piwik no script img

Abschiebepläne der AfD Abschiebeflüge bleiben leer

Gastkommentar von

Niklas Cuno

Die AfD will massenhaft abschieben. So leicht, wie sich die rechtsextreme Partei das vorstellt, ist das nicht. Aber das Narrativ wirkt.

D ie AfD in Sachsen-Anhalt hat gewonnen. Was passieren soll, wenn sie tatsächlich regiert, erklärt die zu Teilen als gesichert rechtsextrem eingestufte Partei seit Monaten genau. Spitzenkandidat Ulrich Siegmund will „abschieben, bis die Landebahn glüht“. Um diese „Abschiebeoffensive“ einzuleiten, will die AfD laut Wahlprogramm 100 Millionen Euro in den Landeshaushalt einstellen. Damit sollen die Zahl der Abschiebehaftplätze verzehnfacht und Abschiebeflüge gechartert werden. Rechtlich ist das denkbar – nur werden die Sitze in den Fliegern fast leer bleiben.

Niklas Cuno

ist Doktorand am Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung und Dozent für Migrationsrecht an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

In Sachsen-Anhalt sind etwa 4.700 Personen ausreisepflichtig. Die weit überwiegende Mehrzahl dieser Menschen kann aber nicht abgeschoben werden. Etwa 80 Prozent der ausreisepflichtigen Menschen sind geduldet, ihre Abschiebung ist also unmöglich. Alle diese Menschen sind in Ausbildung, Mütter und Väter kleiner Kinder oder so schwer krank, dass die Abschiebung irreversible Folgen für ihre Gesundheit hätte. Auch Schutzsuchende, die keinen Pass haben, werden regelmäßig geduldet.

Damit versucht die Politik – anders als die AfD es suggeriert – keine „Anreize“ zu setzen, sondern die Herkunftsstaaten der passlosen Personen verweigern schlicht deren Aufnahme. An all dem kann eine AfD-Landesregierung nichts ändern. Diese Duldungssituationen ergeben sich aus Bundesrecht. Übrig bleiben wenige Menschen, die ausreisepflichtig und nicht geduldet sind.

Wetten, die Demokratie gewinnt? ​

Nach den Wahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern droht erstmals eine AfD-Regierung. Die taz berichtet, was auf dem Spiel steht – und wer jetzt die Demokratie verteidigt. Alle Texte zur Serie finden Sie hier.

Für sie sind die 100 Millionen Euro gedacht. Die Summe ist nicht der Preis, der nötig wäre, um Geflüchtete abzuschieben. Die 100 Millionen Euro sind der Preis, der nötig ist, um aus ihren Abschiebungen eine Botschaft zu machen. Mit neuen Abschiebehaftanstalten, einer eigens gecharterten „Abschiebe-Airline“ oder einer möglichen landeseigenen Abschiebepolizei lassen sich gewaltsame Bilder erzeugen, die als Beleg für die versprochene Härte in der Asylpolitik dienen. Die Landtagswahl am Sonntag mit dem hohen Ergebnis für die AfD hat das bitter bestätigt.

Nach dem Erfolg der AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt bangen viele Menschen um die Zukunft, es droht die erste AfD-Regierung. Das wäre eine (weitere) Zäsur für Deutschland. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema
Fotomontage eines wochentaz-Titels und dem Buchcover „Autoritäre Rebellion“ von Andreas Speit

10 Wochen taz + Sachbuch „Autoritäre Rebellion“

Zeiten wie diese brauchen Seiten wie diese: unabhängig, konzernfrei und mit klarer Kante gegen Faschismus, Rassismus und Rechtsruck. Teste jetzt die taz und erhalte das neue Buch „Autoritäre Rebellion“ von Rechtsextremismus-Experten Andreas Speit als Prämie.

