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Besuch beim Merkel-Portrait Mit ihr wollen immer noch alle ein Foto

Carolina Schwarz

Kommentar von

Carolina Schwarz

Im Berliner Bode-Museum ist die Sehnsucht zum Bild geworden. Angela Merkels Porträt kommt gut an – und füllt eine Leerstelle namens Friedrich Merz.

G laubt ihr, Merkel kommt noch einmal zurück?“, fragt eine Freundin, als wir gemeinsam mit einem Freund durch Berlin-Wedding spazieren. Ich stutze. „Als Kanzlerin? Wohl kaum.“ Meine Freundin antwortete: „Nein, mit einer Ansprache ans Volk oder Ähnlichem. Um für Ordnung zu sorgen.“

Die Zeiten sind politisch turbulent, und das ist noch positiv ausgedrückt. Die regierende CDU hat nicht zuletzt mit den Wahlergebnissen von Mecklenburg-Vorpommern ihre Entbehrlichkeit zementiert. Eine Kopie der AfD braucht es eben genauso wenig wie einen Kanzler, der in einer Krisensituation mit politischen Fehlentscheidungen wild um sich schlägt. Die positivste Schlagzeile, die der CDU-Mann liefern konnte, war: Friedrich Merz hat noch einen Tag durchgehalten.

Puh! Das sorgt nun wirklich nicht für ein Gefühl der Stabilität. Aber könnte Angela Merkel das jetzt liefern? Ist sie die Antwort auf die Krisen der Konservativen? Ich möchte der Frage auf den Grund gehen und mache mich auf den Weg. Vor ihrer Wohnung am Kupfergraben in Berlin-Mitte lehnen gelangweilte Po­li­zis­t:in­nen an ihrem Auto. Ich laufe an ihnen vorbei und betrete wenige Hundert Meter weiter das neobarocke Gebäude, in dem die Menschen seit ein paar Monaten der Altkanzlerin nahekommen können.

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Im ersten Stock des Bode-Museums begutachtet eine Gruppe von Be­su­che­r:in­nen das Porträt Merkels. Im ultramarinblauen Blazer steht sie vor einem goldfarbenen Hintergrund, die rechte Hand hängt ruhig an der Seite, die linke liegt auf einem Sockel. Das Gesicht von Falten durchzogen, wie eine Frau in ihren 70ern eben aussieht, ein Lächeln deutet sich an. Das Porträt, das der französisch-deutsch-kanadische Künstler Jérémie Queyras gemalt hat, wirkt unaufgeregt, aber es zieht Massen an. Doppelt so viele Be­su­che­r:in­nen kann das Museum seit dem Zeigen des Bilds verzeichnen. Gerade erst wurde die Ausstellung bis ins nächste Jahr verlängert.

Ahs“ und „Ohs“

Das Publikum wechselt an den Nachmittagen, an denen ich vor dem Porträt verweile, minütlich. Alle bleiben zumindest für einen kurzen Moment stehen: Rentnerpaare, Mütter mit Kleinkindern, Touristen aus aller Welt und junge Erwachsene aus der Stadt. Wenn sie das Porträt erblicken, stöhnen die meisten. Es steckt etwas Sehnsuchtsvolles in den „Ahs“ und „Ohs“, die ich höre. Eigentlich alle greifen danach zum Handy. Sie möchten ein Foto mit ihr. Merkel ist hier der Star.

Eine Mutter schiebt ihren Kinderwagen vor das Bild, damit auch das schlafende Baby mit auf dem Schnappschuss ist. Ein älterer Mann schießt gleich mehrere Selfies aus verschiedenen Perspektiven. Ein Paar bittet den Wärter, ein Foto von ihnen zu machen.

„Wir nehmen Mutti in unsere Mitte.“ – „Ach ja, die Mutti. Sie fehlt.“

Mutti, Mutti, Mutti, hallt es zwischen den Skulpturen und Gemälden immer wider. Natürlich hat die Bezeichnung eine sexistische Konnotation. Sie war ein abschätziger Spitzname des damaligen Wirtschaftsministers Michael Glos. Doch aus heutiger Sicht wird klar: Er hat ihr geholfen.

Merkel ist es gelungen, die verschiedenen stereotypen Facetten einer Mutter auszufüllen: sparsame Hausfrau (sie selbst bezeichnete sich einmal als „schwäbische Hausfrau“); strenge Mama, die nicht nur die Jungs im Zaum halten kann, sondern gleich das ganze Land; die Mutter, die als mächtigste Frau der Welt autoritär auftreten, aber auch liebevoll und fürsorglich sein kann. Dass manch einer eine schwierige Beziehung zu ihr pflegte, war dabei kein Hindernis, so ist die Beziehung zu Müttern eben manchmal: kompliziert.

Heute vermissen sie viele. Die Ruhe, die sie ins Land brachte. Wer im Bode-Museum den Leuten lauscht, dem wird schnell klar: Die Nostalgie ist kein Wunsch nach mehr konservativer Politik, sondern eine Sehnsucht nach Stabilität.

„Es sieht so aus, als hätte sie nur drei Finger.“ – „Hat trotzdem gereicht für eine ruhige Hand zum Regieren.“

„Und sie lacht auch gar nicht.“ – „Gibt ja auch wenig zu lachen in der Politik.“ – „Immerhin hat sie uns stoisch durch 16 Jahre geführt.“

„War schon irgendwie entspannter damals mit Merkel.“

Merkel tätschelte

Als ein Wärter erzählt, dass Merkel sich auch mit Schulklassen getroffen habe, um Rede und Antwort zu stehen, erinnert sich einer der Besucher an ihren Auftritt 2015: „Es war so schön, zu sehen, wie liebevoll die Kanzlerin damals auf die Geschichte eines palästinensischen Mädchens reagierte.“

Doch seine Erinnerung trügt. Eher war Merkel damals in die Kritik geraten. Die Schülerin Reem Sahwil hatte beim Dialog von ihrem Leben als staatenlose Palästinenserin und ihrer Flucht erzählt und gefragt, ob sich der unsichere Aufenthaltsstatus ihrer Familie verbessern ließe. Merkel hatte darauf geantwortet, Deutschland könne nicht alle Flüchtlinge aufnehmen. Als die damals 15-Jährige zu weinen begann, tätschelte Merkel sie unbeholfen.

Wie es für Nost­al­gi­ke­r:in­nen typisch ist, verklären sie. Sie erinnern nicht, was war, sondern wie sie es gerne gehabt hätten. Davon profitiert Merkel heute. Denn wenn das Gesamtbild stimmt, wird Fehlverhalten (und davon gab es bei Merkel deutlich schwerwiegenderes als ein kleines Tätscheln) einfach aus dem Gedächtnis radiert.

Auf Merkel verlassen sollte sich die CDU jetzt nicht. Sie wird nicht für Ordnung und Ruhe sorgen, das muss der Kanzler selbst tun. Noch kann er einen Rekord aufstellen: Er könnte der Kanzler werden, der am kürzesten regiert hat. Gut 500 Tage muss er durchhalten, um das zu verhindern. So richtig glaubt in diesem Land wohl kaum mehr ei­ne:r daran. Man kann Merz nur raten, etwas Mütterlichkeit in sich zu entdecken.

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Carolina Schwarz

Carolina Schwarz Ressortleiterin taz zwei

Ressortleiterin bei taz zwei - dem Ressort für Gesellschaft und Medien. Schreibt hauptsächlich über intersektionalen Feminismus, (digitale) Gewalt gegen Frauen und Popphänomene. Studium der Literatur- und Kulturwisseschaften in Dresden und Berlin. Seit 2017 bei der taz.
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