Muslimfeindlichkeit nach 9/11 : Plötzlich waren wir alle gemeint
Die Anschläge vom 11. September 2001 brachten im Westen ein neues Feindbild hervor. Schnell standen Muslim*innen unter Generalverdacht.
A ls die Anschläge am 11. September 2001 passierten, war ich neun Jahre alt. Noch ein Kind, das zum ersten Mal begriff, was es bedeutet, Angst um das Leben eines Menschen zu haben, den man liebt. Vielleicht begriff ich damals auch zum ersten Mal, was Tod überhaupt bedeutet. Und dass Menschen dazu fähig sind, andere Menschen zu töten.
1997, vier Jahre zuvor, besuchte ich mit meiner Familie meinen Onkel in den USA. Er lebte in New Jersey, für mich allerdings war damals alles New York City. Mein absolutes Highlight war es, auf der Aussichtsplattform des World Trade Centers im 107. Stock des Südturms der Twin Towers zu stehen. Ich erinnere mich an die Lichter der Stadt unter mir und daran, wie spektakulär schön ich die Aussicht fand. Und wie unheimlich zugleich. So hoch oben war ich noch nie gewesen.
Am 11. September 2001 sah ich diese Türme in den Nachrichten wieder. Den schwarzen Rauch über Manhattan. Menschen, die panisch durch die Straßen rannten und solche, die aus den Türmen in die Tiefe sprangen. Immer wieder liefen dieselben Bilder. Ich verstand nur langsam, dass die Flugzeuge nicht aus Versehen in die Türme geflogen waren.
Menschen hatten das geplant. Sie wollten andere Menschen töten. Warum, verstand ich nicht. Auch nicht, was Islamismus war oder was Religion damit zu tun haben sollte. Für mich gab es in diesem Moment nur eine Frage: Wo war mein Onkel?
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Ich dachte, er könnte einer der Menschen sein, die man dort sterben sah. Meine Eltern hatten bereits mit ihm telefoniert, sie sagten mir, dass er in Sicherheit sei. Sie riefen dann noch mal bei ihm an. Erst als ich seine Stimme hörte und er mir bestätigte, dass es ihm gut ging, glaubte ich es.
2006 flogen wir wieder zu ihm. Diesmal um von ihm Abschied zu nehmen, denn er lag nach einer langen Krankheit im Sterben. Mein Vater trauerte. Das sah man ihm an. Seine Haare waren länger als sonst und sein Bart war schon lange kein Dreitagebart mehr. Bei der Einreise in die USA wurde er aus der Schlange gezogen und in einen separaten Raum gebracht. Erst Stunden später kam er zurück. Er war ganz ruhig und sagte nichts. Ich war 14. Ich verstand, was da passierte. Doch wir sprachen es nicht laut aus.
Ein neues Feindbild
Durch den 11. September war im Westen ein neues Feindbild entstanden: der islamistische Terrorist. Geprägt wurde es in den folgenden Jahren von einem Namen: Osama bin Laden. Der Anführer des für die Anschläge verantwortlichen Terrornetzwerks al-Qaida war mit seinem Bart und Turban in den Nachrichten allgegenwärtig. Seine Bilder prägten die Vorstellung davon, wie ein gefährlicher muslimischer Mann aussah.
Und Murat Türkmen, mein Vater, passte nun ebenfalls in dieses Bild. Türkischer Pass. Schwarze Haare. Bart. Mit al-Qaida hatte er nichts zu tun. Wie religiös er war, interessierte in diesem Moment niemanden.
In Deutschland wurde immer mehr über „den Islam“ gesprochen. Über Terrorismus, aber auch über Kopftücher. Über Islamismus, aber auch über Moscheen. Über Sicherheit, aber auch über Integration und Parallelgesellschaften. Darüber, ob „der Islam“ überhaupt zu Deutschland gehöre. Begriffe rückten zusammen, die nicht dasselbe bedeuteten.
Ausweitung der Sicherheitsgesetze
Es folgten Anschläge in Madrid, London, Paris, Brüssel und Berlin. Menschen wurden ermordet. Die Gefahr durch islamistischen Terrorismus war real. Doch die Reaktion darauf veränderte auch das Leben von Menschen, die mit dieser Ideologie nichts zu tun hatten.
Dass Menschen wie mein Vater nun schneller unter Verdacht gerieten, war nicht nur das Ergebnis individueller Vorurteile. Der Generalverdacht hatte auch eine politische Dimension. Die USA und ihre Verbündeten riefen den „War on Terror“ aus, griffen Afghanistan an und führten später auch Krieg im Irak. Sicherheitsgesetze wurden verschärft, Überwachung und Befugnisse der Sicherheitsbehörden ausgeweitet. Auch Deutschland beteiligte sich am Krieg in Afghanistan und baute seine Sicherheitsarchitektur aus.
Dieser Generalverdacht zeigte sich nicht nur an Flughäfen oder Landesgrenzen. Ich begegnete ihm auch in dem alltäglichen Deutschland, in dem ich erwachsen wurde. Meine Familie war eine türkische Familie, ohne dass „muslimisch“ für mich eine wesentliche Beschreibung für uns gewesen wäre. Aber plötzlich waren auch wir gemeint, wenn über „die Muslime“ gesprochen wurde.
Ich merkte es an den Fragen, die mir gestellt wurden. Was ich von den islamistischen Anschlägen halte. Warum ich kein Kopftuch tragen müsse. Wie meine Familie zum Islam stehe. Ob ich bete. Und wie war das noch mal mit „Allahu Akbar“ und sich in die Luft sprengen – kommt man dann in den Himmel? Für diejenigen, die mir solche Fragen stellten, schien all das zusammenzugehören.
Rassismus gegen Menschen mit Migrationsgeschichte war nicht neu. Mölln und Solingen passierten lange vor dem 11. September. Zum Bild des angeblich „schlecht integrierten Ausländers“ kam aber nun das des potenziell gefährlichen Muslims hinzu. Man musste nichts getan haben, um in dieses Bild zu passen. Genau das hatte ich mit meinem Vater erlebt.
Muslimsein als Verdachtsmoment
Darin liegt für mich eine der folgenreichsten Verschiebungen nach dem 11. September: Islamismus und Islam rückten in der kollektiven Wahrnehmung so eng zusammen, dass Muslimsein allein zum Verdachtsmoment werden konnte.
Wie es davor war, weiß ich nicht. Ich bin dann in einer Zeit erwachsen geworden, in der Terrorismus, Religion, Herkunft und Integration immer wieder gemeinsam verhandelt wurden. Eine andere politische Wirklichkeit habe ich kaum kennengelernt.
Auch deshalb ertappe ich mich 25 Jahre später noch nach jeder Gewalttat, über die berichtet wird, bei einem Gedanken, den ich eigentlich gar nicht haben möchte. Ich hoffe: Bitte kein islamistisches Motiv. Nicht, weil das die Tat weniger schlimm machen würde. Sondern weil ich weiß, was danach kommt. Wieder wird nicht nur über Islamismus und Islamisten gesprochen, sondern über „die Muslime“ und „den Islam“.
Und jedes Jahr am 11. September denke ich nicht nur an die Bilder der einstürzenden Türme. Ich denke auch an meinen Vater damals am Flughafen. An einen Mann, der als potenzieller Terrorist behandelt wurde, obwohl er eigentlich nur auf dem Weg zu seinem sterbenden Bruder war.
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