„Naza“ sorgt für Aufruhr: Morddrohungen und rechte Hetze
Der Dokumentarfilm „Naza“ sorgt für Aufregung in Israel. Vor dem Elternhaus einer der Regisseur:innen versammeln sich rechtsradikale Aktivisten.
Foto: Sharon Eilon/imago
Die Menschenmenge klatscht und johlt, als der Star der Veranstaltung seinen Auftritt hinlegt. „Mordechai David! Mordechai David“, schreien Teenager und erwachsene Männer, als wäre dies ein Rockkonzert unter freiem Himmel. Frauen neigen sich dem jungen Mann entgegen, schießen ein Selfie. Doch David, schwarze Baseballkappe und breites Grinsen, ist kein Popsänger. Sondern ein rechtsradikaler Aktivist, den der israelische Geheimdienst Shin Bet bereits zweimal aufgesucht hat, um sich zu vergewissern, ob er gefährlich sei. Das hat David der Zeitung Ha’aretz im vergangenen Jahr bestätigt. Er hat mehrere einstweilige Verfügungen und eine Verurteilung wegen versuchter Brandstiftung hinter sich.
David steht an diesem schwülen Mittwochabend vor der kleinen Villa von Rachel Szors Eltern, in einer wohlhabenden Gemeinde außerhalb Tel Avivs. Mit ihm sind rechte Influencer, Aktivist:innen und empörte Bürger:innen gekommen. Ihre Wut gilt dem Dokumentarfilm „Naza“, den Rachel Szor und Yuval Abraham gedreht haben. Darin schildern zwei Dutzend israelische Soldat:innen und Geheimdienstler, wie hoch die Toleranz bei menschlichen Kollateralschäden in Gaza sei. Sprich: bei zivilen Opfern. Und wie wenig Sorgen sich die Armee darüber mache, wie einkalkuliert das Töten von Zivilist:innen in der KI-unterstützten Kriegsführung sei. Schätzungen zufolge starben rund 73.000 Menschen in Gaza, mindestens die Hälfte davon sind Kinder, Frauen und ältere Personen.
Bei den Internationalen Filmfestspielen in Venedig hat der Film für Aufsehen gesorgt. Und zu Hause in Israel für Morddrohungen. „Tod den Verrätern!“, schreit eine Frau vor der Villa, nicht weit entfernt von zwei Mädchen im Grundschulalter. „Es sind alles Lügen, wir kennen unsere Armee“, sagt eine andere, elegant angezogene Frau. „Unser Militär hat Moral, ich weiß, dass alles falsch ist“, fügt ein 50-jähriger Mann hinzu, der eine israelische Flagge schwenkt. „Mein Sohn dient.“
Vorwürfe sind nicht neu
In den sozialen Netzwerken wurde zu diesem Protest aufgerufen, etwa 40 bis 50 Menschen haben sich versammelt. Einige haben Kinder, andere ihre Pudel und Dackel dabei. Einer ist vom Strand direkt hierhergefahren, hat die Badehose abgestreift und die israelische Fahne hochgehievt. Gesehen hat den Film hier keiner, aber das ist eher zweitrangig. Sie schreien gegen etwas, das niemand unter ihnen angeschaut hat, doch alle zu kennen glauben.
Auch unter konservativen Politikern hat die Dokumentation Aufruhr verursacht. Kulturminister Miki Zohar kündigte an, den beiden Filmschaffenden die Staatsbürgerschaft entziehen zu wollen. Premierminister Benjamin Netanjahu will ein entsprechendes Gesetz auf den Weg bringen für Israelis, die die Armee diffamieren, und nannte die Dokumentation „schockierende Hetze“. Das Militär bestreitet jede Anschuldigung.
Die Vorwürfe sind nicht neu. Das israelische Medium +972 Magazine hatte bereits 2024 über hohe zivile Opferzahlen und mangelnde Verantwortung durch KI-gestützte Militärsysteme geschrieben. Der Film hat jetzt jedoch viel mehr Aufmerksamkeit bekommen. Und Israel befindet sich mitten im Wahlkampf, denn am 27. Oktober soll gewählt werden.
Aktivist David tritt fast bescheiden in die Mitte des Kreises und nimmt den Lautsprecher in die Hand, um ihn herum drehen Influencer Selfievideos. Ein Kameramann, der beschuldigt wird, für linke Medien zu arbeiten, wird umzingelt und weggejagt. „Unser Militär ist das Wichtigste“, schreien die Demonstrant:innen.
Durch die Frauen und Männer, die Fahnen von verschiedenen Militärabteilungen schwenken, schlendert unauffällig ein Nachbar der Familie. Er selbst sei beim Militär, sagt er, und wisse, dass man versuche, so wenig Schlechtes wie möglich zu tun. Den Film habe er aber nicht gesehen, also könne er sich nicht dazu äußern. Den Protest sieht er kritisch. „Wir haben Wahlen. Es ist alles für die Wahlen. Jemand versucht, mehr Extremisten aufzuwühlen. Das hat nichts mit den Filmemachern zu tun.“
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