  • Das neue Buch „Autoritäre Rebellion“ von Andreas Speit als Prämie
  • Die wochentaz jeden Samstag frei Haus + digital in der App
  • Die tägliche taz von Mo-Fr digital in der App
  • Zusammen für nur 28 Euro

10 Wochen taz + Buch „Autoritäre Rebellion“

Jetzt bestellen

9 Kommentare

 / 
  • Il_Leopardo

    Die Bundesregierung hat mal die Kosen einer Abschiebung mit 3.400 € beziffert. 100.000.000 € : 3.400 € = ca. 30.000 Personen. Nun gibt es aber in Sachsen-Anhalt nur 4700 Abschiebungspflichtige. Wen also will Herr Siegmund noch von seinen "glühenden Landebahnen" losschicken? Will er das halbe Land ausräumen?

  • Kaboom

    Unabhängig von den Gründen, die der Autor nennt, gibt es diverse andere, die Abschiebungen verhindern. Italien beispielsweise nimmt keine Geflüchteten zurück, obwohl es eigentlich dazu verpflichtet wäre. Es gibt Länder, die ihre eigenen Staatsbürger nicht zurücknehmen. Es gibt Länder, die ihre Bürger nur einzeln zurücknehmen. Bedeutet einen Flug pro abzuschiebendem.



    Die schlichte Wahrheit ist, dass die Positionen der AfD in diesem Kontext völlig unrealistisch sind. Es handelt sich schlicht um die übliche politische Rattenfängerei, die so typisch ist für diese Partei.

  • Šarru-kīnu

    Geduldete Personen können rechtlich gesehen jederzeit abgeschoben werden, solange keine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis erteilt wurde. Eine Duldung nach § 60a AufenthG ist kein legaler Aufenthaltstitel, sondern nur die vorübergehende Aussetzung einer Abschiebung.

    • Kaboom

      @Šarru-kīnu:

      Ihre Darstellung ist weitestgehend falsch. Eine Duldung kann für einen definierten Zeitraum ausgesprochen werden, dann gibt die Duldung für diesen Zeitraum. Oder eine Duldung hat einen Grund, dann gilt die Duldung, solange der Grund besteht. In beiden Fällen kann die Person selbstverständlich nicht einfach abgeschoben werden. Und das hat NULL damit zu tun, ob eine Duldung ein "legaler Aufenthaltstitel" ist, oder nicht.



      Ebenso falsch ist Ihre Behauptung, geduldete Personen könnten sofort abgeschoben werden. Falls die Person länger geduldet wurde, ist die Abschiebung mindestens 1 Monat vorher anzukündigen.

    • Klabauta

      @Šarru-kīnu:

      Nicht jederzeit.



      §25(5) Aufenthaltsgesetz besagt:



      "Einem Ausländer, der vollziehbar ausreisepflichtig ist, kann eine Aufenthaltserlaubnis erteilt werden, wenn seine Ausreise aus rechtlichen oder tatsächlichen Gründen unmöglich ist und mit dem Wegfall der Ausreisehindernisse in absehbarer Zeit nicht zu rechnen ist. Die Aufenthaltserlaubnis soll erteilt werden, wenn die Abschiebung seit 18 Monaten ausgesetzt ist."

  • DiMa

    Das Problem ist doch eher, dass es so viele Geduldete gibt. Asylverfahren sind nutzlos, wenn im Falle einer negativen Entscheidung keine Ausreise erfolgt. Und solange das so bleibt wie es ist, solange wird die AfD weiter Aufwind haben. Irgendwann reichts dann auch für eine Änderung geltenden Gesetze.

    • Kaboom

      @DiMa:

      Das reale Problem ist, dass viele Leute keine Ahnung von der Rechtslage haben. Und somit für die Lügen und die Desinformation des rechten Randes anfällig sind.

    • Il_Leopardo

      @DiMa:

      Zur Änderung der entsprechenden Gesetze müsste die AfD die Mehrheit im Bundestag haben.

    • Klabauta

      @DiMa:

      Eine Duldung ist kein endgültig negativer Bescheid. Aus einer Duldung kann im weiteren Verfahrensverlauf durchaus noch eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung werden, und das, das möchte ich betonen, ist gut so.



      Der Status der Duldung bedeutet für die Betroffenen permanenten psychischen Stress, den ich niemandem wünschen möchte.