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Landtagsneubau in SachsenProtzbauten am Elbufer

Der Sächsische Landtag startet für 450 Millionen Euro den Um- und Neubau seiner Gebäude. „Gigantisch“ sei das in Zeiten des Spardiktats, sagt der Steuerbund.

Die Demokratie ist eine Baustelle, weiß man spätestens seit der Sachsen-Anhalt-Wahl. Nebenan in Sachsen, wo erst 2029 gewählt wird, sogar eine besonders teure. Am Mittwoch der vorigen Woche griff Politprominenz des Freistaates auf dem Landtagsvorplatz zum Spaten und feierte die Demokratie mit dem Baustart für einen weiteren ihrer Tempel. Ein Kubus im Innenhof des Landtages und ein angesetzter Block sollen das bisherige Gebäude am Elbufer unweit der Semperoper entlasten, damit es ab 2030 generalsaniert werden kann. Bis 2037 werden Kosten von 450 Millionen Euro veranschlagt, eine Reserve von 130 Millionen für steigende Baukosten inclusive.

Der Landtags-Altbau mit Verwaltung, Abgeordnetenbüros und Kantine ist schon vor etwa hundert Jahren als Finanzamt errichtet worden. In der DDR saßen hier die Stadt- und Bezirksleitung Dresden der SED-Staatspartei. Nach 1990 tagte der Landtag provisorisch zunächst in der Dreikönigskirche, bevor er 1994 endgültig in dieses Gebäude umzog. Dafür wurde es durch einen vielbeachteten und prämierten Anbau mit Plenarsaal des Architekten Peter Kulka ergänzt, der tatsächlich die Anmutung einer „Halle des Volkes“ verströmt.

Einen Sanierungsbedarf behauptet nicht nur die Landtagsverwaltung. Auch Kritiker bestreiten ihn nicht grundsätzlich. Medien und Kommunikationsleitungen sind verschlissen, es gibt Wassereinbrüche, Barrierefreiheit ist nur bedingt gegeben, und die Klimatisierung lässt zu wünschen übrig. Die Besucherzahlen sind gestiegen, der Landtag auf sechs Fraktionen angewachsen. Nach Angaben von Landtagspräsident Alexander Dierks (CDU) müssen inzwischen für zwei Drittel der Verwaltungsmitarbeiter externe Flächen von 4.000 Quadratmetern angemietet werden. Er spricht deshalb von einer „komplexen Operation am arbeitenden Herz der Demokratie“.

Der gesamte Landtag stimmte dafür

Den Beschluss für eine umfassende Sanierung mit zwei Neubauten fassten schon 2022 keine Landtagsausschüsse und kein Plenum, sondern einstimmig das Landtagspräsidium, in dem alle Fraktionen vertreten waren. Also neben der Kenia-Koalition aus CDU, SPD und Grünen auch die AfD und die Linke. Ein Jahr nach dem Beschluss fiel das Projekt des Landes im Bauausschuss der Landeshauptstadt Dresden allerdings durch. Mit dem Entwurf für die beiden Neubauten wurde erneut der 2024 dann verstorbene Architekt Peter Kulka betraut. Ästhetische Kritik ist seither allerdings nicht verstummt. Denn der Kubus im Innenhof stört dessen Charakter als Ruhe- und Feierort, und der 84 Meter lange Klotz am Elbufer nebenan stört die gerühmte optische Wirkung des Plenarsaales und den Blick auf den ehemaligen Erlwein-Stadtspeicher, heute Maritim-Hotel.

Kritisiert wird zudem Aufwand und Ausmaß des Neubaus. Sachsens Finanzminister Christian Piwarz (CDU) hatte in Krisenzeiten eigentlich den Grundsatz „Kein Neubeginn von Bauten, Sanierung geht vor Neubau“ verkündet. Anfang September brachte er den Rekord-Doppelhaushalt 2027/28 in den Landtag ein, für den erstmals das stolze Sachsengelöbnis der Schuldenfreiheit gebrochen und 1,5 Milliarden Euro Kredite aufgenommen werden müssen. Über die für den Landtagsneubau erforderlichen Mittel muss der Landtag stets aufs Neue beschließen. Gespart wird dort aber auch, wie die Sächsische Zeitung erfuhr. Für die von Abgeordneten und Mitarbeitern gewünschten Aktenhalter auf den Toiletten gibt es kein Geld.

