Hendrik Wüst auf Sommertour: Reservekanzler auf Mondmission
Hendrik Wüst gilt als möglicher Merz-Ersatz. Auf Sommertour zeigt sich der NRW-Ministerpräsident schon mal als Zukunftsmacher.
Foto: Henning Kaiser/dpa
Einige Astronauten graben im Staub. Andere versuchen, mit Greifzangen Gesteinsproben aufzuheben. Ihre weißen Anzüge leuchten im fahlen Sonnenlicht. Sie tragen helle Stirnlampen. Sonst ist es dunkel.
Im Mondsimulationszentrum „Luna“ am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) testet ein niederländisches Unternehmen gerade Raumanzüge, die es entwickelt hat. In der 700 Quadratmeter großen Halle ist eine künstliche Mondlandschaft möglichst realistisch nachgebildet. 900 Tonnen „Mondstaub“ liegen dort. Das Material stammt aus einem Steinbruch im Rhein-Sieg-Kreis. Man hat es so bearbeitet, dass es dem spitzen, scharfen Material auf dem Mond möglichst nahekommt.
Durch eine große Glasscheibe lässt sich das Geschehen in der Halle von oben beobachten. Dort zählt der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) an diesem Donnerstagmittag auf, was er über „Luna“ weiß. Das klingt ein bisschen streberhaft angesichts des Fachpersonals, das neben ihm steht: die zuständige DLR-Vorständin Anke Pagels-Kerp und in den blauen Overalls der ESA, der European Space Agency, die beiden Astronauten Alexander Gerst und Matthias Maurer. Gerst kann sich ein kleines Grinsen nicht verkneifen.
Wüst ist auf Sommertour im Rheinland. Zwei Tage lang steuert er mit einem Tross Journalist:innen die unterschiedlichsten Stationen an. Zwischen der Einschulungsfeier an einer Grundschule in Köln-Mülheim und einem Besuch des Aqua-Zoos in Düsseldorf stehen vor allem Orte auf dem Programm, an denen Nordrhein-Westfalen mit neuen Technologien glänzen kann.
Dort kann Wüst dann Sätze sagen wie: „Der Weg ins All führt schon heute über Nordrhein-Westfalen.“ Wie Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) das sieht, für den Raumfahrt bekanntlich eine ganz besondere Bedeutung hat, bleibt an diesem Mittag unerwähnt.
In NRW kann die CDU die AfD noch distanzieren
Sommerreisen von Ministerpräsidenten ziehen selten die überregionale Presse aus der Hauptstadt an. Bei Wüst ist das in diesem Jahr anders. Der 51-Jährige ist so etwas wie der Kanzler in Reserve. Immer wieder wird sein Name genannt, wenn es darum geht, wer den extrem unbeliebten Amtsinhaber Friedrich Merz ersetzen könnte.
Zu Beginn der Sommerpause schlugen die Wogen wieder hoch. Nach dem Rücktritt von Jens Spahn als Vorsitzender der Unionsfraktion verlief eine Regierungsumbildung alles andere als glücklich. „Merz kann es nicht“, war halboffen und überraschend deutlich aus der Union zu vernehmen. Manche Medien unkten bereits, es gehe nicht mehr darum, ob, sondern nur noch wann Merz abgelöst werde.
Wüst regiert in Düsseldorf recht geräuschlos mit den Grünen. In Umfragen liegt die CDU dort mit zuletzt 32 Prozent deutlich auf Platz eins und weit vor der AfD. Im Bund sieht es ganz anders aus. Dort liegt die extrem rechte Partei inzwischen vorn, und die CDU nähert sich der gefährlichen 20-Prozent-Grenze.
Wüst gilt als einer, der mit den Leuten kann, Nachweise dazu haben gerade Lokalzeitungen überliefert, die von seinem Besuch im Wahlkampf in Sachsen-Anhalt berichteten. Während Merz bei seinen zwei Besuchen den Kontakt mit der Bevölkerung mied, ist Wüst auch in unangenehme Gespräche gegangen. Eine Reise nach Polen im Mai wurde als Versuch gedeutet, sein außenpolitisches Profil zu schärfen; danach hatten neue Gerüchte über seine bundespolitischen Ambitionen die Runde gemacht.
Große Worte am großen Braunkohleloch
Allerdings lässt sich ein Kanzler nicht einfach austauschen. Zudem wird im kommenden Frühjahr in Nordrhein-Westfalen ein neuer Landtag gewählt. Bislang spricht viel dafür, dass Wüst im Amt bestätigt und auch parteiintern gestärkt aus der Wahl hervorgehen würde. Ein schnelle Zuspitzung der Personalfrage, etwa nach den jetzt anstehenden Landtagswahlen, dürfte also nicht unbedingt in seinem Sinne sein.
Doch darum geht es an diesem Nachmittag nicht. Wüst gibt den stolzen Ministerpräsidenten. Von der nachgebauten Mondlandschaft geht es auf der Sommertour weiter in den Hambacher Forst an die Abbruchkante des ehemaligen Braunkohlereviers. Auch dieser Ort wirkt ein wenig außerirdisch. Das riesige Loch ist bis zu 400 Meter tief. Es soll nach und nach geflutet und zu einem Naherholungsgebiet umgestaltet werden. Dann wäre es der zweitgrößte See Deutschlands.
Dort tritt Wüst gemeinsam mit der Deutschlandchefin von Microsoft auf. Das US-Unternehmen will im Rheinischen Revier vier Rechenzentren bauen. Es sei die größte Einzelinvestition, die ihr Unternehmen jemals in Deutschland getätigt habe, sagt Agnes Heftberger. Ausschlaggebend für die Entscheidung seien die verfügbare Fläche, die Nähe zu Forschungseinrichtungen und Unternehmen sowie die Unterstützung von Land und Kommunen gewesen: „Wir wollen da investieren, wo wir willkommen sind.“ Wüst kann hier sagen: „Politik kann einen Unterschied machen.“ Und den schönen Claim „Von der Kohle zu KI“ loswerden.
Im Forschungszentrum Jülich weiht der Ministerpräsident gemeinsam mit Wissenschaftsministerin Ina Brandes (CDU) einen neuen Quantencomputer ein. Gemeinsam mit den Fachleuten vor Ort geben beide außerdem den Startschuss dafür, dass Jion, wie das Gerät heißt, mit dem bereits laufenden Supercomputer Jupiter verbunden wird. Laut Expert:innen ist das ein riesiger Schritt. Wie das genau funktioniert, ist für Laien schwer nachzuvollziehen. Wüst tut gar nicht erst so, als könne er das. „Wenn zwei großartige Dinge zusammengeschaltet werden, dann ist das doppelt großartig“, sagt er und hat die Lacher auf seiner Seite. Dass er außerdem zwei neue Förderbescheide übergeben kann, kommt natürlich auch gut an.
Am Mittag hatte Astronaut Gerst im Mondsimulationszentrum auf die Frage einer Journalistin und mit Verweis auf die von Wüst vorgetragenen Fakten über „Luna“ verschmitzt gesagt, der Ministerpräsident habe womöglich auch das Zeug für die Raumfahrt. Wüst winkte jedoch ab. „Ich fühle mich auf der Erde ganz wohl“, sagt er, obwohl er nicht sicher sei, dass es nicht auch Leute gebe, die ihn gern zum Mond schießen würden. Die Vermutung liegt nahe, dass er damit andere Christdemokratinnen und Christdemokraten meint. Und womöglich sitzt einer davon im Kanzleramt.
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
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