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Bundestrainer Klopp stolz auf Vielfalt Ein überzeugender Botschafter

Kommentar von

Johannes Kopp

Jürgen Klopp macht sich in Abgrenzung zur AfD für einen Patriotismus der Vielfalt stark. Ein starkes Zeichen anlässlich der ersten Nominierung.

W as Jürgen Klopp am Donnerstag eine Woche vor seiner Premiere als Bundestrainer in Amsterdam zu verkünden hatte, war eigentlich schon furios genug. 44 Nationalspieler, darunter 16 Neulinge, hat er für den Neuanfang nach dem kläglichen Scheitern bei der WM nominiert. Namen fanden sich darunter, die so mancher Fußballfan noch heimlich nachgoogeln musste.

Aber noch unerwarteter war sein politisches Anliegen, das er bei dieser Gelegenheit präsentierte: „Ich würde mir oder uns gerne die Fahne zurückholen, wenn ich ganz ehrlich bin.“ Zuvor hatte er an die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt und an den Schrecken erinnert, welche das erfolgreiche AfD-Ergebnis bei vielen ausgelöst hatte. Klopp bekundete, er wolle Nationalstolz nicht den falschen Leuten überlassen. Man könne stolz auf Deutschland und trotzdem vielfältig, nett und freundlich sein.

Ähnliches soll Klopp vor zwei Wochen bereits bei einer Mitarbeitendenversammlung in der DFB-Akademie bekundet haben. Im Rahmen der viel beachteten und bundesweit live gestreamten Pressekonferenz hatten die Worte von einem, der die DFB-Elf anleitet, aber ganz besonderes Gewicht. Denn lange Zeit galt sie als Premiumprodukt deutschen Stolzes und soll dies nach Klopps überbordenden optimistischen Vorstellungen auch wieder werden.

Wie sehr sich Fußball-Bundestrainer mittlerweile für das Große und Ganze weit über den Fußball hinaus mitverantwortlich fühlen, ist durchaus bemerkenswert. Politische Äußerungen von Bundestrainern gab es zwar schon früher, aber sie waren eher nicht von solcher Tragweite. So hatte etwa Bundestrainer Berti Vogts 1992 nach dem Überraschungssieg Dänemarks bei der Europameisterschaft von einem Telefongespräch mit Bundeskanzler Helmut Kohl erzählt: „Ich habe Kohl gesagt, dass es nicht geht, dass die Dänen aus der EG rauswollen, aber trotzdem Europameister werden.“

Anderer Akzent als bei Nagelsmann

Die Zeiten sind längst andere. Die gespaltene Stimmung im ganzen Land hatte schon Klopps Vorgänger Julian Nagelsmann zum Thema gemacht, als er eine aus seiner Sicht sehr erfolgreiche deutsche Heim-EM 2024 resümierte. Er beklagte die depressive Atmosphäre in Deutschland und pries die DFB-Elf als mögliches Vorbild für Gemeinsinn. Dem Team, so Nagelsmann, sei es gelungen, eine Symbiose zwischen der Mannschaft und den Menschen im Land zu schaffen. Nagelsmann hatte die etwas vermessene Vorstellung, der Fußball könne in einer gespaltenen Gesellschaft Gräben zuschütten, Konflikte entschärfen.

Klopp will nicht nur sportlich andere Akzente als Nagelsmann setzen, er hat es am Donnerstag auch gesellschaftspolitisch getan. Der Fußball und ganz konkret das deutsche Nationalteam und viele der Neuberufenen stehen für die Vielfalt in diesem Land und gelungene Integration. Daraus ergibt sich ein „Wir“ von dem Klopp sprach, das mit einem völkisch verstandenen Nationalstolz einer AfD nicht zusammenpasst.

Der Multimillionär Klopp wird gerne als Kumpeltyp und „The Normal One“, wie er sich einst selbst bezeichnete, wahrgenommen. Ein Hang zum Populismus ist ihm nicht fremd. Aber eine Haltung, die nicht nach möglichst großen Beliebtheitswerten schielt, hat Jürgen Klopp eben auch. Das hat er am Donnerstag erfreulicherweise besonders deutlich gemacht. Vielen ist er als Werbebotschafter für Versicherungen, Autos, Bier und alles Mögliche bekannt. Als Botschafter für Werte, die sich auch der Sport auf seine Fahnen schreibt, hat er eine viel überzeugendere Strahlkraft.

Nach dem Erfolg der AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt bangen viele Menschen um die Zukunft, es droht die erste AfD-Regierung. Das wäre eine (weitere) Zäsur für Deutschland. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Johannes Kopp taz-Sportredakteur

Jahrgang 1971, bis Ende März 2014 frei journalistisch tätig. Seither fest mit dem Leibesübungen-Ressort verbunden.
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2 Kommentare

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  • Mondschaf26

    „Findet endlich den passenden Deckel!" - adidax hat ihn kreiert. Wird sicher ein Riesengeschäft.



    taz.de/Steigende-Benzinpreise/!6208222/ (s. Headline)

  • Philippo1000

    Klopp?



    ...find' ich gut!



    So geht es vielen Deutschen.



    Schön, dass uns der Bundestrainer die Möglichkeit gibt,



    das Deutschsein jenseits der "afd" zu leben.



    Es ist nämlich nur eine Pose "antideutsch" zu sein.



    Wer hier mitbestimmen will, muss seine Staatsbürgerschaft anerkennen.



    Wir holen uns die Fahne zurück ist ein schönes Bild.



    Die Rechten fremdeln ja schon länger mit Multi Kulti im Sport.



    Daher ist auch der Fußball für Rechte kompliziert.



    Wir sollten das als Chance begreifen.



    Merz ist gewählt, aber er hat halt weder Feeling noch irgendwas integratives.



    Warum also nicht einfach mal auf einen Sympathieträger setzen?



    Klopp versucht, ganz breit angelegt, einen Neuaufbau der Mannschaft.



    Das brauchen wir gesellschaftlich auch.



    Einfach mal resetten.



    Was Neues wagen, statt nur Altem nachjammern.



    Mal ganz undeutsch das Glas halbvoll betrachten.



    Demokratie ist schwierig.



    Aber es läuft ja jetzt schon eine ganze Zeit ganz gut.



    Ein bisschen frischer Wind ist jedoch kein Fehler.



    Wenn die Mehrheit gemeinsam mal tief Luft holt, bleibt der "afd" die Luft weg.



    Wir sollten uns nicht verstecken und gemeinsam arbeiten, egal ob Höcke hetzt oder Weidel kneift.



    Einfach mit breiter Masse verdrängen.