Der Bund der Steuerzahler Sachsen spricht dennoch von „Gigantismus“. „Dass sich die Politik ausgerechnet beim eigenen Parlamentssitz ein monumentales Sonderrecht herausnimmt, ist ein fatales Signal an die Bevölkerung“, kritisiert Präsident Dirk Mohr. Dort gelte das sonst verkündete Prinzip des Zusammenrückens offenbar nicht. Auch der Radfahrerclub ADFC empört sich. „Für das Geld kann man über tausend Kilometer Radwege bauen“, erregt sich Landesvorsitzender Konrad Krause. Die Mittel dafür kürzt der Haushaltsentwurf um 85 Prozent.

Der erste Spatenstich verlief dennoch geräuschlos und ohne Proteste. Es sei denn, man wertet den Beitrag des Landespolizeiorchesters als Satire. Es intonierte passend zum Vorhaben die Melodie der Kultfernsehserie vom Außerirdischen Alf.

Nach dem Erfolg der AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt bangen viele Menschen um die Zukunft, es droht die erste AfD-Regierung. Das wäre eine (weitere) Zäsur für Deutschland. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

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9 Kommentare

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  • JKPotsdam

    Bitte realistisch bleiben. Die genannten Summen hören sich groß an, sind es jedoch angesichts der geplanten Baumaßnahmen nicht. Und Radwege sind etwas ganz anderes, der Vergleich hinkt, auch wenn durchaus kritisch auf die Ausgaben im Verkehrssektor geschaut werden darf.



    Bitte Artikel nicht nur aus einer Quelle speisen. Was spricht dagegen, Landtagsdokumente zu sichten?

  • rakader

    Vorsicht vor Beiträgen vom "Bund der 'Steuerzahler'". Doppeltes Anführungszeichen bitte beachten. Der Bund der sogenannten "Steuerzahler" ist eigentlich ein Bund der "Nichtsteuerzahler". Es ist eine Lobbyorganisation von Freiberuflern, Ärzten, Rechtsanwälten und Unternehmern, also jenen, die genauer als andere wissen, wie man Steuern vermeidet und Gewinne ins Ausland verschiebt.

    Diese Lobbyistenorganisation hat wenig Glaubwürdigkeit. Und so verwundert es immer wieder, dass diese regelmäßig von allen Leitmediem - links wie rechts - zitiert wird. Der Bund d,S. besticht vor allem in seinen Informationen regelmäßig dadurch, dass er gegenteilige Sachargumente hintenüber fallen lässt. Das wären hier z.B. die gegengerechneten Kosten für Raummieten über die Laufzeit neuer Gebäude.

    Etwas anders verhält sich Kritik am Ausgabengebahren gewählter Volksvertreter, wenn sie von den Rechnungshöfen kommt. Deren Zahlenwerken kann man aber auch nicht bedingungslos trauen - denn sie sind herzlich unempathisch. Soziale Belange und ihre gesellschaftlichen Folgekosten speisen die Rechnungshöfe aus Tradition nie ein. Die Frage ist, warum nicht? Wissenschaftliche Expertise gibt es dazu reichlich.

  • ttronics

    Schöner Artikel. Die Bundestag der bescheidenen Bonner Republik traf sich bei bester Finanzlage ewig im umgebauten Wasserwerk. Heute undenkbar?

    Die riesigen Liegenschaften sind auch eine Hypothek für Staatshaushalte, Schulden in Beton sozusagen. Denn die Wartungskosten für die besten Gebäude mit mehr Fläche und Komfort sind auch wieder etwas höher. Selbst wenn man bei den Energiekosten etwas sparen kann. Braucht man in 10 Jahren noch so viele Beamte, geht's nicht auch mit mehr homeoffice?

