Russland schließt Goethe-Institute: Keine Deutschprüfungen mehr in Moskau
Als Reaktion auf den versuchten Drohnenanschlag von Leipzig will Deutschland das Russische Haus in Berlin schließen. Nun reagiert Moskau mit Gegenmaßnahmen.
Foto: Pavel Bednyakov/ap/dpa
Seine Tage sind gezählt. Noch hält das deutsche Goethe-Institut in Russland die Stellung, aber nach der Entscheidung der Bundesregierung, dem Russischen Haus in Berlin den Vertrag aufzukündigen, ergreift die russische Regierung Gegenmaßnahmen. Selbstverständlich würden die Standorte des Goethe-Instituts in Russland geschlossen, verkündete der russische Außenminister Sergei Lawrow beim Östlichen Wirtschaftsforum, das noch bis Freitag in Wladiwostok tagt. Schon deshalb, um den Respekt vor sich selbst zu wahren, so Lawrow.
Es liegen handfeste Gründe vor, weshalb die deutsch-russischen Verhältnisse an einem neuen Tiefpunkt angelangt sind. Das Russische Haus steht schon lange im Verdacht, nicht allein die Funktion einer kulturellen Einrichtung auszuüben, sondern den russischen Geheimdiensten auch als Tarnung für subversive Umtriebe zu dienen. Ausschlaggebend für die jüngsten Verschlechterungen ist ein misslungener Anschlag auf dem Flughafen Leipzig/Halle, für den die Bundesregierung Russland in der Verantwortung sieht.
Mit dem Einmarsch im 24. Februar 2022 begann der groß angelegte russische Angriffskrieg auf die Ukraine. Bereits im März 2014 erfolgte die Annexion der Krim, kurz darauf entbrannte der Konflikt in den ostukrainischen Gebieten.
Als schnell und einfach umzusetzende Sanktionsmaßnahme soll zunächst das russische Generalkonsulat in Bonn zum 18. September geschlossen werden. Die Tätigkeiten des Goethe-Instituts in Russland und des von der staatlichen Agentur Rossotrudnitschestwo betriebenen Russischen Hauses beruhen auf einem zwischenstaatlichen Abkommen von 2011, das eine Kündigung erst zum Juni 2027 vorsieht.
Schon länger kaum noch kulturelle Präsenz in Russland
Was Deutschland durch die Beendigung der Arbeitsgrundlage für das seit über 40 Jahren existierende Russische Haus gewonnen hat, lässt sich nicht exakt benennen, die Verluste hingegen liegen auf der Hand. Das seit 1993 in Russland präsente Goethe-Institut, das Dependancen in Moskau, Sankt Petersburg und Nowosibirsk unterhält, sah sich aufgrund erheblicher Einschränkungen durch die russischen Behörden, allen voran Personalbeschränkungen, schon die vergangenen drei bis vier Jahre nicht mehr in der Lage, als breit aufgestellte kulturelle Institution Präsenz zu zeigen.
Festivals und Großausstellungen gehören zwar längst der Vergangenheit an, doch seine Rolle als Anlaufstelle für an deutscher Sprache und Kultur Interessierte sollte dennoch nicht unterschätzt werden. Gegenüber der FAZ nannte das Goethe-Institut die Zahl von jährlich 22.000 Sprachexamen, die in den Prüfungszentren abgelegt werden. Um diese Arbeit stemmen zu können, kooperiert das Institut mit Partnerorganisationen und stellt gleichzeitig sicher, dass vorgegebene Sprachstandards eingehalten werden.
Kein Sprachzertifikat mehr für Leonid?
Ende August fand Leonid in seinem Postfach eine E-Mail vom Goethe-Institut vor mit der Ankündigung, er könne seinen Deutschunterricht im September fortsetzen. Zwei Onlinekurse hatte der Moskauer in diesem Jahr bereits absolviert mit dem Ziel, ein in Deutschland anerkanntes Sprachzertifikat zu erwerben. Seine Sprachlehrerin war per Zoom aus Nowosibirsk zugeschaltet, die Kursteilnehmer:innen, überwiegend weiblich, aus ganz Russland.
Perspektivisch wird er sich nach einer Alternative umsehen müssen. An Sprachschulen mangelt es zwar nicht, doch sobald das Goethe-Institut gezwungen ist seine Tätigkeit einzustellen, stellt sich die Frage, ob es in Zukunft in Russland überhaupt noch eine Option geben wird, ein von deutschen Behörden und Bildungseinrichtungen anerkanntes Sprachexamen abzulegen.
Der British Council beispielsweise – das britische Pendant zum Goethe-Institut –, über den Sprachzertifikate für ein Studium oder den Beruf erworben werden können, ist in Russland seit 2025 sogar als sogenannte unerwünschte ausländische Organisation gelistet. Das bedeutet, dass selbst im Ausland die Teilnahme an einem der weltweit beliebtesten Sprachtests im Ausland eine potenzielle Straftat darstellt.
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
meistkommentiert