Architekt de Meuron über Elbphilharmonie: „Was mich beeindruckte, war der große Wille der Stadt“
Vor gut zehn Jahren eröffnete in Hamburg die spektakuläre und vieldiskutierte Elbphilharmonie. Ihr Architekt Pierre de Meuron spricht darüber, was Bauen kann und muss.
Foto: Sophie Wolter/Elbphilharmonie
taz: Die Elbphilharmonie wird zehn Jahre alt. Wenn Sie nach Hamburg kommen und das Gebäude sehen: Was empfinden Sie?
Pierre de Meuron: Ich empfinde eine große Freude. Die Elbphilharmonie ist ein Haus für alle – und ihr Erfolg bestätigt all das, was damals erdacht, gezeichnet, geplant und schließlich gebaut wurde.
ist ein Schweizer Architekt. Zusammen mit Jacques Herzog gründete er 1978 das mit vielen Preisen ausgezeichnete Architekturbüro Herzog & de Meuron in Basel, das weltweit Gebäude und urbanistische Projekte plant und baut, unter anderem das Museum M+ in Hong Kong, die Tate Modern in London, das Berlin Modern. Vor zehn Jahren stellten Herzog & de Meuron die Elbphilharmonie in Hamburg fertig.
taz: Am 31. Oktober 2016 leuchtete auf der gläsernen Fassade das Wort „FERTIG“. Welches Wort sollte da heute leuchten?
de Meuron: „MAGISCH“.
taz: Vom 5. Oktober an kostet der Besuch der Plaza 5 Euro. Ein Ort, der einst als frei zugänglicher öffentlicher Raum gedacht war, wird damit teils kommerzialisiert. Ist das aus Ihrer Sicht nachvollziehbar oder ein Widerspruch zur ursprünglichen Idee?
de Meuron: Nein, ich sehe darin keinen Widerspruch. Man kann die Plaza weiterhin besuchen – daran ändert sich nichts. Auch ein Wahrzeichen wie der Eiffelturm in Paris ist öffentlich zugänglich, und trotzdem zahlt man Eintritt. Der Eintritt macht die Plaza nicht zum exklusiven Ort, sondern hält sie zugänglich – und das zu einem, wie ich meine, vernünftigen Preis.
taz: Kaum ein deutsches Kulturgebäude hat vor seiner Eröffnung so heftige Debatten ausgelöst. Haben Sie jemals daran gezweifelt, dass die Elbphilharmonie einmal zu einem allgemein akzeptierten Wahrzeichen werden könnte?
de Meuron: Wie ein Gebäude wie die Elbphilharmonie schließlich von der Bevölkerung angenommen wird, weiß man nie. Und wie Sie wissen, hatte dieses Haus eine sehr bewegte Entstehungsgeschichte. Was mich von Anfang an beeindruckte, war der große spürbare Wille der Stadt, dieses Haus zu ermöglichen. Auf unserer Seite wussten wir, dass es ein starker Entwurf war, aber zum Wahrzeichen wurde das Haus erst durch seine Nutzerinnen und Nutzer: dadurch, dass das Gebäude nicht nur als Konzerthaus funktioniert, sondern zu einem Ort geworden ist, den viele Menschen im Alltag besuchen und mit Hamburg verbinden.
taz: Wann gehört ein Bauwerk eigentlich nicht mehr dem Architekten, sondern den Menschen, die es nutzen?
de Meuron: Ab dem Zeitpunkt der Eröffnung. Das ist einer der großartigsten Momente für uns Architekten: wenn die Menschen das Haus betreten und es sich zu eigen machen.
taz: Haben Sie in Ihrer Karriere Situationen erlebt, in denen Sie einen Auftrag aus ethischen Gründen infrage gestellt oder sogar abgelehnt haben?
de Meuron: Als Russland in die Ukraine einmarschierte, haben wir reagiert und unsere russischen Projekte gestoppt. Es gehört zur Kultur unseres Büros, dass wir immer genau verstehen wollen, in welchem politischen Umfeld, in welchem kulturellen Kontext ein Projekt entstehen soll; auch davon hängen unsere Entscheidungen ab.
taz: Die Baubranche gehört zu den ressourcenintensivsten Industrien überhaupt. Wie geht man als Architekt mit dem Widerspruch um, einerseits Räume schaffen zu wollen und andererseits zwangsläufig Umweltverbrauch zu verursachen?
de Meuron: Die Elbphilharmonie steht auf einem Bestandsgebäude, dem ehemaligen Kaispeicher A. Es wurde also kein neuer Ort bebaut, sondern ein bestehender Ort weiterentwickelt – und ein bis dahin eher unbelebtes Quartier aufgewertet und attraktiv gemacht. Das zeigt, dass sich ökologische Verantwortung und städtebauliche Wirkung nicht ausschließen, sondern ergänzen können. Die Tate Modern London ist ein anderes Beispiel; aus dem ursprünglichen Ölkraftwerk wurde das Museum für moderne und zeitgenössische Kunst. Das Gebäude hat seit seiner Eröffnung das Viertel und die Umgebung am South Bank in London grundlegend verändert. Das Museum verwandelte ein verlassenes Industriegebiet in ein lebendiges kulturelles Zentrum. Bei der Frage der Ressourcen geht es immer um das richtige Maß. Architektur muss neben der ökologischen immer auch eine soziale und ökonomische Antwort finden, wobei gerade in Städten die Schaffung sozialer Räume zentral ist. Man sollte dabei nicht nur kurzfristig rechnen – Qualität, Dauerhaftigkeit, gute öffentliche Räume und langlebige Materialien schaffen langfristig einen hohen, nachhaltigen Mehrwert und vermeiden Folgekosten.
taz: Architektur gehört zu den wenigen Künsten, die ihre Urheber oft überleben. Was bedeutet es für Sie, zu wissen, dass Ihre Bauten über Ihre eigene Lebenszeit hinaus bestehen werden?
de Meuron: In erster Linie bedeutet dies eine große Verantwortung. Wir wollen Projekte realisieren, die Bestand haben, die lange genutzt werden können, die aber auch flexibel genug konzipiert sind, dass sie sich mit den Jahren verändern können. Vielleicht werden aus einem Bürogebäude Wohnungen, aus einem Museum eine Universität? Wer weiß. Wir wollen grundlegend nachhaltig bauen – in einem sehr umfassenden Sinn.
taz: Was würde Sie mehr freuen: dass die Elbphilharmonie in hundert Jahren noch genauso aussieht wie heute oder dass sie sich durch neue Nutzungen und Umbauten weiterentwickelt hat?
de Meuron: Die Elbphilharmonie soll sich weiterentwickeln und dabei lebendig bleiben. Auch die Musikwelt muss sich wandeln, um weiterhin ein breites Publikum, insbesondere jüngere Menschen, für Konzerte zu begeistern. Die Beziehung zwischen Musik, Publikum und Raum sollte neu und unkonventionell gedacht werden. Ich meine, dass sich die Elbphilharmonie, vor allem der Große Saal mit seiner zentralen Bühne, hervorragend dafür eignet, heute und auch in Zukunft.
taz: Wenn in hundert Jahren jemand vor der Elbphilharmonie steht und nichts über Herzog & de Meuron weiß: Was sollte dieses Gebäude dieser Person erzählen?
de Meuron: Komm nach oben und genieße den atemberaubenden Rundumblick und erlebe gemeinsam magische Musikerlebnisse!
Das Interview wurde per E-Mail geführt.
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