der Mitte inzwischen als „links“ gelabelt. Deshalb hat er mit seinem Sohn am Tag vor Özdemirs Besuch als Privatperson ein Bürgerforum auf dem Wernigeroder Marktplatz organisiert. Es ist ein Nachmittag mit vielen Erfolgsgeschichten, auch mit Sorge, zum Beispiel vor der AfD, aber ohne direkte politische Botschaften. Bürger aus der Mitte der Gesellschaft kommen ins Gespräch und am Ende singt der ganze Marktplatz einen Kanon.

„Ein Gespräch setzt voraus, dass der andere recht haben könnte“, zitiert Cem Özdemir am Tag darauf an gleicher Stelle den Heidelberger Philosophen Hans-Georg Gadamer. Die Bühne ist diesmal grün dekoriert. Der Marktplatz von Wernigerode ist etwas voller als beim Bürgerforum, aber das Publikum ist auch homogener. „Das ist doch ein Hammersatz von Gadamer“, findet Özdemir. Auch er als Politiker, sagt er, scheiterte oft daran.

Der Süd-Wessi Özdemir macht sich bei seinem Auftritt gekonnt klein. Er wolle hier nicht wie ein anderer Ministerpräsident tolle Geschichten aus dem Westen erzählen. Nicht mal den berühmten „Schön hier, aber waren sie schon mal in Baden-Württemberg?“- Aufkleber könne er hier loswerden, schmeichelt er. Dazu sei die bunte Stadt im Harz einfach zu hübsch. Man müsse doch mal festhalten: Sachsen-Anhalt sei bei der Windkraft Baden-Württemberg weit voraus und auch von der Kinderbetreuung könne sein Land hier noch was lernen. Das kommt gut an.

Der Platz jubelt

Dann holt er das frisch erworbene Wissen vom Vormittag hervor. Özdemir erinnert daran, was mit der Wende von 1989 gelungen sei: Die einzige geglückte Revolution auf deutschem Boden jemals. Die Wernigeroder hätten sich doch damals sogar mit dem Brocken ein Stück Heimat zurückgeholt. „Das waren die Bürgerrechtler von Bündnis 90“, ruft Özdemir. „Die von der AfD haben dazu nichts beigetragen, die waren im Zweifel auf der anderen Seite.“ Der Platz jubelt.

Man merke einen Unterschied zur Bundestagswahl, sagt die Spitzenkandidatin Suse Sziborra-Seidlitz nach der Veranstaltung. Weniger zerstörte Wahlplakate, kaum Aggression an den Wahlständen. Der Hass auf die Grünen verlagert sich in die Anonymität des Netzes, wo sie gerade einen Shitstorm auszuhalten hat, wegen der Nazi-Vergangenheit ihres Ehemanns. Aber den überstehe sie jetzt auch noch, sagt Sziborra-Seidlitz tapfer. Am Rande der Veranstaltung wird gerade der randalierende Rechts-Streamer „Weichreite“ von der Polizei weggezerrt.

Nächster Tag, neues Bundesland, ähnliche Problemstellung. In Mecklenburg-Vorpommern stehen die Grünen bei nur 4 Prozent, sie sind in dieser Legislatur überhaupt das erste Mal im Landtag vertreten. Auch hier wird die Partei in Teilen der Bevölkerung vom Ölpreis bis zu Nachbars kranker Kuh für fast alles verantwortlich gemacht.

Auch in Wernigerode werden die Grünen in Teilen der Bevölkerung vom Ölpreis bis zu Nachbars kranker Kuh für fast alles verantwortlich gemacht

Regen und besoffene Nazis

Abends auf dem schmucken Marktplatz der Landeshauptstadt Schwerin soll es wieder eine große Kundgebung geben, „mit Brezeln, Pommes und viel guter Laune“, wie das Plakat verspricht. Aber erst kommt ein Platzregen, dann zwei betrunkene Neonazis, die die Parteimitglieder am Wahlkampf-Stand bedrängen. Die Polizei kommt dann auch. Wegen Wetter, und auch ein bisschen wegen der Nazis wird die Kundgebung in den Saal gegenüber verlegt.

Es ist ein wenig wie früher bei den Grünen. Es werden Boxen und Bierbänke rumgetragen, jeder packt an, der örtliche Landtagskandidat Sebastian Hüller moderiert und verteilt gleichzeitig hinterm Tresen kostenlose Getränke. Alle drängeln sich ein bisschen, alles wirkt improvisiert. Es ist ein Abend, an dem es weniger um die AfD geht und mehr um grüne Themen. Da kommt es wie gerufen, dass eine Frau aus dem Publikum fragt, wie man den Erfolg der Grünen in Baden-Württemberg im Osten wiederholen könne. Da holt Cem Özdemir tief Luft. Es kann jetzt etwas länger dauern.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

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