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Sachsen-AnhaltTausende vor der Wahl auf der Straße

Am Vorabend der Wahl ziehen Tausende Antifas durch Halle und Magdeburg. Immer dabei: das Ringen damit, vor Ort weiterzumachen – oder zu gehen.

Timm Kühn

Aus Halle

Timm Kühn

„Von Durchhaltekraft muss ich euch ja nichts erzählen, oder?“, scherzt eine Rednerin vom Lautsprecherwagen, weil die Antifas eine Stunde nach Demostart noch nicht los sind. Ein paar schwarz vermummte Autonome lachen. „Antifa bleiben!“, steht auf dem bestimmt 20 Meter langen Banner, das sie halten. Es ist das Motto der rund 2.000 Linksradikalen, die sich hier am Hauptbahnhof in Halle am Vorabend der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt versammelt haben, bei der die AfD wohl stärkste Kraft werden wird.

Bereits über den Tag waren in Magdeburg Tausende aus dem eher bürgerlichen antifaschistischen Spektrum gegen Rechtsextremismus auf die Straße gegangen. Bis zu 20.000 Menschen feierten am Domplatz die Demokratie, Tausende zogen zuvor durch die Stadt. Aufgerufen hatte das Bündnis Sachsen-Anhalt weltoffen unter dem Motto „Vielfältig, demokratisch, solidarisch“, das zum Beispiel von Gewerkschaften, Kirchen und zivilgesellschaftlichen Initiativen getragen wird.

In Halle wird nun zu autonomer Organisierung aufgerufen. „Wir sind nicht auf mediale Anerkennung aus, unsere Politik ist keine Selbstinszenierung“, sagt ein Redner auf der Auftaktkundgebung. Was es brauche, seien verlässliche Netzwerke – „dann können wir dabei bleiben, statt zu resignieren“. Bei der Parole „Wir bleiben autonom, wir bleiben Antifa, wir machen weiter“ setzen sich die vielfach ganz in Schwarz gekleideten Antifas unter viel Applaus in Bewegung.

Gehen oder bleiben – diese Frage beschäftigt auf der Demo viele. „Ihr werdet uns nicht los“ steht auf einem Banner, das drei studentisch aussehende junge Männer halten. Darauf ist ein nach oben zeigendes rosa Dreieck zu sehen – ein Symbol queerer Selbstbehauptung. Einer erzählt, schon jetzt würde er sich immer wieder fragen: „Kann ich da, wo ich heute hingehe, Ohrringe tragen, gar Regenbogensymbole?“ Und die Gewalt würde wohl noch zunehmen. „Antifa bleiben heißt für mich, sich nicht einschüchtern lassen“, sagt er. Und fügt hinzu: „Aber natürlich haben wir immer unsere Reisepässe parat.“

Eine junge Abiturientin erzählt, das sei heute ihre erste Demonstration überhaupt. Ihr Schwager sei Mexikaner. „Ich will überhaupt nicht mehr, dass er und meine Nichten mich besuchen kommen“, sagt sie. Erst kürzlich habe auf der Arbeit einer ihrer Kol­le­g:in­nen sich geweigert, einen Schwarzen Kunden zu bedienen, in ihrer Schule würden die Jungs schon in den unteren Klassen SS-Runen in die Flure schmieren. „Das kann ich ihnen doch nicht antun“, sagt sie.

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„Einfach nur Scheiße“

Die Gefühlslage auf den Punkt bringt eine Rednerin, die für eine Antifagruppe aus dem Harz spricht. „Die Situation ist einfach nur scheiße“, sagt sie. Alle ihre Ge­nos­s:in­nen seien ausgebrannt. Aber man habe sich gegenseitig, das gebe Kraft. „Wir werden die Ersten sein, die unter einer AfD-Regierung leben, und die Ersten, die nicht aufgeben“, sagt sie. Um dann doch noch hinzuzufügen: „Und wenn’s hart auf hart kommt, gibt es bestimmt einen Campingplatz in Portugal, auf den wir alle ziehen können“.

Auch der Rechtsextremismus-Experte und Grünen-Politiker Sebastian Striegel ist dabei. Für ihn eine „Selbstverständlichkeit“, sagt er der taz. In den letzten Tagen habe Sachsen-Anhalt eine breite Vielfalt antifaschistischer Proteste erlebt. Alle seien sie wichtig, sagt Striegel, aber es sei auch toll, „dass Leute einmal deutlich sagen: Bis hierhin und nicht weiter“. Es gebe ihm Kraft, gemeinsam zu sagen: „Wir nehmen das alles nicht hin, wir organisieren uns antifaschistisch“, so Striegel.

„Die Eltern werden keine Antwort haben“

Ganz still wurde es auf einer Zwischenkundgebung am Marktplatz während eines Redebeitrags von Saaeid Saaeid vom Flüchtlingsrat. Morgen würden Familien vor dem Fernseher sitzen und auf die Ergebnisse einer Wahl warten, an der sie nicht teilnehmen konnten. „Ein Kind wird seine Eltern fragen: Was bedeutet das für uns? Und die Eltern werden keine Antwort haben“, sagt Saaeid. An diese Menschen sollten alle denken, die morgen wählen gehen.

In einer Art Appell an eine mögliche künftige AfD-Landesregierung erinnerte er daran, dass auch Geflüchtete Menschen sind. Wer glaube, nach der Wahl sei alles erlaubt, sei daran erinnert, dass „Wahlen politische Macht verteilen, aber keine Menschenrechte“. Es ist eine Rede, die doch deutlich mit der linksradikalen Rhetorik der Demonstration bricht. „Wir verlangen keine Sonderrechte, keinen Staat ohne Grenzen“, sagt Saaeid. „Wir wollen nur, dass Recht Recht bleibt, dass Menschen nicht zu politischem Material werden.“ Die Autonomen spenden lauten Applaus.

Die von rechts beschworenen Krawalle blieben indes aus. Die Autonomen ziehen laut und friedlich durch die Stadt, viele Menschen winken ihnen von Balkonen und aus den Fenstern der Dönerläden in der Altstadt zu. Erst nach mehr als der Hälfte der Strecke wird im Frontblock Pyrotechnik gezündet. Die Polizei reagiert rabiat, kesselt den Block für eine Weile, eine Polizeidrohne schwirrt über den Köpfen der Demonstrierenden. Bis zum Hauptbahnhof werden sie von behelmten Po­li­zis­t:in­nen begleitet.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

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