Selenskyj warnt vor Flügen über Russland: Wie die Ukraine ihre Drohnenangriffe ausweiten will
Der ukrainische Präsident Selenskyj deutet kommende Angriffe auf die zivile Luftfahrtinfrastruktur an. Reagieren ausländische Airlines darauf, trifft das Russlands Wirtschaft.
Foto: Evgeniy Maloletka/AP/dpa
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Die Ukraine setzt ihre Angriffe auf das russische Hinterland fort. Neben Ölraffinerien und Lagerhallen geraten dabei zunehmend auch Militärstützpunkte und Energieanlagen ins Visier. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat zudem Angriffe auf die zivile Luftfahrtinfrastruktur angedeutet. Doch wie wirksam ist diese Strategie und welche Ziele könnten als Nächstes folgen? „Meduza“ analysiert die Logik hinter den Angriffen.
Bisher hat die Ukraine vor allem Raffinerien, Treibstofftanks und Warenlager angegriffen. Sie sind leicht entflammbar, großflächig und nur schwer zu schützen. Bereits wenige Treffer können erhebliche Schäden verursachen.
Zugleich lassen sich solche Anlagen nur schwer ersetzen oder dauerhaft reparieren. Die Angriffe zerstören somit nicht nur teure Infrastruktur, sondern stören auch ganze Produktions- und Lieferketten. Dies kann Unternehmen, andere Wirtschaftszweige und den Staatshaushalt beeinträchtigen.
Das gilt vor allem für Ölraffinerien. Ukrainische Drohnenattacken lösten im August bereits die zweite Benzinkrise aus. Die saisonbedingt hohe Nachfrage (wegen Ferienzeit und Ernte) verschärfte die Engpässe zusätzlich. Ihr volles Ausmaß ist schwer abzuschätzen, die Auswirkungen auf die Stimmung in der Bevölkerung sind jedoch bereits jetzt deutlich spürbar.
Putin mal wieder am Drohen
Nun brachte Selenskyj die zivile Luftfahrtinfrastruktur ins Spiel und deutete Angriffe darauf an. Er erklärte, die Ukraine bedrohe nicht den zivilen Flugverkehr selbst, doch die Menge russischer Drohnenangriffe könnte dazu führen, dass sich der russische Luftraum „de facto schließt“. Putin bezeichnete diese Aussage als „Ankündigung von Staatsterrorismus“ und drohte mit einem Abbruch der Verhandlungen.
Die Erfahrung mit Angriffen auf die Luftfahrtinfrastruktur in anderen Ländern zeigt: Flughäfen sind keine leichten Ziele. So griff der Iran wiederholt Flughäfen in den Golfstaaten und im Nahen Osten an. Dadurch wurden weder Flughäfen noch der Luftraum dauerhaft lahmgelegt, es kam meist lediglich zu kurzen Unterbrechungen. Selbst nach direkten Drohnentreffern konnten die Flughäfen den Betrieb nach wenigen Tagen wieder aufnehmen.
Im Mai griff die Ukraine auch einen wichtigen Knotenpunkt der russischen Luftfahrtinfrastruktur in der Region Rostow an. Von dort aus koordinieren Fluglotsen den Luftverkehr über weite Teilen Südrusslands. Mehrere Flughäfen mussten daraufhin für einige Stunden schließen. Der Effekt war somit kaum größer als bei den regelmäßigen vorsorglichen Sperrungen während Drohnenangriffen. Für nachhaltige Störungen wären längerfristige Angriffe nötig.
Selenskyj setzt möglicherweise darauf, dass bereits die Drohung den Flugverkehr nach und über Russland einschränkt. Ob ausländische Airlines – vor allem chinesische, arabische und indische – darauf reagieren werden, ist jedoch unklar. Bislang profitieren sie erheblich vom russischen Luftraum, der ihren Konkurrenten aus der EU und den USA weitgehend verschlossen ist.
Moskau schützt die Energieinfrastruktur
Ein weiteres mögliches Ziel ist die Stromversorgung, von der sowohl der Alltag der Bevölkerung als auch weite Teile der Wirtschaft abhängen. Russland greift seit Jahren vor allem im Herbst und Winter gezielt ukrainische Kraftwerke und Stromnetze an.
Die bisherigen Angriffe zeigen, dass Drohnen Umspannwerke und Transformatoren vorübergehend außer Betrieb setzen können. Um jedoch größere Stromausfälle zu verursachen, müssten zahlreiche Anlagen gleichzeitig getroffen werden. Die Schäden lassen sich vergleichsweise schnell beheben, wenn Ersatzteile verfügbar sind.
Kraftwerke und Wärmeerzeugungsanlagen sind mit kleineren Drohnen nur schwer zu beschädigen, Raketen wären dafür deutlich effektiver. Russland bereitet sich offenbar bereits auf mögliche ukrainische Gegenangriffe vor. In Moskau werden Umspannwerke mit physischen Schutzkonstruktionen gegen Drohnen gesichert.
Für Angriffe auf militärische Ziele eignen sich die derzeitigen ukrainischen Drohnen noch weniger, weil ihre Sprengkraft begrenzt ist und sie mobile Ziele kaum bekämpfen können. Eine Ausnahme bilden Gebiete, die von der russischen Armee besetzt sind. Dort haben ukrainische Terminals Zugang zu Starlink.
Erfolgreiche Angriffe auf Glasfaserwerk
Doch einige Drohnenangriffe waren auch erfolgreich. So trafen sie in der Stadt Saransk Russlands einziges Werk zur Herstellung von Glasfasern. Wegen der Beschädigungen soll die Produktion mindestens bis 2027 ruhen. Das Material wird unter anderem für glasfasergesteuerte Drohnen benötigt, die eine wichtige Rolle in der russischen Kriegsführung an der Front spielen.
Laut Selenskyj will die Ukraine ihre täglichen Drohnenangriffe auf Ziele tief in Russland deutlich verstärken – von derzeit durchschnittlich 300 auf bis zu 1.000 Drohnen. Diese Steigerung um das Zwei- bis Dreifache würde der ukrainischen Armee mehr Spielraum bei der Auswahl ihrer Ziele geben und den Druck auf Russlands Wirtschaft und Gesellschaft erhöhen.
Eine solche Ausweitung wäre jedoch mit erheblichen finanziellen und organisatorischen Problemen verbunden, wie auch Kyjiw einräumt. Spielraum für Fehlentscheidungen gibt es kaum, denn die Produktion von Langstreckendrohnen bindet einen beträchtlichen Teil des ohnehin begrenzten ukrainischen Militärbudgets, das wiederum maßgeblich von westlicher Unterstützung abhängt.
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