Berlin im Film: Eine Stadt legt Concealer auf
Der Film „Tacheles – A Berlin Story“ erzählt vom Verschwinden eines legendären Kunstorts – und Menschen, die nicht zuerst nach Verwertbarkeit fragen.
Foto: DPA
Die Kamera hält auf einen Mann, der auf der Oranienburger Straße ein Fahrradschloss aufsägt. „Die Deutschen klauen unsere Räder, wir klauen sie uns zurück“, sagt er in die Kamera. Es ist 2001. Filmemacher Andy Cohen, dessen Filme später dreimal für den Emmy nominiert werden, probiert seine erste Kamera aus. Er hat den niederländischen Fotomontage-Künstler Tim Roeloffs aufgegabelt, der seit 1992 im Tacheles arbeitet. Cohen folgt ihm, 25 Jahre lang.
Das Ergebnis: „Tacheles – A Berlin Story“, der am Samstagabend zum Tag des offenen Denkmals im Fotografiska Berlin Premiere hatte, dem aus Stockholm stammenden Museum für zeitgenössische Fotografie, das 2023 im sanierten Tacheles eröffnet hat. Ein hübscher Ort für Leichenfledderei.
Cohen folgt Roeloffs durchs Café Zapata, durch Ateliers seiner Kolleg*innen, wie Arda Hüseyin und Rainer Brendel, bekannt als „Artist 6“, vorbei an Schrott, Skulpturen, Performances und Konzerten, an Studentinnen, die bei einem Glas Tee, das einen halben Tag reichen muss, Hausarbeiten korrigieren. Im Garten stehen sie plötzlich, die „blühenden Landschaften“, die Helmut Kohl versprochen hatte: nicht als Investorenrendering, sondern als zusammengezimmerte Gegenwelt, als Ort, der nicht fertig werden wollte. Das machte ihn kostbar.
Das brüchige Berlin
Roeloffs ist ein toller Protagonist, weil seine Kunst ähnlich arbeitet wie Cohens Kamera. Er montiert Brüche: Kriegsnarben, Mauerreste mit Einschusslöchern, Reklame, Kalter Krieg, das brüchige Berlin, das schon beginnt, sich wegzuputzen. Cohen antwortet mit naher Cinéma-Vérité-Technik. Während das Tacheles verschwindet, verschwinden auch Roeloffs’ Arbeitsgrundlagen. Wände werden verspachtelt und in Creme gestrichen: Berlin legt tonnenweise Concealer auf.
Enteignung als Lösung – oder das Ende von Rot-Rot-Grün?
Di., 15.09.2026, 19:00 Uhr, taz Kantine: Anmeldung
Die Mietenkrise bestimmt den Wahlkampf, doch die Vergesellschaftungsfrage spaltet die Parteien. Knapp eine Woche vor der Berlin-Wahl am 20. September gehen wir den Fragen nach: Wie können sich SPD, Linke und Grüne doch zusammenraufen, ohne den demokratischen Auftrag der Berliner:innen zu ignorieren? Führt die Enteignungsfrage Berlin in eine politische Sackgasse, von der am Ende nur die Konservativen profitieren? Und was bringt eine Enteignung eigentlich?
Im Gespräch:
Sebastian Schlüsselburg ist Mitglied des Abgeordnetenhauses, ehemals für die Linke, seit 2025 für die SPD.
Katrin Schmidberger ist Mitglied des Abgeordnetenhauses und Sprecherin für Mietenpolitik für die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen.
Rouzbeh Taheri ist Neuköllner Direktkandidat der Linken für das Abgeordnetenhaus. Er war Mitgründer und Sprecher der Initiative Deutsche Wohnen & Co Enteignen.
Eintritt frei. Platzreservierung erforderlich
Die Teilnahme in der taz Kantine (Friedrichstraße 21) ist nur mit einem im Voraus gebuchten Ticket möglich. Wir bitten Sie daher um eine Anmeldung. Die Plätze sind begrenzt, der Eintritt ist kostenlos. Der Zugang zur Veranstaltung ist barrierefrei. Zusätzlich wird die Veranstaltung im Livestream übertragen.
Der fremde Blick des Holländers, der sich festgebissen hat, und des Amerikaners, der wiederkommt, sieht scharf. Vielleicht braucht Berlin ihn, um zu begreifen, was es verliert. Roeloffs sucht immer verzweifelter nach Motiven, Cohen hält fest, wie aus einer wilden, porösen Stadt eine wie jede andere wird, in der jeder Quadratmeter Rendite tragen muss. Das Tacheles war einzigartig, weil dort Kunst unter heute traumhaften Bedingungen entstand: viel Raum, wenig Geld, internationale Durchmischung, keine kuratorische Dressur, kein Karrierepfad, sondern ein Haus, das Chaos in Energie verwandelte.
Während des Films bleibt kaum Zeit, gegen die verführerischen Bilder und Erinnerungen an die verschwundene Stadt anzudenken. Erst später kommen die Fragen: Wie konnte dieser Ort entstehen? Warum durfte er verschwinden – und warum kommt all das im Film so milde weg?
„Tacheles – A Berlin Story“ setzt zehn Jahre zu spät ein und verpasst damit politische Brisanz. Am 13. Februar 1990 besetzten rund 20 Künstler*innen aus Ost- und West-Berlin die zum Abriss bestimmte Ruine und retteten das Gebäude vor der Sprengung. Daraus entstand eines der frühen prominenten Ost-West-Kunstprojekte der Nachwendezeit. Berlin hatte damals die Chance, einen längst international bedeutenden Kulturort dauerhaft zu sichern – und verspielte sie schon früh. Diese Vorgeschichte ist kein Prolog, sondern der Schlüssel.
Hier sieht man ein Grundproblem
Denn am Tacheles lässt sich ein Berliner Grundproblem erzählen: Die Stadt lebt noch immer von Menschen, die Platz brauchen, lange bevor ihr Tun verwertbar erscheint, und verliert diesen Platz, sobald er wertvoll wird. Das Haus wurde gerettet, berühmt, privatisiert und geräumt – nicht weil niemand wusste, was dort entstanden war, sondern obwohl es längst alle wussten, auch die Politik.
Das Muster ist geblieben. Steigende Mieten fressen Ateliers, Proberäume und Werkstätten, Künstler*innen verlassen die Stadt. Berlin ist keine schöne Stadt im klassischen Sinn, und darin lag ihre Stärke. Attraktiv wurde sie durch Leute, die etwas anfangen konnten mit Brachen, Rissen, Ruinen und billigen Zimmern. Verschwinden diese Bedingungen vollständig, sieht Berlin demnächst aus wie Bonn. Cohens Film zeigt diesen Verlust mit Wucht – aber zu wenig, wie politisch produziert er war.
Im luxuriösen Veranstaltungsraum des Fotografiska, der vor diesem Hintergrund nur noch zynisch wirkt, kommt der Abend beim Podium nach dem Screening darauf zurück. Ein Zuschauer fragt Roeloffs, wie es sich anfühle, ein Vierteljahrhundert Tacheles ausgerechnet hier, wo nichts von seiner Geschichte übrig ist, zu sehen.
Roeloffs antwortet trocken: „Die Berliner haben es nicht anders gewollt. Alles im Leben verschwindet – und ich bin froh, dass ich das überlebt habe.“ Da ist sie plötzlich, die ganze Berliner Geschichte: Es ging nicht nur ums Bewahren, sondern ums Überleben. Hoffentlich kommt der Film trotzdem bald ins Kino.
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