    Im Parlament sitzen auch immer nur wenige Abgeordnete in einem Riesen- Saal?

    Sollten Parlamente überhaupt noch in eigener Sache abstimmen (dürfen)?

  • David Lejdar

    Sachsen hat Landesverschuldung von knapp 7 Milliarden Euro (mit Gemeinden und Sozialversicherungen, 14 Milliarden). Im Vergleich, Berlin mit fast gleicher Einwohnerzahl, hatte Ende 2025 Verschuldung von rund 66 Milliarden. Und da wollen manche noch mehr Milliarden anhängen, von welchen keine Bauleistung (/Umsatz/Jobs). Und was kann man da als Berliner groß zu sagen, wenn sich in Sachsen mal was gönnen?

  • karacho90

    Unabhängig vom Inhalt des Artikels ist der Bund der Steuerzahler eine Neoliberale Lobby- und Propagandaorganisation, die berechtigterweise auch von der taz schon kritisiert wurde. Könnte man ja auch mal im Artikel erwähnen

  • Bolzkopf

    Geld ist immer knapp denn das ist der Sinn darin.



    Also gibt es auch immer ein Hauen und Stechen um das liebe Geld.



    Ganz sicher gibt es hier - wie bei allen Sanierungsvorhaben- irgendwo Einsparpotentiale.



    Allerdings darf man nicht den Investitions- und Sanierungsstau beklagen und gleichzeitig die Sanierung in die Jahre gekommener Gebäude geißeln.

  • fly

    Alle sind sich einig, dass saniert werden muss, aber dann doch nicht, weil man lieber Radwege haben möchte?

    Scheint ein relatives Durcheinander zu sein - von Notwendigkeit über Ästhetik zur Schuldenfreiheit. Die 1,5 Mrd Schuldenaufnahme scheinen aber nur zu kleinem Teil mit dem Bau begründet zu werden. Schliesslich sollen die 450 Mio bis 2037 reichen. Ein Scherz. Natürlich wird bei der Endabrechnung in 11 Jahren ! 1 Mrd stehen.



    Und das trotz eingesparter Aktenhalter auf den Toiletten. Der nächste Scherz. Was sind Aktenhalter auf dem Klo? Kann man die Akten nicht am Schreibtisch zurücklassen? Oder ist der Zeitdruck so groß, dass auch beim Schei.... gearbeitet werden muss? Oder ist das ein Behelfsklopapier? Fragen über Fragen. Dazu sind die Kommunikationsleitungen "verschlissen". Passiert, wenn zuviel Information durchfliesst, bis nichts mehr von der Bevölkerung durchkommt...

    PS Einsparen könnte man beim Landespolizeiorchester....

  • Desdur Nahe

    Sachsen verzeichnete in den vergangenen Jahren immer wieder Rekordsteuereinnahmen, dennoch musste nun ein Kredit aufgenommen werden. Es scheint ein Naturgesetz zu sein:



    In der Politik wird immer alles Geld ausgegeben, was man hat. Gerne aber mehr.



    Deshalb befürchte ich auch, dass ein noch stärkeres Anzapfen "der Reichen" keine Linderung bringen würde: Die Projekte werden dann einfach im gleichen Maße größer und vor allem teurer.



    Ein Beispiel aus der Praxis:



    Zwischen 2011 und 2024 haben sich die staatlichen Investitionsmittel für die Schieneninfrastruktur um mehr als 300% erhöht.



    Im gleichen Zeitraum ist die real verbaute Menge an Schienen, Weichen, Schwellen etc. aber nur um ca. 21 Prozent gestiegen.

  • Maxhamburg

    Der Bund der "Steuerzahler" ist doch der Verein der Besserverdienenden, die jeden Euro an Steuerabgaben furchtbar finden. Aber immer was zu mäkeln haben, wenn mit anderer Leute Steuern irgendwas gemacht wird.



    Und jetzt dürfen die sich auch noch in der taz wiederfinden.....